Exklusiv

Wie der Hapag-Lloyd-Chef in der Krise arbeitet

Statt im Flugzeug sitzt Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen nun im Vorstandsbüro. Dort hält er eine Videokonferenz mit rund 160 Kunden ab und beantwortet Fragen.

Statt im Flugzeug sitzt Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen nun im Vorstandsbüro. Dort hält er eine Videokonferenz mit rund 160 Kunden ab und beantwortet Fragen.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Pandemie stellt auch Rolf Habben Jansen vor neue Herausforderungen. Das Abendblatt schaute ihm über die Schulter.

Hamburg.  Später Nachmittag in der Zentrale der Hapag-Lloyd AG am Ballindamm. Ein bis auf wenige Bilder mit maritimen Szenen an den Wänden eher schmuckloses Vorstandszimmer in einer oberen Etage. Das kleine Fenster geht zum Innenhof. Funktionale Büromöbel. An der Wand steht ein Beistelltisch, darauf ein paar Flaschen Wasser und Gläser. Eigentlich kein besonders geeigneter Ort zur Kontaktpflege mit den Kunden der fünftgrößten Reederei der Welt. Aber außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

Rolf Habben Jansen, seit sechs Jahren Vorstandsvorsitzender von Hapag-Lloyd, betritt den Raum. Offenes Hemd, keine Krawatte. Vor Corona hat er das Unternehmen vielfach aus dem Flieger geleitet. 30 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit war er auf Reisen, um Kunden zu treffen oder das Hapag-Lloyd-Netzwerk rund um die Welt zu pflegen. Doch seit der Pandemie ist Schluss damit. „Ich reise im Moment gar nicht mehr“, sagt er. Ein Notebook und das Internet sichern in Zeiten der Pandemie seine Verbindung in den Rest der Welt.

Ein von der Reederei während des Lockdowns entwickeltes neues Format zur Kundenpflege ist Habben Jansens nächster Termin. Er nimmt vor dem Notebook Platz. Alle drei Monate – stets im zeitlichen Umfeld der Quartalszahlen – hält der Vorstandschef zwei groß Videokonferenzen mit Kunden ab. Eine am Vormittag, wegen der Zeitverschiebung vornehmlich für Kunden aus Asien. Eine am späten Nachmittag für Kunden aus Europa und Amerika.

Hapag-Lloyd-Chef Habben Jansen beschönigt nichts

Punkt 17 Uhr beginnt der Call. Auf dem Bildschirm an der Wand erscheint der Kopf des Vorstandschefs. „Good afternoon, good evening, good morning everybody“, sagt er ins Mikrofon. Mit ihm sitzt nur noch ein Mitarbeiter zur technischen Überwachung des Ablaufs im Raum. Gut 160 Kunden weltweit hören Habben Jansen in ihren Büros zu.

Im Schnelldurchgang führt der Reedereichef sie auf Englisch durch eine Präsentation mit zehn Seiten. Er spricht über die Einbrüche der Transportleistungen, die durch Corona ausgelöst wurden. Über die derzeit verfügbaren Schiffskapazitäten. Aber auch über die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter und darüber, dass Hapag-Lloyd im zweiten Quartal von steigenden Frachtraten und gesunkenen Treibstoffpreisen profitiert hat. Im Stakkato führt er durch die Themen. Er beschönigt nichts, sondern stellt den Kunden die Lage so dar, wie er es auch Analysten und Aktionären gegenüber macht. Habben Jansen redet auch über die Profitabilität des eigenen Unternehmens und über ein Sparprogramm, bei dem Hapag-Lloyd zum Teil bis zu ein Viertel der Liniendienste wegen Corona ausgesetzt hat. Nicht zuletzt deshalb hat Hapag-Lloyd seinen Gewinn im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 285 Millionen Euro nahezu verdoppeln können.

Immer den Blick auf den Bildschirm gerichtet erläutert Habben Jansen seine Strategie 2023, mit der Hapag-Lloyd Qualitätsführer unter den Reedereien weltweit werden will. Ein wichtiger Baustein ist dabei „Geladen wie gebucht“. Dann können sich Kunden darauf verlassen, dass ihre Ware genau auf der Reise mitgenommen wird wie vertraglich vorgesehen. Schließlich hat er auch noch eine besonders gute Nachricht zu verkünden: „Im dritten Quartal haben wir ein leichte Erholung der Transportnachfrage festgestellt. Wir haben viele Schiffsabfahrten insbesondere im Transpazifik-Verkehr und im Asien-Europa-Handel wieder aufgenommen.“

Habben Jansen baute die streng hierarchische Gliederung des Konzerns ab

15 Minuten spricht Habben Jansen. Dann sagt er: „Jetzt freue ich mich auf Ihre Fragen.“ Auf dem Bildschirm ploppt eine lange Liste von Fragen auf, welche die Kunden per E-Mail gesendet haben. Sie reichen vom zusätzlichen Informationsbedürfnis zu den Frachtraten über die Sorge eines Containermangels in Asien bis hin zum Buchungssystem. Nur einmal muss Habben Jansen passen: „Das ist jetzt so speziell, da weiß ich im Detail nicht Bescheid“, sagt er auf die Frage zu einer bestimmten Frachtrate auf einem Dienst. Der Reihe nach arbeitet er die 30 bis 40 Fragen ab. Sehr fokussiert, verbunden mit der Gabe, themenverwandte Fragen aus dem Stegreif gebündelt zu beantworten. Er wirkt offen, ehrlich, unkompliziert.

