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Altes Land: Obstbauern bleiben auf ihren Kirschen sitzen

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Steffen Preißler
Rolf und Beke Meyer bauen Kirschen im Alten Land an – und haben in diesem Jahr große Probleme, die Früchte zu verkaufen.

Rolf und Beke Meyer bauen Kirschen im Alten Land an – und haben in diesem Jahr große Probleme, die Früchte zu verkaufen.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

In den Obstregalen der Supermärkte liegen meist keine Früchte aus dem Alten Land – obwohl die Ernte in vollem Gange ist.

Hamburg. Es ist Mitte Juli und die Kirschbäume im Alten Land hängen voller süßer und tiefroter Früchte. Obstbauer Rolf Meyer schiebt die Folie beiseite, und es fühlt sich an wie in einem überdimensionierten Gewächshaus. Nur nicht ganz so warm. Auf zweieinhalb Hektar Fläche steht Kirschbaum an Kirschbaum, gut geschützt vor Wind, Wetter und hungrigen Vögeln unter riesigen Folienbahnen.

Die Erntehelfer aus Polen, Bulgarien und Rumänien sind gerade dabei, die Sorte Kordia zu ernten. „Heute werden die Früchte mit mindestens 28 Millimeter Durchmesser gepflückt“, sagt Meyer. Die Erntehelfer haben eine Schablone mit verschiedenen Größen. Doch die brauchen sie nur ausnahmsweise. „Ein geübtes Auge hilft“, sagt Meyer. Nächste Woche werden die Früchte gepflückt, die jetzt noch zu klein sind. Dann wird auch die Sorte Regina erntereif sein. Die Helfer sind mindestens bis in die erste Augustwoche beschäftigt.

Die Kirschen aus dem Alten Land finden keine Käufer

Auf einer Seite der Plantage sind die Kirschen schon abgeerntet. Viele der Kisten mit Sorten wie Carmen, Vanda oder Grace Star sind allerdings nicht in die Supermärkte geliefert worden, sie stapeln sich im Kühlhaus. Zwangsweise. „Wir haben erhebliche Absatzprobleme, wie wir sie in den Vorjahren noch nicht erlebt haben“, sagt Meyer.

Wenn er doch mal eine Ladung Kirschen an seinen Großhändler loswird, dann zu deutlich niedrigeren Preisen. „Unsere Abgabepreise sind um 30 Prozent eingebrochen“, sagt Meyer, der auf insgesamt fünf Hektar Süßkirschen anbaut. Nur einen kleinen Teil seiner Ware kann er selbst auf den Wochenmärkten in Sasel und Rahlstedt verkaufen, zu Preisen zwischen 5 und 8 Euro pro Kilo.

Obsbauern tauschen sich über Erfahrungen mit Supermärkten aus

Die Kirschenproduzenten im Alten Land tauschen sich in einer WhatsApp-Gruppe über die Angebote in den Supermärkten aus und posten Preisschilder. Eines aus einem Edeka-Markt hat sie besonders geärgert. „Kirschen aus dem Alten Land“ steht groß darauf. Doch schon der Preis von 4,90 pro Kilo macht stutzig, und tatsächlich steht da ganz klein die Herkunftsangabe der Früchte: Türkei. „Das resultiert aus einem bedauer­lichen, technischen Versehen. Bei den Kirschen handelte es sich tatsächlich um Ware aus der Türkei“, sagt eine Edeka-Sprecherin. Das Etikett sei umgehend ausgetauscht worden.

Doch die Probleme der heimischen Anbauer sind ganz grundsätzliche: „Das Angebot im Lebensmitteleinzelhandel wird vor allem von türkischen Kirschen bestimmt. Unsere Bauern haben das Nachsehen, weil sie mit ihrer Ware kaum in die Regale kommen“, sagt Carsten Bargmann, der Geschäftsführer des Bauernverbandes Hamburg.

Kunden kaufen kaum regionale Kirschen – der Preis verrät es

Am durchschnittlichen Preis für die Kunden in der vergangenen Woche lässt sich ablesen, dass die Konsumenten kaum vorwiegend regionale Kirschen in den Einkaufwagen gelegt haben dürften. Die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) regis­trierte für die 28. Kalenderwoche einen Verkaufspreis von durchschnittlich 4,11 Euro pro Kilo Süßkirschen. Das sind acht Prozent weniger als vor einem Jahr. Zu solchen Preisen können die Altländer Bauern nicht liefern.

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Meyer und seine Kollegen haben nichts gegen Konkurrenz durch Früchte aus dem Ausland. „Aber wir müssen wenigstens die Möglichkeit haben, unsere Kirschen in den Supermärkten anzubieten.“ Der Gärtnermeister ist sich sicher, dass er mit seiner Ware aus dem Familienbetrieb die Kunden überzeugen kann. Seit mehr als zehn Jahren baut er Kirschen unter Foliendächern an. Bis zu vier Meter hoch können die Bäume werden. Der viele Regen und die kühlen Temperaturen in den beiden vergangenen Wochen haben Meyer nicht aus der Ruhe gebracht. „Je langsamer die Früchte reifen, umso besser, und unter der Folie ist es ohnehin wärmer“, sagt Meyer, der in diesem Jahr eine gute Ernte erwartet.

