Krieg gegen die Ukraine

Was macht Putins Aggression mit der Wirtschaft?

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Ein Händler sitzt im Handelssaal der Frankfurter Börse vor seinen Monitoren (Archivbild).

Ein Händler sitzt im Handelssaal der Frankfurter Börse vor seinen Monitoren (Archivbild).

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Der Angriffskrieg Russlands bedroht auch die Wirtschaftslage in Deutschland. Welche Risiken ein Experte sieht.

Hamburg. An der Börse, so heißt es, wird die Zukunft gehandelt. Sollte das alte Bonmot stimmen, stehen uns kriegerische Zeiten bevor. Denn während der DAX nach der Invasion der Russen in der Ukraine in die Knie ging, hoben Rüstungswerte ab. Aktien wie Rheinmetall oder Hensoldt legten zweistellig zu. Plötzlich setzt die Börse andere Prioritäten als Nachhaltigkeit.

Der Kurssturz zeigt zugleich: Vor uns liegen ungemütliche Zeiten. Entsprechend alarmiert wirken auch Experten. „Die Ukraine-Krise hängt wie ein Damoklesschwert über der deutschen Konjunktur“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer Mitte der Woche. Und ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski verwies auf eine „sehr hohe Abhängigkeit“ der deutschen Wirtschaft vom russischen Gas und anderen Rohstoffen: „Die möglichen Folgen einer weiteren Eskalation sieht man jetzt schon: ein Anstieg der Gaspreise, höhere Inflation und zunehmende Unsicherheit, die sich wiederum in weniger Konsum und schwächeren Investitionen in Deutschland äußern könnten.“

Krieg gegen die Ukraine: Was macht Putins Aggression mit der Wirtschaft?

Eigentlich hatten die Auguren für das Gesamtjahr 2022 Wachstumsraten von drei bis knapp fünf Prozent vorausgesagt. Doch das war vor der unerwarteten Eskalation in der Ukraine-Krise mit einer Fülle von Unsicherheitsfaktoren wie der weiteren Verteuerung von Energierohstoffen, Sanktionen und Gegensanktionen und Unterbrechungen der Lieferketten. Es dürfte nicht lange dauern, bis die Prognosen zurückgenommen werden.

Fraglich aber ist, wie stark sich der Waffengang auf die Konjunktur auswirken wird. „Noch gibt es viele Unklarheiten“, sagt Prof. Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel), dem Abendblatt. „Vieles wird davon abhängen, wie weit Putin geht. Will er die militärische Widerstandskraft der Ukraine brechen oder das ganze Land besetzen?“ Die massive Verschärfung der Sanktionen sei nun geboten. „Hier geht es um Glaubwürdigkeit des Westens.“

Russland ist anfällig für Sanktionen – aber nicht so sehr, wie manche meinen

Allerdings schränkt Kooths ein, dass Sanktionen in zwei von drei Fällen ihr Ziel verfehlen, wie die Geschichte zeigt. „Sie sind ein schwaches Mittel. Schlimmstenfalls wirken sie sich sogar kontraproduktiv aus, weil sich die Bevölkerung mit den Machthabern solidarisiert.“ Diesen Effekt will Kooths auch für Russland nicht ausschließen. „Die ökonomische Entwicklung dort ist seit Jahren schlecht. Russland bleibt seit Langem dramatisch unter seinen Möglichkeiten.“ Diese Probleme würden viele schon heute dem Westen anlasten. „1989 ist die Sowjetunion an ihrer ökonomischen Schwäche zusammengebrochen – trotz ihrer Stärke in der Raumfahrt und der Rüstungstechnologie.“ Heute sei Russland ein bloßer Rohstofflieferant der Welt, ohne eine eigene Hightech-Industrie aufgebaut zu haben.

Öl ist das entscheidende Exportgut, sechsmal so wichtig wie Gas. Das macht Russland anfällig für Sanktionen – aber nicht in dem Maß, wie manche meinen. „Gas ist nicht so flexibel und lässt sich nicht einfach umlenken, während Öllieferungen in andere Länder gehen könnten.“ Kooths rechnet damit, dass nun China mehr Öl aus Russland abnimmt, der chinesische Bedarf auf dem Weltmarkt dann zugleich aber sinkt. „Das ist nur ein Verschiebebahnhof.“ Ein mögliches Ankaufembargo durch den Westen könnte den Chinesen sogar nützen: „Sie könnten dann den Preis drücken.“

Welche Hamburger Unternehmen Verluste fürchten müssen

In steigenden Energiepreisen hierzulande sieht Kooths eine Belastung für die Konjunktur. „Noch halte ich die Erholung nicht für gefährdet, weil die Auftriebskräfte sehr stark sind.“ Der russische Markt spielt mit einem Anteil von rund zwei Prozent für die Bundesrepublik keine bedeutende Rolle, das ökonomische Gewicht ist eher niedrig. Allerdings gibt es Unternehmen, deren Umsatzanteil im Osten deutlich höher liegt. Airbus lieferte im vergangenen Jahr vier Prozent seiner Maschinen gen Osten. Auch die HHLA ist durch ihren Hafen in Odessa verwundbar, der sechs bis acht Prozent zum Ergebnis beisteuert, wie die Analysten von M.M. Warburg warnen.Sie haben alle gecoverten Aktiengesellschaften auf den Anteil des Russland-Geschäftes durchleuchtet.

