Elbe

Wohin jetzt mit Hamburgs Hafenschlick? Der Druck ist immens

| Lesedauer: 7 Minuten
Martin Kopp
Ein Bagger holt  Schlick aus einem Hamburger Hafenbecken. Das Baggern ist teuer. Die eigentliche Frage ist aber, wohin mit dem Baggergut?

Ein Bagger holt Schlick aus einem Hamburger Hafenbecken. Das Baggern ist teuer. Die eigentliche Frage ist aber, wohin mit dem Baggergut?

Foto: picture alliance/dpa/Axel Heimken

Niedersachsen und Schleswig-Holstein wollen ihn nicht. Wird er nun zum Deichbau verwendet? Und wie gefährlich ist er?

Hamburg. Die Hansestadt Hamburg steht bei einem ihrer größten Probleme plötzlich ohne Hilfen der Nachbarländer da. Es geht um den Schlick, der täglich tonnenweise in der Elbe und im Hafen anfällt und die Schifffahrt massiv beeinträchtigt.

Nachdem die neue Landesregierung in Niedersachsen beschlossen hat, gegen seine geplante Verklappung bei Scharhörn zu klagen, erhöht jetzt Schleswig-Holstein ebenfalls den Druck. Auch die Landesregierung in Kiel lehnt eine Verklappung der Sedimente bei Scharhörn ab. Und der Vertrag Schleswig-Holsteins mit Hamburg zur Abladung von Schlick beim Seezeichen Tonne E3 nahe Helgoland läuft Ende des Monats aus. Wohin also mit Hamburgs Schlick? Worum sich der Streit dreht, ob die Sedimente gefährlich sind und wie eine Lösung aussehen könnte, beantwortet das Abendblatt.

Streit um Schlick aus der Elbe: Wo wird überall gebaggert?

Im Hamburger Hafen wird ständig gebaggert. Köhlfleet, Kuhwerder Hafen, Parkhafen, Waltershof, Rethe, Sandauhafen, Süderelbe – die Liste der Stellen, an denen sich Sedimente im Wasser absetzen und die Schifffahrt der Gefahr von Untiefen aussetzen, ist lang. Viele Millionen Kubikmeter dieser sogenannten schluffdominierten Feinsedimente, die sowohl aus feinem Sand wie auch aus organischen Schwebstoffen – etwa abgestorbenem Plankton – bestehen, fallen jährlich an. Allein im vergangenen Jahr hat die zuständige Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA) insgesamt 6,1 Millionen Tonnen Trockensubstanz ausbaggern und wegschaffen müssen.

Davon gingen 1,5 Millionen Tonnen in die Nordsee zur Tonne E3. 3,2 Millionen Tonnen hat die HPA an der Landesgrenze bei Neßsand in der Elbe verklappt, und 0,19 Millionen Tonnen mussten aufgrund ihres Schadstoffgehalts an Land behandelt und entsorgt werden. Zudem wurden erstmalig zwei bestehende Verbringstellen des Bundes in der Elbmündung genutzt: St. Margarethen mit 0,43 Millionen Tonnen Trockensubstanz und Neuer Lüchtergrund mit 0,48 Millionen Tonnen. Hinzu kamen noch 0,24 Millionen Tonnen reiner Sand, der für Baumaßnahmen, Aufspülungen und Kolkverfüllungen gebaggert und verwendet wurde. Die Kosten für diese Maßnahmen lagen bei knapp 95 Millionen Euro.

Hafenschlick: Worum dreht sich der Streit?

Hamburg hat im vergangenen Jahr wie in den Jahren davor den größten Teil seines Schlicks bei Neßsand in die Elbe gekippt. Von dort werden die Sedimente mit der Flut aber innerhalb weniger Wochen wieder zurück in die Hafenbecken gespült oder sie setzen sich in der sogenannten Begegnungsbox für besonders breite Schiffe ab, die im Zuge der Elbvertiefung in der Fahrrinne entstanden ist. Dort muss der Schlick dann wieder mühselig entfernt werden. Folglich ist Neßsand zur Verklappung die ungünstigste Lösung, wenn nicht gar seit der Elbvertiefung ausgeschlossen.

Machbar ist die Verbringung der Sedimente zur Tonne E 3 vor Helgoland auf schleswig-holsteinischem Gebiet. Von dort werden die Sedimente nicht in die Elbe zurückgespült. Sie sind dann für immer aus dem Kreislauf heraus. Hamburg hat diesbezüglich einen Vertrag mit Kiel, der eigentlich bis 2024 läuft, doch das darin vereinbarte Kontingent ist schon erschöpft. „Ende November ist Schluss“, heißt es aus Schleswig-Holstein. Weitere Verklappungsmengen seien nicht vereinbart.

