Interview

Wie Microsoft den Datenschutzstreit der Schulen lösen will

| Lesedauer: 12 Minuten
Tobias Kisling
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Einige deutsche Schulen verwenden Microsoft aus Datenschutzgründen nicht. Die Deutschland-Chefin sucht nun eine schnelle Lösung.

Berlin. Während viele Unternehmen unter der Corona-Krise leiden, ist die Software-Schmiede Microsoft einer der großen Profiteure der Pandemie. Zwischen Juli 2020 und Juni 2021 scheffelte der Tech-Riese einen Nettogewinn von 61,27 Milliarden US-Dollar (rund 54,35 Milliarden Euro) – 38 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

In Deutschland ist seit etwas mehr als einem Jahr Marianne Janik für das Geschäft verantwortlich. Im Interview spricht sie über die Pandemie, die zunehmende Zahl der Hackerangriffe und den Datenschutzstreit an deutschen Schulen. Zuletzt hatten immer wieder Datenschützer einzelner Bundesländer davor gewarnt, Microsoft-Produkte im Online-Unterricht zu nutzen.

Frau Janik, reicht der durch die Pandemie entstandene Digitalisierungsschub aus?

Marianne Janik: Er darf nur der erste Schritt sein. Das Thema ist jetzt bei allen auf der Agenda, 97 Prozent der Unternehmen begreifen Digitalisierung als Chance. Aber im Bereich der Prozessoptimierung, der Effizienz, der Automatisierung und der Etablierung neuer Geschäftsmodelle stehen wir in Deutschland oftmals noch ganz am Anfang. Hinzu kommt, dass gerade viele mittelständische Unternehmen keine Fachkräfte finden. Alle Firmen buhlen um die IT-Experten, für viele ist die Technologie zu kompliziert. Unser Anspruch ist es, dass die Nutzung der Technologie einfach ist.

Was braucht es dafür?

Janik: Viele Firmen wissen gar nicht, was für ein Potenzial die Programme eigentlich haben, die sie benutzen. Das Erheben und Modellieren von Daten ist für viele Neuland. Auch ein Assistenzsystem hilft nicht, wenn man nicht weiß, wie man es bedient. Wir müssen den Unternehmen klar machen, wie sie die Technologie nutzen können. Die Firmen müssen aber die Offenheit mitbringen, das auch anzunehmen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung auf dem deutschen Markt?

Janik: Mit unserem Geschäft sind wir sehr zufrieden. Die gegenseitige Vernetzung funktioniert hierzulande aber nicht so gut wie in anderen Ländern. In Spanien, Portugal und Italien machen sich alle Industrien auf, stärker zu kooperieren, die Potenziale der Services und Produkte auszuschöpfen. Das fördert die Fähigkeit, kreativ zu denken und neue Geschäftsmodelle zu erschließen. Unsere deutschen Kunden kooperieren noch zu selten miteinander.

Sollte die Bundesregierung solche Kooperationen stärker vorschreiben, wie sie es beispielsweise beim Austausch von Daten in der Automobilindustrie versucht?

Janik: Länder wie Dänemark, die eine klare Digitalstrategie haben, zeigen, dass viel von der öffentlichen Verwaltung abhängt. Durch geschickte Investitionen, aber auch durch eine digitale Unterstützung des Mittelstands und der Industrie durch die öffentliche Verwaltung, kann viel funktionieren. Die Bundesregierung sollte sich aber vor allem um das Thema Fort- und Weiterbildung kümmern. Wir haben zu wenig Fachkräfte im Bereich Datenmanagement und Cybersicherheit – dabei hätten wir durchaus Potenzial.

Der Digitalbranchenverband Bitkom kommt regelmäßig zu dem Schluss, dass zu wenige Informatik-Absolventen ihr Studium abschließen.

Janik: Wir brauchen mehr Offenheit im Denken. Zu oft wird nur auf diejenigen geachtet, die einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss haben. Wir versuchen derzeit gemeinsam mit VW, Bayer, SAP und weiteren Partnern in dem Projekt Ecolé 42 in Wolfsburg und Berlin künftigen IT-Fachkräften eine technische Hochschulbildung anzubieten, Das Besondere: An dieser Schule gibt es weder Lehrkräfte noch Kurse oder Stundenpläne. Stattdessen lernen Talente, die eigene Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. In praxisnahen Projekten erarbeiten sie sich eigenständig neues Wissen und unterstützen sich gegenseitig dabei, ihre Coding-Fähigkeiten zu verbessern. Arbeitgeber und Hochschulen müssen dafür sorgen, dass wir Fachkräfte gewinnen, auch wenn sie aus verschiedenen Gründen bisher kein Hochschulabschluss absolviert haben.

