Automobilindustrie

Mercedes' neue Strategie und das hanseatische Understatement

| Lesedauer: 9 Minuten
Matthias Kallis, Vertriebsdirektor bei Mercedes-Benz, erklärt die Neuausrichtung des Konzerns.

Matthias Kallis, Vertriebsdirektor bei Mercedes-Benz, erklärt die Neuausrichtung des Konzerns.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Matthias Kallis erklärt, wie die Marke sich neu aufstellen will – und warum diese Strategie perfekt zu Hamburg passt.

Hamburg. Mercedes-Benz ändert seine Strategie, setzt künftig vor allem auf teure, vollelek­tronische Luxusautos wie die G- oder S-Klasse und den AMG. A- und B-Klasse werden wohl mittelfristig aus dem Segment verschwinden, und auch bei den Verhandlungen müssen sich die Kunden umgewöhnen. In unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ spricht Matthias Kallis, Leiter der Mercedes-Benz-Niederlassungen in Hamburg und anderen norddeutschen Städten, über zu lange Lieferzeiten für Autos, zu viele Rabatte und wie es ist, wenn man als Fan von Verbrennermotoren plötzlich immer mehr Elektrofahrzeuge verkauft. Zu hören unter www.abendblatt.de/entscheider

Das sagt Matthias Kallis über …

… die neue Strategie von Mercedes-Benz:

„Es ist eine Strategie, die sich sehr konsequent am Kunden orientiert und auf die Werte besinnt, die unsere Marke ausmachen. Wir haben schon immer faszinierende Autos gebaut, jedoch manchmal unseren Fokus nicht deutlich genug gesetzt. Jetzt haben wir das Ziel und den klaren Anspruch formuliert, die begehrenswertesten Autos der Welt zu bauen.“

… neue Produktkategorien:

„Die Strategie stützt sich in Zukunft auf drei Bereiche: Entry-, Core- und Top-End-Luxury. Bei den Einstiegsmodellen werden wir die Karosserievarianten von sieben auf vier reduzieren und diese technologisch aufwerten. Core-Luxury beinhaltet die Baureihen C- und E-Klasse sowie deren Derivate, insbesondere auch die dazugehörigen elektrischen Fahrzeuge. Und im Top-End-Bereich werden wir künftig alle Modelle der Marken AMG, Maybach, die EQ-Modelle EQS und EQS-SUV sowie die S-Klasse, die G-Klasse und den GLS anbieten.“

… ungewöhnlich lange Lieferzeiten:

„Auf den Großteil unserer Neufahrzeuge müssen unsere Kunden im Moment mindestens zwölf Monate warten, das ist natürlich viel zu lange und auch für uns kein schöner Zustand. Leider kommt es aber momentan zu massiven Einschränkungen, was dazu führt, dass viele Fahrzeuge nicht so gebaut werden können, wie unsere Kunden das erwarten, oder eben nur mit erheblichen Verzögerungen.“

… Preise und Rabatte:

„Natürlich sind stabile und der Wertigkeit der Produkte angemessene Preise ein wichtiger Bestandteil einer auf Luxus ausgerichteten Strategie. Schließlich geht es auch darum, dadurch die Innovations- und Investitionskraft des Unternehmens zu gewährleisten. Es ist daher unser klares Ziel, die Qualität nicht nur der Produkte, sondern aller Kontaktpunkte – online und offline – mit unseren Kunden so zu gestalten, dass sie jederzeit dem hohen Anspruch an eine moderne Luxusmarke gerecht werden. Hierzu gibt es zahlreiche Initiativen, die wir sehr konsequent vorantreiben.

Auch wir in Hamburg werden in den nächsten drei Jahren unsere bestehenden Betriebe sowohl baulich als auch in Bezug auf die Abläufe stark modernisieren und damit ideale Bedingungen für unsere Kunden schaffen. Darüber hinaus werden wir Mitte des kommenden Jahres ein neues Vertriebssystem im deutschen Markt einführen, welches das Ziel hat, die Preisstabilität unserer Autos zu stärken, und dem Handel die Möglichkeit eröffnet, sich noch deutlich stärker auf eine wirklich exzellente Kundenbetreuung zu konzentrieren.“

… die Frage, ob ein AMG als Elektro-Modell überhaupt funktioniert:

„Natürlich ist ein AMG-8-Zylinder für jeden Autofan ein hochemotionales Fahrzeug, das ist keine Frage. Trotzdem müssen wir in die Zukunft schauen und insbesondere auch den Klimaschutz und das Thema Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Wir bei Mercedes-Benz wollen in der kompletten Wertschöpfungskette klimaneutral werden. Und auch die neuen, elektrischen Fahrzeuge können großen Spaß machen, man ist damit sehr dynamisch, sportlich, aber auch sicher unterwegs.“

… die Wettbewerber und die Wende zur Elektromobilität:

