Verbraucher-Tipps

So beziehen Sie immer günstig Strom – ohne sich zu kümmern

Die Strompreise sind auf einem Rekordhoch (Symbolbild).

Die Strompreise sind auf einem Rekordhoch (Symbolbild).

Foto: Imago/MIS

Start-ups suchen für Kunden ständig nach niedrigen Preisen und organisieren den Wechsel – gegen Gebühr. Lob von Stiftung Warentest.

Hamburg.  Rund zwei Drittel der mehr als 800 Grundversorger in Deutschland haben die Strompreise im ersten Quartal dieses Jahres erhöht, durchschnittlich um fünf Prozent erhöht. Auch Vattenfall in Hamburg. Das durchschnittliche Preisniveau in Deutschland ist damit auf ein Rekordhoch von 29,42 Cent je Kilowattstunde geklettert. „Der Anstieg wird sich auch in den kommenden Monaten weiter verfestigen“, sagt Valerian Vogel, Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox.

Bis Ende Mai werden weitere 62 Grundversorger ihre Tarife erhöhen. Nach der Pleite des Discountanbieters Bayerische Energieversorgung (BEV) dürfte die Wechselbereitschaft der Kunden aber nicht gerade gestiegen sein, denn viele Verbraucher fürchten jetzt, bei einem unseriösen Anbieter zu landen und scheuen einen Wechsel. Neue Dienstleister haben jetzt aus der Trägheit des Kunden ein Geschäftsmodell gemacht.

Sie versprechen, für den Kunden jedes Jahr den Wechsel günstigsten und fairsten Stromanbieter zu organisieren. Was genau leisten die sogenannten Tarifaufpasser? Wie seriös sind diese Anbieter? Wo liegen die Vorteile gegenüber Vergleichsportalen wie Check24 oder Verivox? Das Abendblatt sprach mit Experten und beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem neuen Service.


Welche Probleme drohen bei einem Anbieterwechsel?
Mit wenigen Daten wie Jahresverbrauch und Postleitzahl lassen sich bei Vergleichsportalen wie Check24 oder Verivox günstige Anbieter auflisten. Doch der Nutzer muss selbst entscheiden, zu welchem Unternehmen er wechselt. Dabei gibt es viele Fragen: Wie seriös ist der Anbieter? Werden hohe Boni, die zu einem günstigen Strompreis im ersten Jahr führen, auch wirklich ausgezahlt?

Da gibt es viele schlechte Erfahrungen. „Einige Anbieter erhöhen die Preise im zweiten Jahr deutlich. Wer nicht rechtzeitig kündigt, ist dann oft ein Jahr an den dann teuren Anbieter gebunden“, sagt Marion Weitemeier von der Stiftung Warentest. „Viele Verbraucher wollen gar nicht unbedingt den günstigsten Preis, sondern ein faires Angebot und jemanden, der sich um alles kümmert. Dem kommen die neuen Tarifaufpasser mit ihren Dienstleistungen entgegen.“


Was tun die neuen Dienstleister?
Die Tarifaufpasser sortieren unfaire Versorger aus und vermitteln Kunden auch nicht an Firmen wie die inzwischen insolvente BEV, wie ein Langzeittest der Stiftung Warentest gezeigt hat. „Bevor wir Strom- und Gasanbieter als Empfehlung kennzeichnen, werden diese von uns sorgfältig geprüft“, sagt Jan Rabe, Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Tarifaufpassers Wechselpilot, der von der Stiftung Warentest mit „sehr empfehlenswert“ bewertet wurde.

Bei der Prüfung durch Wechselpilot geht es um juristische Kriterien, zuverlässigen Service und Datensicherheit. „Auch unsere laufende Erfahrung mit den Anbietern, insbesondere die Kommunikation mit dem Kundenservice, die Wechselgeschwindigkeit, sowie die Verlässlichkeit der Bonuszahlungen fließen in unsere Rankings ein“, sagt Rabe. Je nach Anbieter erhalten die Kunden auf Basis ihres Stromverbrauchs über einen Online-Rechner oder per E-Mail mehrere Tarifempfehlungen. Die Wechselassistenten übernehmen auch die Formalitäten des Wechsels. Als Nutzer muss man sich bei diesen Dienstleistern anmelden.


