Hamburger Hafen

Verkaufen? Behalten? Streit um Hamburgs Hapag-Lloyd-Aktien

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Martin Kopp
Ein Containerschiff der Reederei Hapag-Lloyd am Terminal Burchardkai in seinem Heimathafen Hamburg. Die Aktie der Reederei wurde in den letzten Monaten immer teurer (Symbolbild).

Ein Containerschiff der Reederei Hapag-Lloyd am Terminal Burchardkai in seinem Heimathafen Hamburg. Die Aktie der Reederei wurde in den letzten Monaten immer teurer (Symbolbild).

Foto: Christian Charisius / dpa

Hansestadt könnte 3,55 Milliarden Euro Gewinn einstreichen. Warum der Finanzsenator trotzdem an der Reederei-Beteiligung festhält.

Hamburg. 3,55 Milliarden Euro. Das ist selbst für eine reiche Stadt wie Hamburg eine extrem hohe Summe. Was könnte die Stadt mit so viel Geld alles bewegen? Sie könnte ihre Verschuldung deutlich zurückfahren, neue Schwimmbäder und moderne Schulen bauen, Kitas finanzieren oder den Betrieb ihrer Gebäude deutlich schneller auf Klimaneu­tralität umstellen. Träumereien? Hirngespinst? Mitnichten.

Denn diese 3,55 Milliarden Euro hätte die Hansestadt zur Verfügung, wenn sie ihre Beteiligung an der Reederei Hapag-Lloyd veräußern würde. Deshalb wächst derzeit die Zahl von Politikern, die einen sofortigen Ausstieg der Stadt aus dem Schifffahrtskonzern fordern. Gleichzeitig werden Gegenstimmen laut, die mahnen: Ein Ausstieg Hamburgs bei Hapag-Lloyd wäre nicht ohne Risiko.

Hamburger Hafen: Stadt ist seit 2009 an Hapag-Lloyd beteiligt

Als die Hansestadt sich im Jahr 2009 an der Reederei beteiligte, war sie Teil des Hamburger Konsortiums Albert Ballin. Dessen Ziel war, den Verkauf des Unternehmens durch den damaligen Eigentümer TUI an ausländische Investoren und die dann drohende Zerschlagung zu verhindern.

In dem Konsortium, war die Stadt mit 40,67 Prozent zunächst der größte Anteilseigner. Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne (Kühne & Nagel) war mit 26,55 Prozent zweitgrößter Investor. Die restlichen Anteile erwarben Hamburger Banken und Versicherungen, die mittlerweile aber alle nicht mehr beteiligt sind.

Hapag-Lloyd: Hamburg drittgrößter Miteigentümer

Durch den Einstieg der chilenischen Reederei Compañía Sudamericana de Vapores (CSAV) im Jahr 2014 und den Kauf der United Arab Shipping Company (UASC) 2017 haben sich die Eigentumsverhältnisse bei Hapag-Lloyd grundlegend verändert. Größte Anteilseigner sind heute Kühne und CSAV mit jeweils um die 30 Prozent Aktien, wobei Kühne etwas mehr hält als die Chilenen.

Drittgrößter Miteigentümer ist die Stadt. Ihre Anteile am Unternehmen belaufen sich nach Zukäufen der anderen Investoren, dem Börsengang und Kapitalerhöhungen inzwischen auf 13,9 Prozent. Katar ist seit dem UASC-Kauf mit 12,3 und Saudi-Arabien mit 10,2 Prozent an Hapag-Lloyd beteiligt. Der Rest der Aktien befindet sich im Streubesitz und wird an der Börse gehandelt – zuletzt zu ungewöhnlich hohen Preisen.

Hapag-Lloyd hat Aktienkurs in einem Jahr vervierfacht

Das ist der springende Punkt. Der Wert der Aktie hat sich innerhalb des vergangenen Jahres annähernd vervierfacht. Kostete das Wertpapier Ende August 2020 noch etwas weniger als 50 Euro, bewegt sich der Preis inzwischen bei 200 Euro und hat diese auch überschritten. Am vergangenen Freitag wurde die Aktie für 194 Euro gehandelt.

Wenn die Stadt ihre genau 24.353.475 Hapag-Lloyd-Aktien zu diesem Preis verkaufen würde, könnte sie damit 4,7 Milliarden Euro erlösen. Zieht man davon die 1,15 Milliarden Euro ab, die Hamburg vor zwölf Jahren für den Kauf der Anteile ausgegeben hat, bliebe ein Gewinn von eben jenen 3,55 Milliarden Euro übrig.