Welche Rolle kommt dabei den Schulen zu?

Janik: Ich habe gehofft, dass die Pandemie dazu führt, dass der Umgang mit digitalen Mitteln in den Schulen selbstverständlicher wird. Das ist nicht passiert. Lehrer werden oft alleingelassen. Zwar werden Gelder gestellt, damit wird dann aber Hardware angeschafft, die wenig nützt, wenn man niemanden hat, der sie installiert und sicher macht. Oft werden die Schulen schon bei der Antragsstellung überfordert. Dabei müssten Schulen Orte sein, an denen digitales Verständnis gelehrt wird, an denen sich mit Technologie und auch Datenschutz auseinandergesetzt wird.

Gerade beim Datenschutz haben einige Schulen aber Probleme mit Microsoft, verwenden Office365-Produkte nicht mehr. Arbeiten Sie an Lösungen?

Janik: Der Schutz von Daten hat für uns höchste Priorität. Wir sind der Auffassung, dass Microsoft Teams datenschutz-konform im Rahmen der DGSVO in Bildungseinrichtungen einsetzbar ist. Wir sind dazu im Gespräch mit den Datenschützern in den einzelnen Bundesländern. Nur über den Dialog und absolute Transparenz lassen sich die Dinge nach vorne bringen. Es ist eine komplizierte Materie. Wir müssen gewährleisten, dass Technologie den Datenschutz abbildet, zugleich aber noch anwenderfreundlich ist. Wir können heute schon zusichern, dass Kundendaten in einem bestimmten Land oder in Europa bleiben. Für andere Signale, etwa Support-Signale oder sonstige Telemetrie, arbeiten wir derzeit an einer Lösung.

Wann rechnen Sie mit einer Lösung?

Janik: Wir peilen das Ende des Kalenderjahres 2022 an.

Dann wäre Office365 flächendeckend an deutschen Schulen einsetzbar?

Janik: Einsetzbar und genutzt wird es ja auch bereits heute. Aber es gibt eben eine fortlaufende und komplexe Diskussion mit unterschiedlichen Datenschützern. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit ihnen und den Bildungsverantwortlichen konstruktive und rechtssichere Lösungen zu erarbeiten, die Datensicherheit und Datenschutz gleichermaßen gewährleisten. Am Ende ist es immer eine Risikoabwägung, denn eine Welt ohne Risiko gibt es nicht. Wir lernen gerade, in der digitalen Welt die Risiken zu benennen und sie von unserer Seite abzuschwächen.

Das Thema Risiko erleben viele Unternehmen immer wieder schmerzhaft, wenn es zu Hackerangriffen kommt. Sehen wir gerade ein Katz- und Mausspiel zwischen Kriminellen im Netz und den Sicherheitsabteilungen der Unternehmen?

Janik: Was derzeit passiert, war absehbar, wir haben seit Jahren Alarm geschlagen. Wir können gut nachvollziehen, woher diese Angriffe kommen: Es sind neben den klassischen kriminellen Hackern zunehmend Angriffe von staatlich unterstützten Organisationen. Als Gesellschaft, als Ländergemeinschaft hätten wir uns schon längst überlegen müssen, ob wir das akzeptieren wollen. Staaten greifen Zivilisten an – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch mit Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen. Um solche Angriffe zu verfolgen, brauchen wir eine Art digitale Genfer Konvention. Jede Nutzerin und jeder Nutzer sowie jedes Unternehmen sollte zudem maximal wachsam sein. Man muss jederzeit damit rechnen, gehackt zu werden. Durch die Pandemie hat sich das Risiko erhöht. Und für die Hacker ist es ein ertragreiches Geschäft.

Wie groß ist der Anteil der Angriffe von Staaten und staatlich unterstützten Organisationen?