Das entspricht dem Geist, den er bei Hapag-Lloyd eingeführt hat. Das Unternehmen sah sich aufgrund seines schnellen Buchungssystems und seiner langen Historie früher als primus inter pares – von herausgehobener Stellung im Schifffahrtsmarkt. Von außen bewundert und von innen erfüllt mit dem Stolz einer langen Seefahrtstradition. Die Hapag hat Geschichte geschrieben, als wichtiger Faktor zu Zeiten der Auswanderung, als Erfinder der Kreuzfahrtindustrie, als weltumspannendes Seetransportunternehmen, das unter der deutschen Flagge für Qualität und Schnelligkeit stand.

Entsprechend selbstbewusst war das Auftreten der Mitarbeiter bis hinauf zum Vorstand. Die Vorstandsmitglieder waren die Wächter dieses traditionsreichen Bildes. Erfolgreich, perfekt vom Scheitel bis zu Sohle gestylt, mit Krawatte, sorgfältig gefaltetem Einstecktuch im Jackett und für den Rest der Welt unnahbar. Dann kam Habben Jansen. „Ich heiße Rolf“, sagte er, legte die Krawatte ab und krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch. Er baute die streng hierarchische Gliederung des Konzerns ab, ersetzte sie durch flache, effiziente Strukturen. Und er machte aus dem früheren Closed Shop einen überaus transparenten Konzern. Dazu passt auch diese unkomplizierte Onlinekonferenz.

Mehrheit der Mitarbeiter ist noch im Homeoffice

Nach 40 Minuten ist die weltweite Schalte beendet, alle Fragen sind abgearbeitet. Harsche Kritik gab es von den Kunden keine. Der Chef dankt den Teilnehmern der Videokonferenz und lehnt sich zurück. War das anstrengend? „Nein, aber die Bandbreite der Fragen ist immer so weit“, sagt er und breitet die Arme aus. Das Format hält er für perfekt in diesen Zeiten. Der Erfolg gibt ihm recht: „Wir hatten bei der Vormittagssitzung 120 Zuhörer, am Nachmittag 160. Diese Videokonferenz kommt gut an.“ Die Bandbreite der Teilnehmer reicht von Großkunden wie Kühne + Nagel bis zu kleinen Verladern, die nur einmal im Monat einen Container mit Hapag-Lloyd auf die Reise schicken.

Lesen Sie auch:

Einzelgespräche ersetzt die Veranstaltung nicht. Die sind dann vertraulich zwischen den Geschäftspartnern, wegen des Infektionsgeschehens aber derzeit auch nur via Bildschirm. „Man kann auch so eine Beziehung zu seinen Kunden aufbauen. Aber ist die persönlich? Eher nicht“, sagt er. Deshalb hofft Habben Jansen, dass die Kontaktbeschränkungen bald ein Ende haben. „Bestimmte Dinge kann man von Angesicht zu Angesicht besser klären, auch die nonverbale Kommunikation ist wichtig.“ Dass die frühere Reisetätigkeit im gleichen Umfang nach Corona bei Hapag-Lloyd wieder aufgenommen wird, glaubt er aber nicht. „Es wird eine Kombination aus beidem geben.“ Noch sei aber die Mehrheit der Mitarbeiter in Hamburg im Homeoffice. Auch Habben Jansen stöpselt sein Notebook oft zu Hause ein anstatt im Büro. „Etwas weniger als 50 Prozent arbeite ich derzeit im Homeoffice.“

Von dort aus verfolgt er auch die aktuelle Diskussion über eine Hafenkooperation zwischen der HHLA und Euro­gate. Die beiden größten deutschen Umschlagsbetriebe planen, ihre deutschen Containerterminals gemeinsam zu betreiben. „Das ist natürlich in erster Linie Sache von HHLA und Eurogate“, sagt Habben Jansen. „Aber ich verstehe die Logik, die dahintersteht. Warum soll man sich innerhalb Deutschlands Konkurrenz machen, wenn die wahren Konkurrenten in Rotterdam und Antwerpen sitzen? Deshalb begrüße ich diese Pläne.“ Dann klappt er sein Notebook zu und verschwindet in sein Büro. Er hat noch eine Videokonferenz vor sich. Diesmal mit seinen Mitarbeitern.

Logistik-Experte Rolf Habben Jansen

  • Seit Juli 2014 ist Rolf Habben Jansen Vorstandschef von Hamburgs Traditionsreederei Hapag-Lloyd. Am gestrigen Donnerstag feierte er seinen 54. Geburtstag.
  • 1966 in Spijkenisse bei Rotterdam geboren, schloss der Niederländer 1991 sein Wirtschaftsstudium an der Erasmus-Universität in Rotterdam ab.
  • Zunächst arbeitete er bei der damaligen niederländischen Reederei Royal Nedlloyd.
  • Ab 2001 war er Chef der Kontraktlogistik bei der Tochter der Deutschen Post DHL.
  • Ab 2006 war er dort Chef der Kundenbetreuung.
  • Von 2009 an leitete Habben Jansen als Vorstandschef fünf Jahre lang das weltweit tätige Logistikunternehmen Damco, bevor der Vater zweier Töchter und Freizeitsportler zu Hapag-Lloyd in den Vorstand wechselte.