FDP fordert Ausstieg bei Hapag-Lloyd

Der Kreis derjenigen, die nun einen Ausstieg fordern, ist nicht klein. Der Hamburger FDP-Bundestagskandidat und ehemalige Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Michael Kruse, gehört dazu. Er sagt: „Der Senat sollte die aktuellen Marktbedingungen nutzen und einen Ausstieg bei Hapag-Lloyd vornehmen, denn die Beteiligung ist schon lange nicht mehr erforderlich. Wir dringen seit Jahren darauf, eine solche Exit-Strategie vorzubereiten. Die Zeit ist reif dafür.“

Die Stadt, so Kruse, sollte einen oder mehrere Ankerinvestoren suchen, die an einem langfristigen Investment Interesse hätten. Über vertragliche Regelungen könnte sichergestellt werden, dass eine Verlagerung des Unternehmenssitzes aus Hamburg ausgeschlossen wird, sagt der Freidemokrat.

Hamburg könnte das Geld gut gebrauchen

Der Verkaufserlös würde dringend benötigte finanzpolitische Spielräume eröffnen. „Die Corona-Schulden könnten zurückgezahlt, die Digitalisierung der Stadt beschleunigt, der Hamburger Anteil für die Köhlbrandquerung gestemmt und die lahmenden Klimaschutzbemühungen des Senats ausfinanziert werden“, sagt Kruse. „Hapag-Lloyd ist gerettet. Es ist jetzt an der Zeit, mit der Vergangenheit abzuschließen und die Weichen für die großen Aufgaben der Zukunft neu zu stellen.“

Auch der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion und Vorsitzende der Landesfachkommission Haushalt, Steuern und Finanzen, Götz Wiese, plädiert für einen Verkauf der Anteile. „Ziel des Einstiegs der Stadt war es, Hapag-Lloyd als eigenständige Reederei mit Geschäftsleitung in Hamburg zu erhalten. Dass dies gelungen ist, bleibt eine historische Leistung des damals CDU-geführten Senats. Für uns als CDU war aber immer klar: Sobald es die Rahmenbedingungen erlauben, muss die Beteiligung wieder verkauft werden“, sagt Wiese und betont: „Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer, er braucht bei Beteiligungen stets eine ordnungspolitische Begründung. Diese ist bei Hapag-Lloyd weitgehend weggefallen.“

Guter Zeitpunkt, um Kasse zu machen

Im Hafen bestehe seit Langem das strukturelle Problem, dass sowohl die Hafenverwaltung (HPA) als auch der größte Terminalbetreiber (HHLA) und die größte Reederei (Hapag-Lloyd) unter dem Einfluss der Stadt stehen. „Hamburg muss sicherstellen, dass der Hafen gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle bietet. Der Verkauf der städtischen Hapag-Lloyd-Beteiligung wäre insoweit ein wichtiges Signal.“ Der Zeitpunkt sei günstig. Doch dürfe es nicht zu einem Verkauf unter Wert oder zu handwerklichen Fehlern kommen. „Eine Restbeteiligung der Stadt an Hapag-Lloyd ist ebenfalls zu prüfen“, sagt Wiese.

Der Zeitpunkt ist tatsächlich insoweit günstig, als nicht nur der Aktienkurs von Hapag-Lloyd hoch ist, sondern weil das Unternehmen auch so gesund aufgestellt ist wie nie zuvor. Hapag-Lloyd hat aufgrund der weltweit knappen Kapazitäten an Schiffsladeraum und extrem hoher Transportpreise (Frachtraten) im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftet. Für dieses Jahr wird sogar ein Ebit von 6,2 bis 7,9 Milliarden Euro angepeilt.

Wert der Hapag-Lloyd-Aktie kann schnell fallen

Zudem ist der Höhenflug der Aktie nicht in Stein gemeißelt. Sie kann im Wert auch schnell wieder fallen. Es wäre nicht das erste Mal: Mitte Mai vergangenen Jahres stand die Hapag-Lloyd-Aktie schon einmal bei 180 Euro, sackte dann aber innerhalb weniger Tage auf 51 Euro ab. Die großen Analysehäuser – mit Ausnahme von Kepler Chevreux – sehen derzeit ein geringeres Kursziel für die Aktie, die meisten raten zum Verkauf. Das alles spricht dafür, dass die Stadt sich rasch von ihren Anteilen an der Reederei trennen sollte.