„Unsere Hauptwettbewerber sind nach wie vor BMW, Audi und Porsche, aber natürlich auch Tesla und in zunehmendem Maße weitere Unternehmen im Bereich der Elektromobilität. Der Anteil der reinen Elektro- und der Hybridfahrzeuge ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Allein Mercedes-Benz hat im Jahr 2021 (inklusive Smart und Vans) ca. 100.000 rein elektrisch betriebene Fahrzeuge und 180.000 Hybridmodelle abgesetzt. Diesen rasanten Anstieg und die Geschwindigkeit der Transformation zum elektrischen Fahren habe ich mir vor zwei, drei Jahren in der Form nicht vorstellen können.“

… die Hamburger und ihre Autos:

„Ich denke, es gibt wenige Städte, in denen unsere neue Strategie so gut passen wird wie in Hamburg. Denn hier treffen wir auf die Klientel und die Menschen, die den Wert hochwertiger Produkte und erstklassiger Dienstleitungen schätzen. Der Hamburger fährt Mercedes, weil er gerne Komfort und Lebensqualität erlebt und genießt und nicht, weil er ein Statussymbol benötigt. Für mich ist das ein Ausdruck des oft zitierten hanseatischen Understatements.“

Der Fragebogen: Was Kallis von Elon Musk wissen will

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Fernfahrer.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Gut darüber nachzudenken und auch Alternativen in Erwägung zu ziehen.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Ich hatte und habe Vorbilder; von denen ich viel lernen und mir auch immer etwas abschauen konnte.

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

Oh, da waren als Kind durchaus auch kritische Worte dabei, später wurde es dann aber besser. Ich würde sagen, sie waren im Durchschnitt ganz zufrieden mit mir.

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Ich wollte immer etwas mit Autos machen, das war und ist meine Leidenschaft. Alles Weitere war dann die Folge meines persönlichen Entwicklungsprozesses, bei dem mich viele Menschen unterstützt haben.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Da gibt es einige, denen ich viel zu verdanken habe. Ich hatte das Glück, immer Menschen an meiner Seite zu haben, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben, insbesondere dann, wenn es mal nicht so rund lief.

Auf wen hören Sie?

Ich höre generell gern Menschen zu, die etwas zu sagen haben, und kann aus solchen Gesprächen immer etwas für mich mitnehmen.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Ruhe, Kompetenz, Empathie und ein klares Verständnis von Führung.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Zu meinen, alles besser zu wissen und zu können.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Vertrauen, Fairness, Partizipation und gegenseitige Wertschätzung.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Geld ist wichtig, aber nicht alles.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Interesse, Engagement, Diskussionsfreudigkeit, Eigeninitiative und eine ausgeprägte Motivation, aktiv mitzugestalten.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf mein Gefühl, natürlich die erforderlichen fachlichen Fähigkeiten, insbesondere aber die charakterlichen Eigenschaften.

Duzen oder siezen Sie?

Beides, da bin ich total flexibel und habe dafür keine klaren Regeln.

Was sind Ihre größten Stärken?

Pragmatismus, Veränderungswille, Entscheidungsfreudigkeit und Spaß an deren Umsetzung.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Ungeduld, manchmal zu kritikfreudig, zu sparsam mit Lob.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Elon Musk.

Was würden Sie ihn fragen?

Was er als Nächstes vorhat.

Was denken Sie über Betriebsräte?

Sie sind wichtige Partner, mit denen ich gern konstruktiv zusammenarbeite.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Ich mache jeden Tag Fehler, der letzte wirklich gravierende ist aber zum Glück schon etwas länger her.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Mich immer den Aufgaben zu widmen, die mir persönlich liegen und möglichst Freude bereiten.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Das ist unterschiedlich, aber in der Regel nicht weniger als 50.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Im Durchschnitt ca. sechs.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Ich versuche die Ursache dafür zu erkennen und schaue dann nach einem geeigneten Weg, damit bestmöglich umgehen zu können. Da gibt es dann sehr viele unterschiedliche Alternativen, beim Joggen den Kopf freibekommen ist eine der häufigsten.

Wie kommunizieren Sie?

Möglichst direkt und offen, gern im persönlichen Gespräch, aber auch viel über alle möglichen digitalen Kanäle.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Mal mehr, mal weniger, je nach Bedarf und Notwendigkeiten.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Einen Plan haben, diesen konsequent verfolgen, Chancen sehen und nutzen, flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und dabei stets gelassen bleiben.

Was unterscheidet den Menschen von dem Manager Matthias Kallis?

Nichts. Ich denke, jeder von uns hat verschiedene Rollen im Leben, trotzdem ist man ja aber immer derselbe Mensch.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Dass ich sehr dankbar und zufrieden bin in einer so tollen Stadt wie Hamburg leben und arbeiten zu dürfen.

( HA )

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