Hamburg

Elbvertiefung – zuerst werden Bomben gesucht

Die „Gian Lorenzo Bernini“ holt Schlick aus der Elbe. Eine Lkw-Ladung, pro Schaufelhub.

Die „Gian Lorenzo Bernini“ holt Schlick aus der Elbe. Eine Lkw-Ladung, pro Schaufelhub.

Foto: Axel Heimken / dpa

Baggerarbeiten laufen auf Hochtouren. Doch an mehr als 100 Stellen im Fluss könnten gefährliche Kriegshinterlassenschaften liegen.

Hamburg.  Langsam senkt sich der Greifarm der „Gian Lorenzo Bernini“ ins braune Wasser der Süderelbe. Dann hört man nur noch die Hydraulikpumpen arbeiten. Plötzlich kommt die riesige Baggerschaufel zurück ans Tageslicht, schwenkt hinüber zur längsseits liegenden Klappschute und kippt den schwarzen Inhalt in deren Laderaum. „Wieder 25 Kubikmeter weniger“, sagt Jörg Oellerich, Projektleiter der Elbvertiefung bei der Hamburg Port Authority (HPA).

So geht es jetzt Tag und Nacht Mit jedem Baggervorgang holt das Baggerschiff eine Lkw-Ladung voll Schlick oder Geröll vom Boden der Süderelbe, und Oellerich wird es mit jedem Baggerhub leichter ums Herz. Seit 2003 hat er das Projekt Elbvertiefung bearbeitet, erst am Skizzenbrett, dann bei der Auseinandersetzung am Richtertisch, jetzt ganz nah an der Baggerschaufel.

Mitte 2021 sol das Baggerprojekt abgeschlossen sein

Zwei weitere große Saug-Baggerschiffe sind derzeit im Einsatz. „Wir sind im Zeitplan“, sagt Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos), der neben Oellerich steht und die Arbeiten aufmerksam verfolgt. „Im August wird die Verbreiterung fertig sein, im September dann die eigentliche Vertiefungsarbeit auf Hamburger Seite.“ Der Bund benötige jenseits der Landesgrenze voraussichtlich etwas länger, er habe aber auch die längere Strecke zu bearbeiten. Mitte 2021 soll das Projekt Elbvertiefung abgeschlossen sein.

Die „Diplomat“ dümpelt neben dem Baggerschiff. Die Hafenbehörde hat die Barkasse gechartert, um den Stand der Arbeiten aus der Nähe zu demonstrieren, fast alle für das Projekt Verantwortlichen aus Hamburg sind dabei. Nur Hans Aschermann fehlt. Der Leiter der Planfeststellungsbehörde hat die Elbvertiefung juristisch durchgefochten. „Er wäre sicher gern dabei gewesen, aber er konnte heute nicht“, sagt der Senator.

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Seit das Bundesverwaltungsgericht vor einigen Tagen den Weg für die Elbvertiefung juristisch endgültig frei gemacht und eine letzte Klage der Umweltverbände abgewiesen hat, geht es auf der Elbe voran.

Vor den Baggern sucht ein Spezialschiff nach alten Bomben und Granaten am Grund

Zwei Kilometer weiter liegt die „Baltic Lift“ im Strom, gehalten von einem Schlepper. Sie sucht den Grund nach Kriegsbomben, Granaten und sonstiger Munition ab, bevor die Bagger überhaupt anrücken dürfen. Auch die „Baltic Lift“ verfügt über einen langen Greifarm den sie bis zum Boden der Elbe hinabsenkt, an ihrem Ende hängt aber keine Baggerschaufel, sondern ein „Multi-Tool“, wie Oellerich erklärt.

Daran befestigt sind eine Greifzange, kleine Spüllanzen, Kameras und Sonar. Mehr als 100 verdächtige Stellen hat die HPA in der Elbe identifiziert, an denen Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet werden. „Bisher haben wir aber noch keine Bombe gefunden“, sagt Oellerich. „Nur ein paar sehr alte Lkw-Reifen.“

Insgesamt 34,5 Millionen Kubikmeter Schlick und Geröll – davon 2,2 Millionen Kubikmeter auf dem Hamburger Gebiet – werden im Zuge der Elbvertiefung aus dem Wasser geholt. Das Baggergut wird in dafür vorgesehenen Unterwasserablagerungsflächen in der Elbmündung wieder abgeladen. Die Hügel, die dabei unter Wasser entstehen, sind ein fester Bestandteil der Elbvertiefung. Sie dienen dazu, den Tidehub und die Strömungsgeschwindigkeit des Flusses zu bremsen, die infolge der Vertiefung zunehmen werden.

Zwei neue Leuchttürme werden errichtet

Die „Diplomat“ fährt jetzt weiter stromabwärts bis Blankenese. Hier entstehen gerade die Fundamente für zwei neue Leuchttürme, Ober- und Unterfeuer genannt. „Sie müssen aus Sicht des Kapitäns genau auf einer Linie liegen, dann weiß er, dass er mitten in der Fahrrinne ist“, sagt Hamburgs Hafenkapitän Jörg Pollmann. „Sieht der Schiffsführer die beiden Türme nebeneinander, ist er aus der Ideallinie raus.“

Die beiden neuen Leuchttürme sollen zwei alte ersetzen, die nicht mehr passen, weil sich die Fahrrinne der Elbe etwas verändert hat. Der Grund dafür ist der Bau einer 385 Meter breiten sogenannten Begegnungsbox bei Blankenese, die es besonders großen und breiten Schiffen ermöglicht, gefahrlos aneinander vorbei zu fahren. Das verkürzt die Wartezeiten der Schiffe bei der Ein- und Ausfahrt im eigentlichen Hafen.

Die Vertiefung findet auf einer Länge von 116 Kilometern zwischen Hamburg und der Mündung statt. Dabei wird die Sohle um durchschnittlich einen Meter ausgebaggert, damit künftig Schiffe mit einem Tiefgang von 14,5 Metern auf der Flutwelle nach Hamburg fahren können. Es ist ein Megaprojekt, das Stadt und Bunde verfolgen, auch bezüglich der Kosten. Sie belaufen sich auf rund 800 Millionen Euro. „286 Millionen trägt die Stadt, davon haben wir 92 Millionen Euro schon verbaut“, sagt der Geschäftsführer der HPA, Jens Meier.

Elbvertiefung auch juristisch Neuland

Nicht nur wegen der Kosten ist die Elbvertiefung ein herausragendes Projekt. Auch juristisch gilt sie unter Rechtsexperten als einmalig, nicht zuletzt, weil Hamburg im Verfahren gegen das Prinzip der Gewaltenteilung verstoßen hat. Denn eigentlich hatte das Bundesverwaltungsgericht die Elbvertiefung im Jahr 2017 für rechtswidrig und nicht vollziehbar erklärt.

Das Gericht sagte aber auch, dass es bei Nachbesserungen im Naturausgleich dem Projekt zustimmen könnte. Hamburg hat nachgebessert, aber dann nicht erneut einen Richterspruch abgewartet, sondern die Pläne eigenmächtig für vollziehbar erklärt. Hier hat sich die Exekutive über die Judikative hinweggesetzt – ein Sonderfall in der Rechtsgeschichte, sagen Experten.

Die „Diplomat“ hat gewendet und fährt wieder Richtung Hafen. Oellerich steht entspannt lächelnd auf dem Oberdeck. „Alles läuft nach Plan.“