Kaufhaus im Wandel

Alsterhaus setzt auf Gastro – Café und Restaurants kommen

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Hanna-Lotte Mikuteit
Legt selbst Wert auf modische Kleidung: Alsterhaus-Chefin Alexandra Bagehorn.

Legt selbst Wert auf modische Kleidung: Alsterhaus-Chefin Alexandra Bagehorn.

Foto: Roland Magunia

Alexandra Bagehorn leitet das Nobelkaufhaus an der Alster seit fast einem Jahr. Im Abendblatt spricht sie über ehrgeizige Pläne.

Hamburg. Vor dem Haupteingang am Jungfernstieg ist eine Baustelle. Hohe Gerüste verstellen die elegante Fassade des Alsterhauses. Es ist staubig, laut. Noch bis Juli wird es dauern, bis alle Umbauarbeiten abgeschlossen sind und das Hamburger Nobelkaufhaus komplett in neuem Glanz erscheint. Alexandra Bagehorn wartet drinnen. Luxury Hall nennen sie das Entrée im Erdgeschoss mit teuren Designerhandtaschen und Accessoires.

Neue Alsterhaus-Chefin hat ehrgeizige Pläne

Bagehorn, seit knapp einem Jahr Chefin im Alsterhaus, will gleich nach oben. Rauf auf die Rolltreppe, bis in die zweite Etage. Damenmode. „Hier sind wir jetzt fast fertig mit dem Umbau“, sagt sie und geht vorbei an langen Kleiderstangen mit den luftig gehängten Kollektionen internationaler Marken. Ein lautes Bohrgeräusch hinter einer Wand durchbricht für einen Moment die exklusive Einkaufsinszenierung. „Ende November wollen wir dort unsere große Designerfläche eröffnen, mit einer internationalen Schuhauswahl auf 700 Qua­dratmetern“, sagt die 37-Jährige. Ein weiterer Baustein der umfassenden Modernisierung des Konsumtempels.

Als Bagehorn im vergangenen November die Leitung übernommen hatte, war die Umgestaltung der Herrenabteilung im ersten Stock gerade in vollem Gang. Im Februar war der Bereich fertig geworden, parallel liefen die Planungen für die neue Damenabteilung auf Hochtouren. Dann kam Corona. „Das war ein Riesen-Kraftakt“, sagt die Geschäftsführerin, die vom Modekonzern Peek & Cloppenburg kommt. Aber auch während des Lockdowns seien alle Arbeiten im Plan weitergelaufen. „Wir haben nichts gestoppt.“ Mehr als 80 Millionen Euro investiert die KaDeWe Group, zu der auch das KaDeWe in Berlin und das Oberpollinger in München gehören, in das Alsterhaus. Die Frischzellenkur soll das 1912 gegründete Kaufhaus, das früher zu Hertie gehörte, in einen Departement-Store verwandeln, der dem Vergleich mit Premiumhäusern in New York, London oder Paris standhält. Klasse statt Masse. Das Warensortiment wurde auf Mode, Kosmetik, Accessoires, Einrichtung und einen großen Food-Bereich zusammengestutzt.

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Fünf neue Restaurants sollen das kulinarische Angebot bereichern

Ein besonders Highlight – und eine Reminiszenz an das historische Alsterhaus – ist im Januar geplant. Dann wird im Bereich der Damenabteilung im zweiten Stock ein Café mit Bistrostühlen und Alsterblick – im Sommer auch mit Balkon – eröffnet, ähnlich wie es das bereits in den 1930er-Jahren gab. Kurz darauf sollen die Bauarbeiter zum Finale in der Gourmet-Etage im vierten Stock anrücken. Dort wird der Restaurantbereich erweitert. Bis Juli 2021 sollen fünf neue Restaurants mit großen internationalen Namen auf der Fläche der bisherigen Kaufhaus-Gastronomie das kulinarische Angebot bereichern, mit Blick auf die Alster und mit Öffnungszeiten bis 23.00 Uhr.

Die Namen sind noch Geheimsache. „Es sind“, verrät Bagehorn, „wahrscheinlich auch Hamburger Gastronomen dabei“. Aktuell gibt es auf dem Dach zwei Lokale mit unabhängigen Öffnungszeiten. Das Yoshi und Billy the Butcher sind über einen separaten Eingang von der Poststraße aus direkt erreichbar. Künftig soll der Zugang für Restaurantgäste im Alsterhaus auch vom Jungfernstieg aus möglich sein.

Bagehorn hat zuletzt für Peek & Cloppenburg gearbeitet

„Hinter den Investitionen steht eine starke Vision“, sagt Bagehorn. „Das begeistert mich, und deswegen bin ich hier.“ Von ihrem Büro im fünften Stock hat sie Alster, Jungfernstieg und Ballindamm fest im Blick. Dass das Jobangebot aus Hamburg kam, sei ein weiterer Anreiz gewesen, sagt sie. Die neue Position ist aber vor allem ein ordentlicher Karrieresprung, der Start in Corona-Zeiten eine Herausforderung für die gebürtige Frankfurterin, die in Düsseldorf, Wien, Dortmund und zuletzt in ihrer Heimatstadt in unterschiedlichen Positionen in der Geschäftsführung für Peek & Cloppenburg gearbeitet hatte.

