Tipps für Anfänger

Lohnt sich jetzt noch der Einstieg an der Börse?

| Lesedauer: 8 Minuten
Steffen Preißler
Ein Händler sitzt im Handelssaal der Frankfurter Börse vor seinen Monitoren (Archivbild).

Ein Händler sitzt im Handelssaal der Frankfurter Börse vor seinen Monitoren (Archivbild).

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Negativzinsen und extrem günstige Broker locken Millionen neue Aktionäre an. Was man als Anfänger unbedingt beachten sollte.

Hamburg.  Einen solchen Anstieg hat es in den letzten 20 Jahren nicht mehr gegeben: Innerhalb eines Jahres hat Deutschland rund 2,7 Millionen Aktionäre mehr. Jetzt trauen sich immer mehr Sparer auch an die Börse. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Wie können sich Einsteiger orientieren? Welche Kosten und Risiken gibt es? Das Abendblatt sprach mit Experten und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Woher kommen die neuen Aktionäre?

„Die Entwicklung ist sensationell“, sagt Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). „Jeder sechste Sparer hatte Aktien oder Aktienfonds im Depot, das gab es zuletzt im Jahr 2001.“ Geplatzte Urlaube, geschlossene Restaurants und weniger Einkaufsbummel haben dazu geführt, dass den Menschen mehr Zeit und Geld zur Verfügung stehen.

Fast 600.000 junge Erwachsene wagten sich 2020 auf das Börsenparkett. „Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von fast 70 Prozent und damit der mit Abstand stärkste Anstieg aller in der Studie untersuchten Altersgruppen“, sagt die Chefin des DAI.

Was sind die Gründe dafür?

Eine gewisse Börseneuphorie und einfache Handelstechniken mittels Apps erschließen neue Zielgruppen, vor allem junge Leute. „So lassen sich verstärkt Aktieninvestments von jungen Anlegern beobachten, die häufig auf sogenannte Neo-Broker zurückgreifen.

Diese zeichnen sich durch die Bereitstellung eines einfachen preisgünstigen Börsenzugangs – oft mit dem Smartphone – auch bei kleinen Anlagebeträgen aus, allerdings in der Regel ohne persönliche, individuelle Beratung“, sagt Michael Stappel von der DZ Bank. 60 Prozent der Wertpapiertransaktionen laufen bei der ING inzwischen über Apps.

„Das wäre vor drei Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt Ronny Förster, Produktstratege der ING. „Junge Kunden spielen bei uns eine große Rolle, denn 50 Prozent der Depotneueröffnungen entfallen auf diese Gruppe. Sie steigen in das Berufsleben ein und verdienen erstmals Geld. Mit Apps gibt es eine sehr niedrige Einstiegshürde, bequem in einen Sparplan oder direkt in Aktien zu investieren.

Dabei bevorzugen sie häufig Technologiewerte, die ihrer Lebenswirklichkeit entsprechen und mit denen sie sich identifizieren können wie Amazon, Tesla oder Apple.“ Gleichzeitig werden die Sparer von den Banken durch die Einführung von Negativzinsen immer stärker zum Abbau ihrer hohen Geldbestände auf Giro- und Tagesgeldkonto gedrängt. Insgesamt werden nach der Analyse des Verbraucherportals

Biallo bei 322 Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken Negativzinsen für Privatkunden fällig, meist minus 0,50 Prozent. Die Freibeträge, für die keine Strafzinsen fällig werden, liegen meist zwischen 50.000 Euro (Hamburger Sparkasse) und 100.000 Euro (Hamburger Volksbank) pro Kunde. Und schließlich gibt es neben Aktien neue, kostengünstige Fondsprodukte, die die Geldanlage im Wertpapierbereich erleichtern.

Was sind das für neue Fonds?

Die Exchange Traded Funds (ETF) sind börsengehandelte Indexfonds, die auf einen Fondsmanager verzichten und einen bestimmten Börsenindex wie den DAX mit 30 Einzeltiteln abbilden. Wer einen Anteil kauft, hat also anteilig alle Aktien aus dem DAX in seinem Depot. Die Wertentwicklung läuft mit minimalen Abweichungen parallel zum DAX – in guten wie in schlechten Börsenzeiten.

Diese ETFs gibt es für sehr viele Börsenindizes, etwa auch für den MSCI World Index, der rund 1600 Aktien aus 23 Industrienationen bündelt, oder der MSCI All Countries World Index, der Aktien von rund 3000 Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern umfasst. Die ETF gibt es schon seit vielen Jahren, aber es brauchte Zeit, bis sie sich in der Breite durchsetzen, weil sie anfangs nur von den Direktbanken und weniger von den Filialbanken angeboten wurden.

Soll man Einzelaktie oder ETF kaufen?