Janik: Er hat deutlich zugenommen. Rund ein Fünftel der von uns beobachteten Angriffe staatlicher Akteure in den letzten zwölf Monaten zielen dabei auf Verbraucher, aber fast 80 Prozent auf Organisationen Unternehmen. Am stärksten betroffen waren Regierungsbehörden sowie Nichtregierungsorganisationen und Thinktanks. Gerade um die Weihnachtszeit haben sich die Attacken wieder vermehrt. Das sind traumatische Erfahrungen für Unternehmen, von denen sich manche kaum und andere gar nicht mehr erholen können. So etwas können wir uns als Volkswirtschaft nicht leisten.

Können Sie verstehen, dass Nutzer Sorgen haben, Ihre Daten noch Cloud-Anbietern anzuvertrauen?

Janik: Ja, solche Angriffe schüren Ängste. Dennoch ist die Cloud deutlich sicherer, als wenn sich Unternehmen oder die Verbraucher die Server in den Keller oder unter den Schreibtisch stellen. In der Cloud gibt man seine Daten in professionelle Hände und dort werden sie professionell geschützt.

Wie sicher ist die öffentliche Verwaltung?

Janik: Die deutsche Verwaltung ist sehr zurückhaltend, Zahlen offenzulegen. Ich vermute aber, dass die deutsche Verwaltung ein interessantes Ziel für Hacker ist. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik berät sehr gut und sehr intensiv. Aus unserer Sicht ist die deutsche Verwaltung daher gut gerüstet.

In der Pandemie hat die öffentliche Verwaltung nicht gerade mit digitalen Ansprüchen geglänzt.

Janik: Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir wissen seit Jahren, was zu tun wäre. Anstatt alles bis in die letzte Perfektion durchzuplanen, wäre es wichtig, die Verwaltung jetzt einfach und pragmatisch digital auszustatten und voranzubringen.

Die Ampel hat kein Digitalministerium eingeführt. Stattdessen soll sich Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) federführend um die Digitalisierung mitkümmern. Passt das?

Janik: Bei der Digitalisierung reden wir auch über eine große Infrastrukturkomponente. Insofern macht es Sinn, dass sich das Verkehrsministerium um das Thema kümmert. Ein Digitalministerium hätte den Charme gehabt, dass alle Kräfte gebündelt gewesen wären. Dass die neue Regierung aber die Wichtigkeit des Themas erkannt hat, steht außer Frage. Jetzt muss sie es aber auch umsetzen.

Die Bundesregierung verspricht im Koalitionsvertrag mehr Standards, beispielsweise für schnelle Breitbandverbindungen. Ist das der richtige Schritt?

Janik: Standards sind in der Welt der Digitalisierung grundsätzlich wichtig. Wir haben das in der Telekommunikation erlebt. Erst mit Standards war die Technik für alle nutzbar. Gerade beim Internet der Dinge brauchen wir neue Standards. Hier hat Deutschland als Land das größte Potenzial. Wir haben einen starken Maschinenbau und Ingenieurswesen. Ein Standard zum Umgang mit diesen Daten wäre wichtig.

Microsoft kooperiert mit VW, Daimler und BMW bei der Forschung zum autonomen Fahren. Wann werden wir in Deutschland autonom fahren?

Janik: Wir arbeiten mit den großen Herstellern an unterschiedlichen Themen. Bei einigen zum autonomen Fahren, bei anderen bspw. zur Digitalisierung der Produktion. Beim autonomen Fahren schätzen Experten, es wird noch ungefähr fünf Jahre dauern, bis wir Ergebnisse auf den Straßen sehen werden. Neben der Technik muss ein ganzes Ökosystem wachsen, das miteinander funktionieren muss. Unterschiedliche Sprachen in der Technologie müssen miteinander sprechen lernen. Die Software-Entwicklung muss nun mit der Motoren-Entwicklung sprechen. Das ist ein Prozess. Ich selbst habe vor 30 Jahren bei Daimler angefangen. Damals gab es kaum Bereitschaft, miteinander zu sprechen. Das ist heute anders.

Windows 11 wird gerade erst für die meisten Heimcomputer ausgerollt – aber nur für neue PCs. Warum schließt Microsoft Nutzerinnen und Nutzer älterer Systeme damit von dem Update aus?

Janik: Das liegt an verbesserten Sicherheitsarchitekturen, die in neuen Systemen auch in der Hardware implementiert sind. Wir rechnen noch mit Erweiterungen. Windows 10 wird aber auch weiter gepflegt und geupdatet.

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