Corona und Blumen

Warum Zierpflanzen jetzt in Hamburg knapp werden

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Steffen Preißler
Bei André Harden in Kirchwerder blühen die Frühjahrsblumen. Verkauft werden sie nur im Umland.

Bei André Harden in Kirchwerder blühen die Frühjahrsblumen. Verkauft werden sie nur im Umland.

Foto: Andreas Laible

Blumen und Co.: Frühjahrsblüher aus den Vier- und Marschlanden gehen an Gartencenter in Nachbarländern. Wo Hamburger Pflanzen kaufen.

Hamburg. Wenige Hundert Meter hinter Hamburgs Landesgrenze blüht das Geschäft mit Frühjahrsblühern. Seit Montag haben in Schleswig-Holstein Blumenläden, Gärtnereien und Gartenbaucenter wieder geöffnet. Doch der Blumenpavillon Burmester in Bergedorf muss geschlossen bleiben. „Wir müssen mit ansehen, wie in Supermärkten die floralen Produkte immer weiter aufgestockt werden, während uns die Hände weitestgehend gebunden sind“, sagt Valerie Ahlfeld, die in dem Familienbetrieb mit zehn Floristinnen für das Marketing zuständig ist.

„Unser Geschäft lebt vor allem davon, dass Kunden auf dem Weg zum Friedhof Blumen kaufen, die sie auf dem Grab einpflanzen.“ Seit mehr als zwei Monaten ist das Geschäft geschlossen. „Wir haben Platz, wir könnten auch im Freien vor dem Geschäft verkaufen“, sagt Ahlfeld. „Mit medizinischen Masken wäre das infektionssicher möglich.“ Doch jetzt kommen 90 Prozent weniger Kunden, nur wenige praktizieren Click und Collect.

Tschentscher: Blumenläden bleiben geschlossen

In Hamburg bleiben Blumengeschäfte und Gartencenter vorerst geschlossen. „Aus guten Gründen haben wir Blumenläden und Gartencenter nicht geöffnet, um Mobilität und Infektionsrisiken zu vermeiden“, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) Ende vergangener Woche. Die Hamburger aber lassen sich nicht mehr davon abhalten, Pflanzen für Garten oder Balkon zu kaufen. Stiefmütterchen und Primeln holen sie sich bereits seit Wochen aus Niedersachsen und nun eben auch auch Schleswig-Holstein.

„Wenn fast alles geschlossen ist, dann machen Blumen und Pflanzen gerade jetzt im Frühjahr die Lage für die Menschen etwas erträglicher“, sagt An­dreas Kröger, Präsident des Wirtschaftsverbandes Gartenbau in Norddeutschland, in dem auch viele Blumenzuchtbetriebe aus Hamburg organisiert sind. „Das spüren unsere Betriebe an der hohen Nachfrage, die jetzt aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein kommt. Der Verkauf der Frühjahrsblüher dorthin läuft sehr gut. Wenn das so weitergeht, kann es sein, dass Mitte März für Hamburg kaum noch Ware verfügbar ist.“

Gartencenter in Niedersachsen wieder geöffnet

Frühlingshaftes Wetter lässt die Nachfrage nach Primeln, Hornveilchen und Stiefmütterchen explodieren. Das spürt auch André Harden in seinem Betrieb in den Vier- und Marschlanden. „Wir haben stark aufgeholt beim Absatz. Wenn es so bleibt, ist die Frühjahrsware bald ausverkauft.“ Denn in Niedersachsen sind die Verkaufsstellen für Pflanzen schon seit dem 13. Februar geöffnet.

Hamburger haben also ausreichend Alternativen, sich mit den Pflanzen einzudecken. Der Parkplatz des Gartencenters Bellandris Matthies bei Hittfeld ist voll mit Autos, die ein Hamburger Kennzeichen haben. Das größte Gartencenter Norddeutschlands nur rund fünf Kilometer hinter Hamburgs Landesgrenze ist ein idealer Anlaufpunkt für Hamburgs Freizeitgärtner. Doch nicht nur Gartencenter haben geöffnet. Auch die Pflanzabteilungen der Baumärkte in den Nachbarbundesländern dürfen verkaufen.