Die schnelle Spekulation mit Aktien, die im Trend liegt, übt im Moment vor allem auf junge Leute eine große Anziehungskraft aus. Die Aktien werden in Foren empfohlen und je mehr Anleger einsteigen, desto größer der Kursanstieg. Am Beispiel der US-Aktie Gamestop haben viele Anleger das erfahren. Unter großen Schwankungen stieg das Papier seit Jahresanfang um rund 1000 Prozent. Doch wenn die Euphorie nachlässt, sind auch große Verluste möglich.

„Eine nachhaltige Aktienkultur beinhaltet eine breite Risikostreuung durch unterschiedliche Aktien bei begrenztem Anteil am Gesamtdepot, einen langfristigen Anlagehorizont sowie eine möglichst kontinuierliche Neuanlage in Aktien, Aktienfonds und entsprechende Zertifikate“, sagt Experte Stappel von der DZ Bank. Doch dazu fehlt den meisten jungen Leuten das Geld. Die Alternative sind ETF-Sparpläne, die eine breite Streuung ermöglichen und die bei vielen Anbietern schon ab 25 Euro im Monat bespart werden können.

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Welche Anbieter gibt es?

Es gibt drei Gruppen von Anbietern. Einsteiger sollten zuerst überlegen, wo sie sich am besten aufgehoben fühlen. Neobroker wie Trade Republic und Scalable Capital sind die jüngsten und kostengünstigsten Anbieter. Anmeldung und Eröffnung des Depots erfolgt per Videoident, und gehandelt wird meist über eine Smartphone-App. Die Direktbanken wie ING, Comdirect, DKB oder Consors liegen bei den Kosten zwischen den Neobrokern und den Filialbanken und haben das umfangreichste Angebot an Sparplänen, Aktien, Investmentfonds, ETFs, Zertifikaten und Optionsscheinen.

Neben dem Handel über die App gewährleisten die Direktbanken auch einen Handel am Computerbildschirm. Gemeinsam ist beiden Gruppen: Es gibt keine direkte und persönliche Beratung bei der Anlage. Wer darauf Wert liegt, ist am besten bei einer Filialbank aufgehoben, hat aber höhere Kosten.

Was brauche ich als Neuaktionär?

Wenn ich mich für einen Anbieter entschieden habe, benötige ich ein Konto und ein Depot. Außerdem muss ich festlegen, zu welchen Risiken ich bereit bin. Dafür gibt es verschiedene Stufen. Wer etwa mit Aktien handelt, kann festlegen, dass er Optionsscheine oder Zertifikate mit dem Risiko des Totalverlustes nicht erwerben möchte. Die Festlegungen lassen sich jederzeit ändern.

Wie hoch sind die Kosten?

Die Neobroker sind unschlagbar günstig. Unabhängig vom Volumen kostet der Aktienkauf einen Euro (Trade Republic, Scalable Capital) oder gar nichts (Gratisbroker, Justtrade). Bei den Direktbanken kostet eine Aktienorder über 3000 Euro meist mehr als zehn Euro, Filialbanken sind noch deutlich teurer.

Nulltarif – gibt es einen Haken?

Das Angebot an Aktien, Fonds und anderen Finanzinstrumenten ist bei Weitem nicht so umfangreich wie bei den Direktbanken. Manche haben auch noch keine ETF-Sparpläne im Angebot. Es gibt nur ein oder zwei Börsenhandelsplätze. In normalen Zeiten mag das ausreichen, aber bei einer massiven Verkaufswelle oder technischen Problemen kann es zu Problemen kommen.

Der Hype um die Aktie von Gamestop und Handelsbeschränkungen hatten bei einigen Neobrokern zeitweise dazu geführt, dass nicht alle Aufträge zeitnah ausgeführt werden konnten. Die Neobroker sind jung, ob alle am Markt bestehen werden oder es zu Fusionen kommt, ist offen. Wer sich also an Veränderungen stört, setzt lieber auf etablierte Direktbanken.

Muss ich um mein Geld fürchten?

Nein. Aktien und Fonds im Depot werden nur treuhänderisch verwahrt und sind im Fall einer Insolvenz nicht betroffen. Das Geld auf dem Konto ist über die gesetzliche Einlagensicherung abgesichert: 100.000 Euro pro Kunde.

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„Alle Anlageklassen sind teuer, nicht nur Aktien, sondern auch Staatsanleihen oder Gold“, sagt Bernd Schimmer, Wertpapierstratege der Haspa. Anleger müssen also mit Rückschlägen an der Börse rechnen. „Aber bei einem langfristigen Sparplan spielt der Startzeitpunkt keine Rolle“, so Schimmer. „Der richtige Zeitpunkt ist immer jetzt, da wir günstige Einstiegszeitpunkte an der Börse erst im Nachhinein erkennen.“ Mit den regelmäßigen konstanten Einzahlungen werden Kursschwankungen ausgeglichen.

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