Welchen Einfluss haben Kunden auf den gewählten Tarif?
Der Wechsel des Stromversorgers im zweiten Jahr erfolgt bei den meisten Anbietern automatisch. Er ist notwendig, um erneut eine Einsparung zu erzielen, von der auch die meisten Tarifaufpasser durch ihre Provisionen profitieren. Allerdings wird dem Kunden meist eine Frist von zwei Wochen eingeräumt, in der er der Empfehlung widersprechen kann, um sich für einen anderen Tarif zu entscheiden. „Wir machen dem Kunden drei Tarifvorschläge, unsere eigene Empfehlung, eine Empfehlung für einen Ökostromtarif und einen Tarif ohne Bonuszahlungen“, sagt Rabe von Wechselpilot. „Der Kunde hat zehn Tage die Möglichkeit den jeweiligen Tarifvorschlag zu bestätigen. Falls es zu keiner Reaktion des Kunden kommt, findet der Wechsel entsprechend unserer Empfehlung statt.“ Die Anbieter Energyhopper und Stromauskunft handeln jedoch nur nach vorheriger Zustimmung des Kunden.


Was kosten die Tarifoptimierer?
Die meisten Anbieter verlangen 20 oder 30 Prozent von der erreichten Ersparnis als Provision. Dafür muss sich der Verbraucher nicht mehr um Kündigungsfristen und Wechselformalitäten kümmern. Von den sehr empfehlenswerten Wechselassistenten erhebt Switchup keine Provision. Dafür bekommt das Unternehmen eine Provision von dem neuen Stromanbieter. Stiftung Warentest sieht darin kein Problem. „Wir haben im Test bei Switchup keine grundsätzlich anderen Tarif-Empfehlungen gefunden als bei Anbietern, die eine Provision verlangen“, sagt Weitemeier.


Wie verlässlich sind die Dienstleister?
Die Stiftung Warentest hat vier Dienstleister als „sehr empfehlenswert“ bewertet. Das sind Esave, Switchup, Wechselpilot und Wechselstrom-ac. Weitere vier Anbieter bekamen ein „empfehlenswert“. „Für Verbraucher, die es bequem haben wollen, ist das eine gute Sache“, sagt Andrea Grimm von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Die empfohlenen Tarife waren so gut wie nie wesentlich teurer als die Preissieger auf den Listen von Check24 oder Verivox“, sagt Weitemeier. Bei allen Dienstleistern im Test funktionierten Tarifauswahl und Wechsel reibungslos.


Wie wurde getestet?
Es handelt sich um einen Langzeittest, bei dem die Leistungen vom ersten Wechsel bis zur Tarifempfehlung für das zweite Vertragsjahr bewertet wurden. Der vorgeschlagene Tarif durfte höchstens fünf Prozent teurer sein als der günstigste Tarif der Vergleichsrechner. Zudem musste es eine transparente Ersparnisabrechnung geben und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und die Datenschutzerklärung wurden auf Mängel geprüft, die Kunden benachteiligen.


Wie schnell können die Wechseldienste wieder gekündigt werden?
Es ist kein Problem, sich von den Dienstleistern wieder zu verabschieden. Der Kunde geht keine langfristige Vertragsbindung ein. In der Regel beträgt die Kündigungsfrist vier Wochen zum Ende eines Kalendermonats. Bei Switchup und Switchandsave ist eine Kündigung jederzeit möglich.


Lassen sich die Wechseldienste auch ohne Internet nutzen?
Über das Internet ist die Abwicklung sicher komfortabler, aber vier Dienste sind auch offline nutzbar. Hier ist eine Abwicklung per Post und Telefon möglich. Es sind: Esave (07732/8909387), Switchandsave (0151/64505869), Wechselfabrik (0941/38230629) und Wechselstrom-ac (0241/89439273).


Welche Einsparung ist mit den Tarifaufpassern möglich?
Das Hamburger Unternehmen Wechselpilot hat das für eine Familie errechnet, die noch im Grundtarif von Vattenfall ist und jährlich 4000 Kilowattstunden (kWh) verbraucht. Die jährliche Energierechnung liegt bei rund 1350 Euro. Knapp 200 Euro könnte sie im ersten Jahr durch einen Wechsel zu Shell PrivatEnergie und den Tarif Strom Bonus 12 sparen. Davon müsste sie rund 40 Euro Provision an Wechselpilot abtreten. Wenn sich die Familie für einen Öko-Tarif entscheidet, liegt die Einsparung noch bei rund 180 Euro im ersten Jahr.


Warum ist der Strompreis in Deutschland jetzt so hoch?
Die Verbraucher bekommen jetzt die 2018 gestiegenen Beschaffungskosten der Versorger zu spüren. Bezahlten die Unternehmen für das Lieferjahr 2017 im Schnitt knapp über 30 Euro für eine Megawattstunde Strom, mussten sie 2018 mehr als 50 Euro bezahlen. Der Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft verweist auf steigende Preise für die Brennstoffe, die zur Stromerzeugung eingesetzt werden: Kohle und Erdgas. Zudem steigen die Preise für Zertifikate, die von Kraftwerksbetreibern für CO2-Emissionen gekauft werden müssen. Seit Beginn der Liberalisierung des Strommarktes 1998 ist der Anteil der Steuern und Abgaben am Strompreis um fast 300 Prozent gestiegen.