Konsum

Mehrwertsteuersenkung – der große Abendblatt-Test

| Lesedauer: 10 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit, Steffen Preißler, Oliver Schade und Heiner Schmidt
Wer am Mittwoch im Supermarkt einkaufen war, konnte wegen der geringeren Mehrwertsteuer Geld sparen.

Wer am Mittwoch im Supermarkt einkaufen war, konnte wegen der geringeren Mehrwertsteuer Geld sparen.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Wer gibt die Reduzierung weiter? Wir haben bei Händlern und Gastronomen nachgeschaut und kommen zu überraschenden Ergebnissen.

Hamburg.  Um die Wirtschaft in Corona-Zeiten anzukurbeln, den Konsum kräftig in Schwung zu bringen, hat die Bundesregierung beschlossen die Mehrwertsteuer zu senken. Der allgemein gültige Satz in Höhe von 19 Prozent ist seit Mittwoch um drei Punkte gefallen, der reduzierte Satz in Höhe von sieben Prozent – zum Beispiel für Milchprodukte – beträgt nur noch fünf Prozent.

Das Abendblatt wollte es genau wissen, schaute am Mittwoch bei Händlern und Gastronomen vorbei und verglich die gültigen Preise mit Daten aus dem Juni. Wer gibt den Steuervorteil weiter? Und wer legt das eingesparte Geld lieber in die eigene Kasse?

Budnikowsky

Auf den ersten Blick deutet hier in der Budni-Filiale in Heimfeld kaum etwas auf die Mehrwertsteuersenkung hin. Keine großen Plakate, mit denen für niedrigere Preise geworben wird. Die Verbraucher können aber an vielen neuen Preisetiketten erkennen, dass Budni etwas verändert hat – und zwar zum Vorteil der Kunden. So kostet zum Beispiel die Fritz Limo statt 89 nur noch 86 Cent. Der Bio Alnatura Pfefferminztee ist ebenfalls drei Cent günstiger, man muss für ihn an der Kasse jetzt lediglich 1,36 Euro bezahlen.

Und auch das Paket Tempo-Taschentücher (30 Packungen) ist für 2,81 statt 2,89 Euro zu haben. An der Kasse gibt es noch eine Überraschung – und zwar eine positive: Obwohl der Bio-Joghurt im Kühlregal noch mit dem alten Preis von 99 Cent ausgezeichnet ist, werden am Ende nur 97 Cent verlangt. Kann passieren, schließlich musste die neue Etikettierung quasi über Nacht stattfinden. Budni gibt den Steuervorteil an seine Kunden weiter – vorbildlich!

Edeka

Am Kühlregal weist ein kleiner Zettel auf die Mehrwertsteuersenkung hin. „Den reduzierten Preis entnehmen Sie bitte dem Kassenbon“, heißt es dort. Die Preisetiketten bei Edeka Heitmann in der Großen Bergstraße in Altona sind unverändert. „Wir haben mehr als 30.000 Artikel. Die Mehrbelastung für die Mitarbeiter wollten wir vermeiden“, sagt Marktleiter Michael Le und verweist auf eine Handreichung des Bundeswirtschaftsministeriums, die diese Praxis erlaubt.

Beim Testkauf zeigt sich, dass der Händler die Mehrwertsteuersenkung weitergibt. Ein Liter Bio-Vollmilch der Eigenmarke kostet laut Kassenbon 1,07 Euro statt zuvor 1,09 Euro. Bei dem 250-Gramm-Paket Lurpak Butter liegt die Ersparnis bei vier Cent, von 1,99 Euro auf 1,95 Euro. Und auch die Chips des Herstellers Kettle sind günstiger: 1,95 Euro statt 1,99 Euro. Nach Angaben von Edeka Nord hat das Unternehmen die Kassensysteme für alle Händler zentral angepasst. Die Kunden interessiert das allerdings nicht übermäßig. Nachfragen habe es nicht gegeben, so eine Kassiererin