Baumärkte in Niedersachsen dürfen Pflanzen verkaufen

„Manche Pflanzencenter haben einen separaten Eingang, in anderen Baumärkten haben wir umbauen müssen“, sagt Florian Preuß, Sprecher der Baumarktkette Obi. Denn das übrige Sortiment der Baumärkte darf nur von Gewerbetreibenden gekauft werden. Insgesamt hat Obi elf Märkte in Schleswig-Holstein und Niedersachsen geöffnet.

„Unsere Märkte in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind bestens vorbereitet“, sagt Daniela Rissinger, Sprecherin der toom-Baumärkte. „Wir sind schnell in der Lage, den Bedarf der einzelnen Filialen zu decken.“ Sonniges Wetter werde zu einer noch stärkeren Nachfrage führen.

Lebensmitteleinzelhandel sticht Blumenläden aus

Bei der Ladenkette Blume 2000 ist man verärgert, dass die 44 Filialen in Hamburg weiter geschlossen sind. „Das ist auch für unsere Logistik nicht einfach, wenn wir ein ganzes Liefergebiet aussparen müssen“, sagt Ulrike Heuser von Blume 2000. Bisher haben in Norddeutschland 39 Filialen geöffnet. „Wir sehen vor allem eine starke Wettbewerbsverzerrung zugunsten des Lebensmitteleinzelhandels“, sagt Heuser.

Nach ihren Beobachtungen haben einige Märkte ein Shop-in-Shop-Konzept aufgezogen, um dort Blumensträuße zu binden und zu verkaufen. „Discounter und Lebensmitteleinzelhandel reagieren im Blumen- und Pflanzenbereich mit massiven Sortimentserweiterungen“, bestätigt Gartenbaupräsident Kröger. „Nur dürfen unsere regionalen Unternehmer diese Absatzmärkte nicht bedienen.“ Die Ware komme oft aus den Niederlanden.

Hamburger fahren für Pflanzenkauf ins Umland

Angesichts der Öffnungen im Umland hat Kröger versucht, Bürgermeister Tschentscher zu einer Öffnung zum 1. März zu bewegen. Vergeblich. Aus der Sozialbehörde heißt es auf Anfrage des Abendblatts: „Uneinheitliche Regeln führen zu mehr Mobilität und damit zu einem erhöhten Risiko einer Ansteckung.

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Generell ist es unser Ziel, dies zu vermeiden. Hamburg hat diesbezüglich die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz strikt umgesetzt und wird dies auch weiterhin tun.“ Allerdings sorgt nun gerade die Stadt für eine höhere Mobilität der Hamburger, die zum Pflanzenkauf ins Umland aufbrechen.

Lage für Hamburgs Zierpflanzen-Anbaubetriebe entspannter

Immerhin: Für Hamburgs Zierpflanzen-Anbaubetriebe hat sich die Lage entspannt. Vor wenige Wochen mussten sie noch fürchten, dass ihre gesamte Frühjahrsware auf den Kompost landet. Doch in den Nachbarbundesländern haben sich für sie jetzt Absatzkanäle geöffnet. „Wir liefern unsere Ware an den Großmarkt“, sagt Harden.

Sein Kollege Henning Beeken hat einen Online-Versand aufgebaut und liefert ebenfalls an den Großmarkt. Bis Ostern sollten alle Primeln, Vergissmeinnicht, Stiefmütterchen und Bellis ausgeliefert sein, hofft er. Ob auch an Hamburger Händler und deren Kunden, bleibt vorerst offen. Hoffnung gibt es: Bürgermeister Tschentscher sieht „Hamburg in einer Sandwichposition“ und räumt ein, den Schritt der Nachbarländer mitgehen zu müssen.

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