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Hamburger Mietportal Otto Now wird eingestellt

Otto-Chef Marc Opelt erklärte das Ende des einstigen Vorzeigeprojekts (Archiv-Foto).

Otto-Chef Marc Opelt erklärte das Ende des einstigen Vorzeigeprojekts (Archiv-Foto).

Foto: Michael Rauhe

Ab Mittwoch können keine neuen Verträge mehr abgeschlossen werden. Laufende Mietverträge sollen „bis zum letzten Tag“ erfüllt werden.

Hamburg. Oberklasse-Smartphone, schicker Fernseher, schnelles E-Bike oder ein Kaffeevollautomat mit allem Schnickschnack: Seit vier Jahren bietet Otto solche Produkte über das Portal Otto Now auch zur Miete an. Damit ist jetzt Schluss. Wie das Abendblatt exklusiv erfuhr, stellt der Hamburger Online-Händler das alternative Geschäftsmodell komplett ein. Vom morgigen Mittwoch an können keine neuen Verträge mehr abgeschlossen werden. Laufende Mietverträge sollen allerdings „bis zum letzten Tag“ erfüllt werden, hieß es. Am Dienstagnachmittag waren die Mitarbeiter informiert worden. Direkt betroffen sind 15 Beschäftigte. Für sie sollen jetzt neue Arbeitsplätze im Konzern gesucht werden.

Otto Now: Seit einiger Zeit nicht mehr die neuesten Geräte gelistet

„Die Produktvermietung ist in Deutschland nach wie vor ein Nischenmarkt, Konsumenten bevorzugen meist den Kauf eines Produktes“, erklärt der Vorsitzende des Otto-Bereichsvorstands Marc Opelt das Ende des einstigen Vorzeigeprojekts. Das Unternehmen habe vor der Frage gestanden, weiter in ein Mietmodell zu investieren oder sich auf das Kerngeschäft zu fokussieren. „Wir haben uns für Letzteres entschieden.“

Konkrete Angaben zum Geschäftsverlauf machte der Otto-Chef nicht. Aufmerksame Kunden konnten aber beobachten, dass auf der Mietplattform bereits seit einiger Zeit nicht mehr die neuesten Geräte gelistet waren. Unter zahlreichen Produkten, darunter Waschmaschinen, Kühlschränken oder auch großen Heimsportgeräten, war zuletzt der Hinweis zu lesen: „Aktuell nicht verfügbar“.

Das Interesse blieb unter den Erwartungen

Der damalige Otto-Chef Alexander Birken, heute Vorstandschef der Otto Group, und Marc Opelt, hatten Otto Now auf dem Höhepunkt der Sharing-Economy-Welle Ende 2016 mit 100 Artikeln aus den Bereichen Technik, Haushalt, Sport gestartet — und mit vielen Vorschusslorbeeren. „Die Idee, Produkte auf Zeit zu besitzen und lediglich zu mieten, hat ein neues Level erreicht“, sagte Opelt damals. Tatsächlich blieb das Interesse aber unter den Erwartungen.

Denn, auch wenn es verlockend scheint, die neueste Drohne, Spielekonsole oder Waschmaschine für den temporären Bedarf zu mieten statt zu kaufen, blieb für viele Kunden ein Rechenexempel, ob sich das lohnt. Zahlen hatte Otto zuletzt Anfang 2018 veröffentlicht. Damals waren gerade mal gut 10.000 Mietverträge abgeschlossen worden.

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Angebot wurde in den vergangenen Jahren ständig erweitert

In den vergangenen Jahren hatte die Plattform das Angebot immer wieder erweitert. So waren im Sommer 2019, auf dem Höhepunkt des E-Scooter-Booms, auch Elektroroller dazugekommen. Kurz zuvor hatte Otto Now versucht, das Geschäftsfeld mit der Vermietung von Möbeln und ganzen Kinderzimmer-Einrichtungen zu erweitern. Offenbar nicht mit dem gewünschten Erfolg. Im Herbst 2020 war das Sortiment sang- und klanglos wieder rausgeflogen.