Im Unternehmen selbst lösen solche Forderungen aber eher Besorgnis aus. Denn nicht nur Hapag-Lloyd, sondern alle Containerreedereien auf der Welt haben in den vergangenen Monaten satte Gewinne eingefahren und ihre Kriegskasse, aus der sich eine Expansion durch Übernahme von Konkurrenten problemlos finanzieren lässt, gut gefüllt. Beim weltweiten Branchenprimus, der dänischen Reederei Maersk, sind es etwa 40 Milliarden US-Dollar. Zieht sich die Stadt Hamburg als Ankeraktionär zurück, könnte das die Übernahmefantasien bei ausländischen Reedereien ankurbeln, – und Hapag-Lloyd wieder in eine Situation wie 2008/2009 geraten, als das Unternehmen ein Übernahmekandidat war, so die Befürchtungen.

Gefahr von Übernahme könnte wachsen

So warnt der Hamburger Schifffahrtsexperte und Professor Jan Ninnemann: „Nicht nur die Kassen von Maersk & Co sind aktuell prall gefüllt, auch Investoren im Containerumfeld profitieren von den astronomisch gestiegenen Frachtraten. Die Welle von Übernahmen und Fusionen ist zuletzt zwar ein wenig abgeebbt, könnte durch einen möglichen Ausstieg der Stadt bei Hapag-Lloyd aber noch einmal an Dynamik gewinnen. Eine Übernahme von Hapag-Lloyd wäre ein weiterer herber Rückschlag für den Schifffahrtsstandort Hamburg.“

Die Auswirkungen auf den Hamburger Hafen dürften sich nach Einschätzung von Ninnemann hingegen in Grenzen halten. „Hapag-Lloyd entscheidet schon heute ausschließlich nach wirtschaftlichen Maßstäben, welcher Hafen angelaufen wird; Lokalpatriotismus spielt hier quasi keine Rolle.“

Finanzbehörde: Beteiligung bleibt strategisch wichtig

Jan Tiedemann, leitender Analyst für Schifffahrt und Häfen beim Branchendienst Alphaliner sagt: „Die Reedereien verdienen derzeit so viel, sie wissen kaum, wohin mit dem Geld. Marktgerüchten zufolge investieren erste Schifffahrtsunternehmen im Immobiliensektor. Da kann ich mir schon vorstellen, dass Übernahmefantasien wieder aufkeimen.“ Allerdings dürfte es nach Tiedemanns Einschätzung angesichts der Marktkonzentration schwierig werden, für so eine Übernahme die Genehmigung durch die Kartellbehörden in den USA und in Asien zu erhalten.

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Angesichts der Forderungen aus der Opposition stellt die Hamburger Finanzbehörde klar, dass sie an einen derzeitigen Verkauf der Hapag-Anteile nicht denkt. Aus Sicht der Stadt handele es sich bei der Beteiligung um ein strategisch wichtiges Investment, bei dem mit den derzeitigen Anteilsverhältnissen über das satzungsmäßige Quorum der Standort Hamburg von Hapag-Lloyd gesichert wird, heißt es aus der Behörde.

Finanzsenator Dressel rechtfertigt Beteiligung

Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) sagte dem Abendblatt: „Die Gründe für unsere Beteiligung gelten fort: Wir beteiligen uns an Hapag-Lloyd aus standort- und wirtschaftspolitischen Gründen, um auf dieser Grundlage Arbeitsplätze, Ladungskapazitäten und Steuereinnahmen für Stadt und Hafen langfristig zu sichern.“

Dass der Hansestadt deshalb möglicherweise sehr viel Geld durch die Lappen geht, glaubt Dressel ohnehin nicht. „Die gute Entwicklung von Hapag-Lloyd zeigt, dass unser Engagement Früchte trägt – und wir wichtige Dividendeneinnahmen verbuchen können. Unsere Beteiligung ist unabhängig von kurzfristigen wirtschaftlichen Spekulationen.“

Reederei Hapag-Lloyd ist glücklich mit Hamburg

Hapag-Lloyd-Vorstandschef Rolf Habben Jansen glaubt ebenfalls nicht an einen baldigen Verkauf der von der Stadt gehaltenen Aktien. „Die Frage, ob die Stadt ihre Anteile abgibt, halten wir für theoretisch, zumal sie uns immer bestätigt hat, dass sie beteiligt bleiben möchte. Wir sind sehr glücklich, dass die Stadt zu unseren Miteigentümern gehört“, sagt der Konzernlenker.

Vor dem Jahr 2024 würde sich ohnehin nichts ändern, weil bis dahin ein sogenanntes Shareholder Agreement zwischen den drei Haupteigentümern Kühne, CSAV und der Stadt gelte. „Diese drei haben in Hapag-Lloyd mit einer langfristigen Perspektive investiert“, sagte Habben Jansen dem Abendblatt.

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