Als dritte Lösung strebt Hamburg die Verklappung auf eigenem Gebiet bei Scharhörn an. Doch Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie die Umweltverbände lehnen das vehement ab. Sie befürchten den Eintritt schadstoffbelasteter Sedimente in das benachbarte als Weltkulturerbe der Unesco klassifizierte Naturschutzgebiet Wattenmeer. Damit sind die Möglichkeiten erschöpft. „Hamburg droht bei dem Thema blank zu gehen“, sagt der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Gunther Bonz.

Wie dringlich ist eine Lösung?

Der Druck, der auf den Behörden lastet, ist immens. Das betrifft sowohl Hamburg als auch den Bund, der für die Fahrstrecke der Elbe hinter der Landesgrenze verantwortlich ist. Derzeit sind in der Elbe großflächig sehr starke Sedimenteinträge insbesondere im Böschungsbereich erkennbar.

Gründe seien mehrjährige sogenannte Anpassungsreaktionen des Gewässerbettes nach der Elbvertiefung und mehrere Sturmfluten in diesem Frühjahr. Die Behörden haben die mit der Elbvertiefung freigegebenen Tiefgänge für Schiffe schon wieder zurücknehmen müssen.

Wie gefährlich ist der Schlick?

Hier gehen die Meinungen auseinander. Gunther Bonz vom Hafenverband sagt, die ausgebaggerten Sedimente würden umfangreich untersucht, und stark belasteter Schlick würde aussortiert und an Land aufgearbeitet. Zudem hätten Gutachten festgestellt, dass eine Verdriftung der Sedimente ins Naturschutzgebiet nicht stattfinde. Malte Siegert, Vorsitzender des Naturschutzbunds Nabu in Hamburg, sagt hingegen: „Der Hafenschlick ist mit Schadstoffen belastet und die Sorge der Nachbarländer nicht von der Hand zu weisen.“ Auch ein Verdriften ins Wattenmeer könne nicht ausgeschlossen werden.

Kann man die ausgebaggerten Sedimente auch zum Deichbau nutzen?

Die von Schleswig-Holsteins Umwelt­minister Tobias Goldschmidt (Grüne) vorgeschlagene Idee, das Baggergut zum Deichbau zu nutzen, anstatt es zu verklappen, ist nicht neu. Tatsächlich testet der Bund gerade Möglichkeiten, Schlick zu Baustoff zu wandeln. Auch Niedersachsen spricht sich dafür aus, allerdings unter einer strikten Trennung belasteter Sedimente. Der Unternehmensverband Hafen Hamburg unterstützt das. „Wir haben solche Lösungen der HPA bereits vor acht Jahren vorgeschlagen, wurden damals aber nicht gehört“, sagt Bonz.

Streit um Schlick aus der Elbe: Was plant Hamburg jetzt?

Die Wirtschaftsbehörde steht mit dem Rücken an der Wand. Sie muss das Baggergut dringend loswerden. Deshalb will die Behörde eine Verklappung bei Scharhörn durchsetzen. Nach eigener Rechtsauffassung kann sie das auch, weil es sich um Hamburger Hoheitsgebiet handelt. Einen entsprechenden Genehmigungsantrag hat Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) bei seinem Kollegen, Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne), eingereicht.

Dieser spricht sich für ein Gipfeltreffen mit den Nachbarländern aus: „Der enge Austausch zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg auf Staatsräte- und Arbeitsebene hat bislang nicht zu einem einvernehmlichen Vorgehen geführt, und mit Niedersachsen ist ein entsprechender fachlicher Dialog leider nicht gelungen. Vor diesem Hintergrund empfehle ich dringend einen politischen Gipfel, an dem die Wirtschafts- und Umweltminister aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen teilnehmen.“

Die Wirtschaftsbehörde weist darauf hin, dass man die Unbedenklichkeit ausführlich dargelegt habe. Sie will zudem zum Jahresende in Kiel eine weitere Schlickverklappung bei Tonne E 3 beantragen: „Wir setzen auf die Fortsetzung der laufenden Gespräche. Hamburg und Schleswig-Holstein stehen seit vielen Monaten in einem regelmäßigen engen und konstruktiven Austausch.“

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