Als Ende des Jahres mit David Rahnaward schon der zweite der Mitgründer von Bord ging, zeichnete sich das Ende des Mietmodells immer deutlicher ab. Der Tech-Spezialist wechselte als Head of Business zum Online-Gebrauchtwarenhhändler Juhu Auto, hinter dem der Leasinganbieter ALD Lease Finanz GmbH und damit die französische Großbank Société Générale steht. Bereits im Februar 2020 hatte Co-Gründer Sören Nilsson einen Job beim Baumarkt-Konzept Horst in Bahrenfeld angenommen.

Mieten statt Kaufen - ein jahrelanges Erfolgsmodell

Viele Jahre galt das Konzept Mieten statt Kaufen, das hinter dem Begriff Sharing Economy steckt, als besonders zukunftsfähiges und nachhaltiges Wirtschaftsmodell. Zahlreiche Anbieter kamen auf den Markt. Von weltweit bekannten Namen wie dem Ferienwohnungsvermittler Airbnb oder dem Fahrdienst Uber bis zu Nischensortimenten. In Deutschland gehört der 2003 gegründete Online-Marktplatz Erento aus Berlin zu den Pionieren.

Heute hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 500 Produktkategorien und sieben Millionen Nutzer. Auch Groover, europäischer Marktführer im Miet-Commerce für Unterhaltungselektronik, ist hierzulande weiterhin mit 2000 Produkten auf dem Markt. Vermietet wird über die eigene Plattform und ein Partnernetzwerk, zu dem Elektronik-Händler wie MediaMarktSaturn, Gravis, Conrad sowie der Hersteller Samsung gehören.

Wegen der Pandemie hat die Lust am Teilen abgenommen

Ging es in der Branche lange immer nur bergauf, hat die Lust am Teilen nicht zuletzt auch wegen der Corona-Pandemie abgenommen. „Es gibt eine Bereinigung des Marktes“, sagt Professor Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen und Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Westküste in Heide. „Nicht jedes Modell trägt sich wirtschaftlich und kommt deshalb jetzt auf den Prüfstand.“ Mitte Dezember hatte mit Tchibo Share bereits ein anderer Anbieter den Betrieb eingestellt.

Der Hamburger Kaffeeröster hatte über seine Mietplattform in Kooperation mit dem Start-up Kilenda zunächst vor allem Baby- und Kinderbekleidung, später auch Spielsachen, Damenmode, Sportgeräte und Kaffeemaschinen monatsweise verliehen. Knapp drei Jahre nach der hoffnungsvollen Gründung hieß es: „Obgleich uns viele Kunden der ersten Stunde bis zuletzt treu begleitet haben, konnten wir die kritische Masse, die es braucht um ein Geschäftsmodell erfolgreich zu machen, nicht erreichen.“

Zukunftsforscher macht einen neuen Trend aus

Dazu kommt: In Zeiten von Kontaktsperren, Homeoffice und Social Distancing lässt auch bei Firmen wie Airbnb oder den Anbietern von Carsharing-Autos wie ShareNow, Co-Working-Büros wie We Work und Verleihern von Ballkleidern und Smokings die Nachfrage spürbar nach. Teilweise strichen sie zahlreiche Stellen. „Die großen Unternehmen werden sich nach der Pandemie erholen“, sagt Reinhardt, „bei anderen ist die Zukunft ungewiss“. Gewinner der Sharing Economy seien regionale Portale wie nebenan.de das Nachbarschaftshilfen vermittelt.

Außerdem macht der Zukunftsforscher einen neuen Trend aus. Dahinter steckt, dass viele Menschen in der Corona-Zeit gezwungen sind, Arbeit, Bildung, Konsum und Freizeitaktivitäten in die eigenen vier Wände zu verlagern. „Es wird mehr online eingekauft, Kulturveranstaltungen werden gestreamt, berufliche und private Treffen finden in virtuellen Konferenzräumen statt“, sagt Reinhardt. Auch dafür gibt schon einen Namen: Distance Economy.​