Alnatura

Wer die Alnatura-Filiale am Hahnenkamp am Altonaer Bahnhof betritt, findet zunächst keinen Hinweis, wie die Bio-Supermarktkette mit der Senkung der Mehrwertsteuer umgeht. An den Regalen sind die alten Preisschilder. Erst an den Kassen hängt ein weißer Zettel, der die Reduzierung ab 1. Juli verspricht. Auf dem Kassenbon wird exakt ausgewiesen, um wie viel günstiger die einzelnen Produkte sind. So spart man beim Kauf eines Pakets Weizenmehl zwei Cent. Der Preis sinkt von 95 Cent auf 93 Cent. Für eine Packung Maxi Müsli werden mit 6,92 Euro sieben Cent weniger fällig als vorher. In den nächsten Tagen sollen weitere Informationen im Laden angebracht werden. Die Schilder seien in der Post hängen geblieben, so eine Mitarbeiterin.

Block House

Mrs. Rumpsteak kostet 19,20 Euro, der Classic Burger 12,20 Euro und ein kleiner Salat 4,50 Euro – in den Block-House-Restaurants bezahlen die Gäste nach der Reduzierung der Mehrwertsteuer genau das Gleiche für ihre Lieblingsgerichte wie vorher. Tatsächlich hat die Hamburger Steakhaus-Kette die Preise sogar angehoben – um durchschnittlich 1,5 Prozent. Die neue Speisekarte gilt seit der Wiedereröffnung nach der Corona-Schließung Mitte Mai. Geplant war sie nach Unternehmensangaben allerdings schon unabhängig von der Krise im März. Es gebe keinen Spielraum für Preissenkungen, sagt Stephan Bülow, Vorsitzender der Geschäftsführung Block Gruppe. So wie er sehen das viele Gastronomen. „Wir sind mit enormen Umsatzausfällen aufgrund der Abstandsregelungen und gleichzeitig hohen Kosten für unsere umfangreichen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen konfrontiert“, sagt von Bülow. Zudem seien nach wie vor viele der 2000 Mitarbeiter in den Restaurants in Kurzarbeit. Die Block-Gruppe stockt für alle Beschäftigten das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent auf.

Lidl

Der Discounter lässt keinen Zweifel daran, dass er die Mehrwertsteuersenkung weitergibt. Die Regale sind mit roten Preisschildern zugepflastert, die den alten und neuen Preis ausweisen. Zusätzlich prangt „billiger“ vor jedem Preisschild. Bei den niedrigeren Preisen geht es meist nur um wenige Cent. Die Packung Würfelzucker kostet jetzt 87 statt 89 Cent, das Lachsfilet aus der Tiefkühltruhe kostet 4,16 Euro statt 4,29, die Kerrygold Butter 2,31 statt 2,37 Euro und die Eiscreme 2,24 Euro statt 2,29 Euro. Auch Toilettenpapier ist günstiger geworden: 3,24 statt 3,32 Euro. Teilweise gibt es sogar Preisreduzierungen, die über die Mehrwertsteuersenkung hinausgehen.

Rewe

Anders sieht es in einem inhabergeführten Rewe-Markt in Buxtehude aus. Zwar gibt es auch hier an den Regalen sehr viele Schilder mit der Aufschrift „Über 5000 Preise gesenkt“. Doch nach einer Schätzung ist davon nur gut die Hälfte der Produkte betroffen. Das Regal mit den Nüssen oder der Schokolade von Lindt bleibt von der Mehrwertsteuersenkung ausgespart. Aber bei der Ritter-Sport-Schokolade sieht das anders aus. Die Tafel kostet jetzt 1,17 statt 1,19 Euro – und der neue Preis ist auch am Regal ausgewiesen.