"Die große Menge an ausländischer Ware ist ein Problem"

„Wir rechnen wie bereits 2019 mit zehn bis zwölf Tonnen Kirschen pro Hektar“, sagt Matthias Görgens von der Obstbauversuchsanstalt in Jork. „Der Trend geht zum Anbau unter einem Foliendach.“ Gut die Hälfte der an der Niederelbe angebauten Süßkirschen sind mittlerweile überdacht. Eine solche Anlage kostet pro Hektar rund 100.000 Euro. Nach Görgens Schätzung werden in diesem Jahr rund 5000 bis 6000 Tonnen Süßkirschen in Niedersachsen, vorwiegend im Alten Land, geerntet werden. Dort an der Elbe werden Süßkirschen auf rund 500 Hektar angebaut.

Rolf Meyer ist mit seinen Absatzproblemen nicht allein. Auch sein Namensvetter Hauke Meyer aus Hollern-Twielenfleth (Landkreis Stade) kann derzeit nur etwa 20 Prozent der sonst üblichen Menge absetzen. „Die große Menge an ausländischer Ware ist schon ein Problem“, sagt er. Das bestätigt auch Helwig Schwartau von der AMI. „Die Türkei ist einer der größten Kirschenproduzenten und kann die Ware zuverlässig von Mai bis Ende Juli liefern.“ Das blockiere Absatzkanäle für die heimischen Anbauer.

Ernte in der Türkei ist außergewöhnlich gut ausgefallen

Die Ernte in der Türkei ist in diesem Jahr außergewöhnlich gut ausgefallen. Hinzu kommt der Preisunterschied. Während es die importierten Kirschen im Handel schon für 2,90 bis 3,30 Euro pro Kilo gibt, kostet das deutsche Obst dort 6,90 bis 7,90 Euro pro Kilo. Manche Discounter-Filialen selbst in der Region bieten sogar ausschließlich Importware an. „Die Kirschen aus dem Alten Land haben deutlich höhere Produktionskosten, gerade wenn sie unter einem Dach angebaut werden. Rund 90 Prozent der Kirschen, die wir vermarkten, sind Dachware“, sagt Björn Wieneke von Elbe-Obst, der für den Verkauf der Kirschen an den Einzelhandel zuständig ist.

Das Problem sei auch der Verbraucher, der preisgünstigere Ware bevorzuge. Und die komme vor allem aus der Türkei. „Wir haben in Deutschland die höchsten sozialen und Umweltstandards, das sollte auch der Verbraucher bei seiner Produktauswahl berücksichtigen“, sagt Obstbauer Ulrich Beckmann. „Wir haben gerade die Unterkunftsmöglichkeiten für unsere Erntehelfer auf einen sehr hohen Standard ausgebaut.“ Seine jetzt geernteten Kirschen kann er zwar bei Elbe Obst abliefern. „Was ich für Preise bekomme, weiß ich aber noch nicht“, sagt Beckmann.

Einzelhandel wehrt sich gegen Vorwürfe der Bauern aus dem Alten Land

Der Einzelhandel wehrt sich gegen die Vorwürfe der Bauern. Die Behauptungen seien „haltlos“, heißt es bei Rewe als. Die Handelskette führt eine ganze Reihe von Großhändlern aus dem Alten Land auf, von denen sie Kirschen beziehe. „In der Region Nord führen wir deutsche Kirschen aus dem Alten Land“, sagt Rewe-Pressesprecher Thomas Bonrath. Rewe biete regionale und Importware parallel an.

„Bei Kirschen ist die Herausforderung, dass die deutsche Produktion nicht den auf dem heimischen Markt benötigten Bedarf deckt. Im Schnitt wird rund 30 Prozent der Menge, die in Deutschland verkauft wird, mit heimischer Ware abgedeckt.“ Edeka Nord (Neumünster) bezieht Kirschen nach eigenen Angaben von zwei regionalen Obstbauern. „Deren Ware nehmen wir komplett ab“, sagt eine Edeka-Sprecherin. In dieser Woche wirbt die Supermarktkette auch mit Kirschen aus dem Alten Land. Das Kilo für 6,70 Euro.

Großhändler hofft auf bessere Preise – wenn die Kirschen aus dem Ausland verbraucht sind

Dennoch stapeln sich bei vielen Obstbauern und beim Großhändler Elbe Obst die Kirschen in den Kühlhäusern. „Wir liefern schon seit Ende Juni Kirschen konstant an Rewe und an Edeka, aber eben nicht zu den Mengen und den Preisen, wie sich das die Obstbauern vorstellen“, sagt Prokurist Wieneke von Elbe Obst. Er glaubt, dass sich die Situation bald entspannen wird. „Dachkirschen sind gut lagerbar, und unsere Hauptverkaufswochen kommen noch, wenn aus Süddeutschland und aus dem Ausland keine Kirschen mehr geliefert werden können. Dann hoffen wir, auch bessere Preise für die heimischen Obstbauern erzielen zu können.“

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