Mode ist der Betriebswirtin mit Modelmaßen auch persönlich wichtig, sie trägt an diesem Tag ein schwarzes Kleid ihrer Lieblingsmodeschöpferin Dorothee Schumacher. Im Alsterhaus mit einer Verkaufsfläche von 17.000 Quadratmetern auf sechs Etagen verantwortet Bagehorn jetzt ganz unterschiedliche Sortimente und ist Chefin von 200 Mitarbeitern, dazu kommen 400 Beschäftigte, die für Partnerfirmen im Haus tätig sind. Sie sagt: „Es geht nicht darum, dem Alsterhaus einen neuen Stempel aufzudrücken, sondern eine Verbindung zu schaffen zwischen Tradition, Trends und Luxus.“

Hamburger sind die wichtigsten Kunden des Alsterhauses

Um zu verstehen, wie das Geschäft läuft, sei ihr der Kontakt zu Kunden wichtig, sagt Bagehorn. Jeden Tag ist sie im Haus unterwegs, beantwortet Kundenanfragen und spricht mit Mitarbeitern. Ihr erster Sonnabend im November 2019 war gleich eine ganz spezielle Erfahrung. Voller Verblüffung, erzählt die Alsterhaus-Chefin, habe sie beobachtet, dass schon vor Öffnung Kunden vor dem Eingang gewartet hätten. „Die sind dann nicht etwa in Abteilungen gegangen, um sich umzugucken, sondern zu den Rolltreppen geströmt und in die vierte Etage gefahren“, erzählt sie. Ihre Mitarbeiter hätten das Rätsel dann schnell aufgelöst: „Es gibt viele, die ihren Einkaufsbummel mit einem Frühstück beginnen. Um bei uns einen Tisch mit Alsterblick zu bekommen, muss man schnell sein.“ Inzwischen kennt Bagehorn, die mit Ehemann und drei kleinen Kindern in Sasel lebt, die Hamburger schon ganz gut und weiß vor allem um ihre besondere Beziehung zum Alsterhaus.

Das mache sich auch in Corona-Zeiten bemerkbar. „Die Hamburger sind für uns die wichtigsten Kunden“, sagt die Alsterhaus-Chefin. Anders alles oftmals angenommen, seien Touristen mit einem Anteil von etwa 20 Prozent nicht der Hauptschwerpunkt. Trotzdem: Auch das Alsterhaus verzeichnet Frequenzrückgänge. „Zugleich wollen die Menschen, die zu uns kommen, auch kaufen.“ Konkrete Zahlen nennt das Unternehmen nicht. Die fehlenden Kunden aus dem Ausland wie Russland, Asien oder den arabischen Ländern dürften allerdings die Umsätze belasten.

Gibt es bald Onlineangebote vom Alsterhaus?

Bagehorn, die während des Lockdowns in Jeans und Turnschuhen mitgeholfen hat, den Grundbetrieb im Haus zu sichern, Waren abzudecken, Blumen zu gießen und Lebensmittel zu kühlen, nimmt die Krise pragmatisch. „Luxusartikel laufen gut“, sagt sie. „Wenn man schon nicht reisen und groß ausgehen kann, gönnt man sich in diesen Zeiten etwas Besonderes für zu Hause.“ Das kann eine Saint-Laurent-Lederjacke für 5000 Euro sein, ein stylischer Pullover von Victoria Beckham oder ein neues Parfüm von Byredo. „Die ersten beiden Oktoberwochen waren stark“, sagt sie.

Auch die exklusiven Shopping-Suiten im fünften Stock seien gut gebucht. „Das hat sich durch Corona sogar verstärkt“, sagt Alexandra Bagehorn. Das Hamburger Paar, dass sich einen Einkaufstag im Alsterhaus geschenkt hat, oder der Vater, der mit seiner 14-jährigen Tochter aus Dänemark angereist ist, um angesagte Markenklamotten zu probieren, wollen exklusiv shoppen – und nicht in der Warteschlange an der Kasse stehen. Bislang hat das Alsterhaus kein Online-Angebot. Allerdings, heißt es aus der Zentrale der KaDeWe Group, hinter der die thailändische Central Group und die Signa Holding des österreichischen Immobilienunternehmers René Benko stehen, gebe es Überlegungen, das nach dem Vorbild des KaDeWe zu ändern. Dort gibt es seit dem Corona-Lockdown einen Online-Shop für Damen-, Herren- und Kindermode. Dieser wird in den kommenden Monaten weiter ausgebaut.

Bagehorn: Alsterhaus im Quartier erste Adresse

„Mein Herz schlägt für den stationären Handel“, hat die Alsterhaus-Chefin im Laufe des Gesprächs gesagt. Und wie zum Beweis kommen an diesem Nachmittag zahlreiche Kunden mit Einkaufstüten internationaler Top-Marken aus den herrschaftlichen Türen zum Jungfernstieg. Dass in der Hamburger Innenstadt mit dem Kaufhof in der Mönckebergstraße, der ebenfalls zum Firmengeflecht der Signa-Gruppe gehört, gerade ein großes Kaufhaus geschlossen wurde, beobachtet Alexandra Bagehorn aufmerksam. „Aber für das Alsterhaus wird sich dadurch nicht viel ändern“, sagt sie. Für die Kunden in dem Quartier zwischen Alster und Jungfernstieg sei das Alsterhaus die erste Adresse. Die Mönckebergstraße ist da weit weg.

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