Hamburg

Was beim Windkraftkonzern Senvion zur Insolvenz führte

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Wolfgang Horch und Martin Kopp
Eine Windanlage im Morgennebel. Rund um den Windanlagenbauer Senvion ziehen derweil dunkle Wolken auf (Symbolbild).

Eine Windanlage im Morgennebel. Rund um den Windanlagenbauer Senvion ziehen derweil dunkle Wolken auf (Symbolbild).

Foto: Arnulf Stoffel / dpa

Das Hamburger Unternehmen will sich in Eigenregie sanieren. Zwei Hedgefonds stehen bereit, doch die Banken sperren sich.

Hamburg. Im vergangenen Dezember war die Freude bei Yves Rannou groß. Der gebürtige Franzose war gerade zum neuen Vorstandschef des Hamburger Windkraftanlagenherstellers Senvion ernannt worden. Er freue sich sehr bei der Firma anzufangen, sagte Rannou: „Das Unternehmen verfügt über eine perfekte Basis, um sein globales Wachstum fortzusetzen.“

Im Januar trat er sein Amt an – doch schon bald darauf dürfte die Freude getrübt gewesen sein. Der frühere Manager von General Electric dürfte mehr Probleme vorgefunden haben als erwartet. Am Dienstag haben die Senvion GmbH und ihre Tochtergesellschaft Senvion Deutschland GmbH Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Davon betroffen sind insgesamt 1800 Mitarbeiter, davon rund 500 Beschäftigte in der Hamburger City Nord.

Offenbar fehlen Senvion 100 Millionen Euro

In den vergangenen Wochen hatte das Unternehmen versucht, sich mit den Kreditgebern auf eine weitere Finanzierung zu einigen. Laut Insidern fehlen rund 100 Millionen Euro. Zwar gebe es wohl Angebote von Investoren, diesen Betrag bereitzustellen, aber auf die Bedingungen konnten sich die Parteien nicht einigen. Mit der Insolvenz in Eigenverwaltung soll das im Januar eingeleitete Sanierungsprogramm beschleunigt werden. „Auch wenn es uns bisher noch nicht gelungen ist, durch eine Refinanzierung etwas mehr Freiraum zu gewinnen, so können wir doch auf ein grundsätzlich solides und starkes Geschäftsmodell bauen“, sagte Rannou.

Das Auftragsbuch sei knapp fünf Milliarden Euro schwer, heißt es aus Unternehmenskreisen. Allein 2,8 Milliarden Euro davon umfassen Serviceverträge. Die Produktion und das Servicegeschäft sollen weitergeführt werden. Zu dem finanziellen Engpass sei es durch operative Probleme im vergangenen Jahr gekommen. So hätten neben hausgemachten Schwierigkeiten zum Beispiel ein Bombenfund in Australien und anhaltend schlechtes Wetter in Südamerika den Aufbau von Windturbinen verhindert.

Verlust von 157 Millionen Euro

Dadurch sei der Umsatz geringer ausgefallen als erwartet, was sich negativ auf den Cashflow auswirkte. Im ersten Quartal soll das Geschäft deutlich besser gelaufen sein. Die installierte Leistung habe sich mit 366 Megawatt mehr als verdoppelt, heißt es aus Firmenkreisen. Die für den 15. Mai geplante Veröffentlichung des Finanzergebnisses für das erste Quartal wurde allerdings ebenso wie die für den 23. Mai vorgesehene Hauptversammlung verschoben. Zumindest in den Jahren 2016 und 2017 machte das Unternehmen unterm Strich einen Verlust von zusammen rund 157 Millionen Euro. Für 2018 gibt es keine Zahlen.

Während der Insolvenz in Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsleitung im Amt. Sie wird während des Verfahrens durch die Sanierungsexperten Gerrit Hölzle und Thorsten Bieg unterstützt. Das Amtsgericht Hamburg bestellte als vorläufigen Sachwalter Christoph Morgen. „Wir diskutieren aktuell Finanzierungsoptionen; falls erfolgreich, könnten wir den eingeleiteten Prozess abbrechen“, sagte Rannou. Hauptaktionär Centerbridge wolle sich an einer außergerichtlichen Sanierungsvereinbarung beteiligen, heißt es. Senvion kündigte an, dass im Laufe der Woche voraussichtlich drei weitere Firmen Anträge auf Insolvenzeröffnung stellen werden.

Einst war Senvion 1,3 Milliarden Euro teuer

An der Börse rauschten die Senvion-Aktien, die zu 28,7 Prozent im Streubesitz sind, in den Keller. Sie schlossen mit einem Minus von 44 Prozent auf 65 Cent. Vorbei sind die Glanzzeiten von vor zwölf Jahren, als der französische Atomenergiekonzern Areva und der indische Windenergiekonzern Suzlon eine Übernahmeschlacht um das stark wachsende Unternehmen führten, dass 2001 vom ehemaligen Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD) aus vielen kleinen Betrieben gegründet und 2002 an die Börse gebracht worden war.

Suzlon zahlte letztlich 150 Euro pro Aktie und insgesamt 1,3 Milliarden Euro. Doch Suzlon-Eigentümer Tulsi Tanti hatte sich übernommen. Suzlon geriet in finanzielle Schwierigkeiten und wollte mit einem Verkauf von Repower Schulden tilgen. 2014 wurde Repower in Senvion umbenannt, nachdem die Lizenz zur Namensnutzung ausgelaufen war. Im Jahr darauf verkaufte Tanti seine Anteile an den US-Fonds Centerbridge, der mit 71,3 Prozent noch heute größter Anteilseigner ist. 2016 ging der Windkraftanlagen-Hersteller erneut an die Börse – heute ist Senvion noch knapp 48 Millionen Euro wert.

IG Metall Küste fordert Unterstützung von der Politik

Die IG Metall Küste fordert unterdessen Unterstützung der Landesregierungen in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein ein, um Zukunftsperspektiven für die Beschäftigten zu bieten. „Wir werden auf die Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister zugehen und mit ihnen beraten, welche kurzfristigen Maßnahmen zur Sicherung der Beschäftigung und Standorte möglich sind“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste.

Er kündigte für Freitag ein erstes Treffen mit den Betriebsräten an. Dort sollen weitere Schritte geplant werden. „Die Ankündigung ist ein Schock für die Mitarbeiter, die über Jahre ihr Know-how für das Unternehmen und die Windkraftbranche eingebracht haben“, sagte Geiken: „Dass die finanzielle Situation angespannt ist, war allen klar. Aber dass Eigentümer und Banken sich bisher nicht einigen konnten, weiteres Geld einzusetzen, und den Gang zum Insolvenzrichter in Kauf nehmen, ist beunruhigend.“ Unklar sei auch, was der Einstieg von neuen Investoren mit kurzfristigem Interesse bedeute.

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