Wie stark der Kunde profitiert, hängt vom Einkaufsverhalten ab. Ein Testeinkauf mit zehn Lebensmitteln vor und nach der Mehrwertsteuersenkung führte gerade bei vier Produkten zu reduzierten Preisen: Neben der Ritter-Schokolade ist das der Rewe-Bio-Frischkäse und Bio-Quark (je zwei Cent gespart) und Rewe-Butterspritzgebäck (vier Cent gespart). Für die Cherry-Tomaten (abgepackt), das Toastbrot von Harry, die Wiener von Rügenwalder, die Mortadella von Gutfried, die Bio-Eier von Schönecke und die Bio-Milch vom Hamfelder Hof gelten die alten Preise.

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Media Markt

An den Regalen von Media Markt sind viele elektronische Preisschilder noch nicht aktuell. Vier Batterien von Panasonic oder Druckerpatronen von HP sind noch mit dem Preis vom Dienstag ausgezeichnet. Erst ein Testkauf zeigt: An der Kasse ist der Preis niedriger. Statt 35,99 kosten die Druckerpatronen nur noch 35,08 Euro. Auch bei den Batterien werden einige Cent gespart. „Eigentlich ist das nach der Preisangabenverordnung unzulässig“, sagt Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale Hamburg. Der Kunde müsse schon am Regal den tatsächlichen Preis erkennen. Doch laut Bundeswirtschaftsministerium ist durch die Verordnung zur Mehrwertsteuersenkung auch ein Abweichen von dieser Regel möglich geworden. Bei Großgeräten wurden die Papp-Preisschilder über Nacht gewechselt. Die Siemens-Waschmaschine kostet jetzt 583,91 statt 599 Euro, und damit wurde die Mehrwertsteuersenkung exakt weitergegeben. Das zeigt sich auch bei einem zweiten Testprodukt, einer Kühl-Gefrier-Kombination von Liebherr, die jetzt 681,39 Euro kostet. Der Kunde spart rund 18 Euro. Beim iPhone funktionieren auch die elektronischen Preisschilder. Das iPhone 11 Pro gibt es jetzt für 1090,80 statt für 1119 Euro, und die Sony-Kopfhörer kosten nicht mehr 300 Euro wie am Vortag, sondern nur noch 292,43 Euro.

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Nur Hier
Die Preisetiketten an den Regalen der Eimsbütteler Filiale der Bäckereikette Nur Hier sind rot und ein bisschen nachlässig eingesteckt. Sieht aus, als wären sie erst vor Kurzem ausgewechselt worden. Das allerdings war auch am Vortag schon so. Ein Laib Vollkornsonne für 4,05 Euro, das Dinkel-Vollkornbrot kostet 4,65 Euro. So sand es da auch schon am 30. Juni. Je ein Brot der beiden Sorten liegt aus. So wie am Vorabend. Ist an diesem Morgen womöglich noch keine frische Ware geliefert worden? Bringt der Fahrer dann auch neue Preisschilder mit? Hat Nur Hier womöglich die Preise schon vor dem 1. Juli gesenkt? Auf all das gibt keine Antworten. Die Verkäuferin versteht die Frage, ob die Preise jetzt niedriger seien, erst im dritten Anlauf. Und sagt: „Weiß ich nicht.“ Das zum Reich der Bäckerfamilie von Allwörden gehörende Unternehmen selbst macht auch ein Rätsel daraus. Anfragen des Abendblatts bleiben unbeantwortet.


Aldi
Der Discounter lässt die Etiketten am Regal sprechen: Keine Werbeplakate sind in der Filiale an der Bismarckstraße zu sehen, keine „Jetzt noch billiger“-Werbesprüche. Aldi hat schon einige Tage vor dem 1. Juli die Preise gesenkt und versprochen: Der Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der für Grundnahrungsmittel gilt, wird nicht auf fünf, sondern auf vier Prozent gesenkt. Die Bio Landsalami kostet jetzt 1,93 statt 1,99 Euro, der Gouda alt in Scheiben 1,83 statt 1,89 Euro. 500 Gramm Joghurt mild ist von 49 auf 47 Cent reduziert.

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