Massiv trifft es den Großhändler Metro, bei dem nun mehr als zehn Prozent des Gewinns im Risiko stehen. Jungheinrich mit einem starken Osteuropageschäft muss mit knapp fünf Prozent Minus rechnen, auch bei Aurubis schätzen die Analysten das Risiko auf bis zu fünf Prozent des prognostizierten Umsatzes, weil dieser in der Ukraine oder Russland erzielt wird. Bei Beiersdorf liegt der Anteil immerhin noch bei drei Prozent, bei Hapag-Lloyd bei unter drei Prozent.

Wirtschaftsexperte empfiehlt Unterbrechen des Atomausstiegs

Mittelfristig schwerer wiegt, wie sehr sich der Krieg in Europa auf die Konsumentenstimmung und die Investitionsneigung auswirkt, sagt der Kieler Experte. „Unsicherheit ist die größte Belastung: Das dämpft die Konjunktur, würgt sie aber nicht ab. Die Auftriebskräfte sind weiterhin stark“, sagt er. „Die Wirtschaft wird nicht durch einen Mangel an Nachfrage gebremst, sondern durch Lieferengpässe und Corona-Maßnahmen.“ Corona gerät durch die Eskalation weiter in den Hintergrund. Allerdings könne der Krieg die Inflation negativ beeinflussen: „Die Energiepreise dürften vorerst weiter auf einem hohen Niveau bleiben.“

Kooths hält nicht für ausgeschlossen, dass damit Bewegung in die Debatte um die Kernenergie kommt. „Die deutsche Energiewende ist sehr ambitioniert. Der Krieg zeigt uns, dass die Unabhängigkeit der Energieversorgung wichtig ist.“ 55 Prozent des Gases kommt aus Russland. „Anders als beim Beheizen der Wohnungen lässt sich Gas bei der Stromproduktion ersetzen“, sagt Kooths und verweist neben der Kohleverstromung auf die letzten drei laufenden Atomkraftwerke, die Ende des Jahres abgeschaltet werden sollen. „Zumindest eine Unterbrechung der Wende wäre jetzt eine gesichtswahrende Option.“

Russische Wirtschaft würde durch Handelssanktionen mehr leiden als deutsche

Die Energiesicherheit wird zur deutschen Achillesferse. Durch Atom- und Kohleausstieg ist die Republik auf Gas angewiesen – das aber wird nun teurer. Laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, einem Verein von Energiewirtschaftsverbänden und Forschungsinstituten, deckt Erdgas fast 27 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt schon vor stark steigenden Gaspreisen. In einem Worst-Case-Szenario wird ein Anstieg der Notierung um weitere 50 Prozent simuliert – er würde die Inflationsrate auf 6,1 Prozent im laufenden Jahr und 2023 auf fünf Prozent treiben. Das BIP könnte dann im kommenden Jahr ganze 1,4 Prozent geringer ausfallen. Die heftigen Ausschläge an den Rohstoffmärkten lassen diese Befürchtungen nicht abwegig erscheinen.

Gegen diese Gefahr sind die Auswirkungen der Handelssanktionen fast überschaubar: Nach Simulationsrechnungen des Kieler Instituts würde die russische Wirtschaft deutlich mehr leiden als die deutsche. Während der Aggressor bei einem Handelsstopp für Gas einen Einbruch um drei Prozent hinnehmen müsste, wären die wirtschaftlichen Schäden für Europa kaum messbar. Auch in anderen Branchen verliert die Bundesrepublik gar nicht oder kaum, während Russland ins Minus driftet.

Aber keiner weiß, welche Eigendynamik dieser Konflikt entwickelt. Noch scheuen die Europäer zurück, Russland vom SWIFT-System abzukoppeln und von weiten Teilen der Weltwirtschaft zu isolieren. „Das wäre wirtschaftlich das schärfste Schwert, das wohl erst als Antwort auf eine umfassende Invasion der Ukraine durch russische Truppen zum Einsatz käme. Käme es darüber zu einem Konflikt mit der Volksrepublik China, wäre eine Weltwirtschaftskrise nicht zu vermeiden“, sagt Kooths. So weit sind wir noch nicht – aber leider näher als noch vor weniger Tagen.

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