IfW-Interview

"Die Strukturprobleme im Norden werden sich verschärfen"

Gabriel Felbermayr (43) leitet das Kieler­ Institut für  Weltwirtschaft seit März 2019.

Gabriel Felbermayr (43) leitet das Kieler­ Institut für Weltwirtschaft seit März 2019.

Foto: picture alliance / Herbert Pfarrhofer

Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sieht Hamburg besonders betroffen – und warnt vor Folgen des Homeschoolings.

Hamburg.  Als die Corona-Krise über Deutschland hereinbrach, warnte das Kieler Institut für Weltwirtschaft als eines der ersten vor einer Rezession.

Schwerste Rezession seit Gründung der Bundesrepublik

Seit März 2019 ist der Österreicher Gabriel Felbermayr der Präsident des renommierten Instituts. Ein Gespräch über die Mutter aller Rezessionen, eine zarte Erholung – und Hamburgs Ausgangslage.

Herr Felbermayr, es ist genau drei Monate her, da sagte das IfW eine Rezession voraus. Kurz darauf wurde die Prognose auf minus 4,5 bis minus neun Prozentpunkte korrigiert. Erleben wir nun, wie Sie sagten, die „Mutter aller Rezessionen“?

Gabriel Felbermayr Ja, leider Gottes. Die „Mutter aller Rezessionen“ habe ich als Begriff verwendet, weil wir die schwerste Rezession seit Gründung der Bundesrepublik, vielleicht sogar aller Zeiten erleben. Sie trifft alle Länder gleichzeitig – das gab es noch nie in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft.

Aber neun Prozent minus werden es wohl nicht, oder?

Nein, danach sieht es derzeit nicht mehr aus. Die Politik hat wirklich schnell und mit großen Mitteln dagegengehalten. Das könnte uns die schlimmsten Konsequenzen ersparen. Aber die Risiken bleiben beträchtlich, etwa wenn eine zweite Infektionswelle kommt.

Teilen Sie die Zuversicht der Börsen, die schon fast wieder auf dem Vorkrisenstand notieren? Erleben wir also eine schnelle Rückkehr zu alten Wachstumspfaden?

Die Börsen werden derzeit von vielen Faktoren getrieben, etwa der ultralockeren Zins- und Geldpolitik der Zentralbanken. Diese Liquidität treibt die Kurse. Es ist schwer zu sagen, ob die Kurse noch substanziell gerechtfertigte Gewinnerwartungen spiegeln – oder schon eine Blase sind.

Das gerade beschlossene Konjunkturpaket stieß bei Ökonomen auf überraschend viel Lob. Was hat Sie daran überzeugt?

Besonders gefallen mir die Dinge, die nicht drinstehen. Wir hatten die Sorge, dass einzelne Branchen oder Gruppen besonders bedacht werden, etwa über Autoprämien oder Familienboni. Aber die Regierung hat geschaut, dass man wirklich vor allem die erreicht, die finanzielle Hilfe bedürfen – also bei dem Kindergeld die Bedürftigen und nicht die Hochschulprofessoren.

Was kritisieren Sie?

Die Mehrwertsteuersenkung sehe ich kritisch. Denn die Grundannahme könnte falsch sein: Die Regierung geht davon aus, dass sie den Konsum beleben kann, indem sie den Menschen mehr Geld gibt. Das wird so nicht funktionieren. Die Sparquote ist in diesem Quartal so hoch wie nie zuvor.

Viele Bürger haben keine großen Einkommensverluste – im Durchschnitt sind die Einkommen stabil geblieben, aber die Konsumausgaben sind trotzdem abgestürzt. Die Menschen haben nichts gekauft, weil sie nichts kaufen konnten, weil sie sich nicht trauten oder weil sie die Zukunft fürchten. Ob die Mehrwertsteuersenkung oder der Kinderbonus daran etwas ändern, wage ich zu bezweifeln.

Was wäre denn die Alternative gewesen?

Gerade Unternehmen im Mittelstand sind besonders hart getroffen. Es ist vielen kleinen Mittelständlern kaum möglich, mit den aufgelegten Programmen Unternehmerlöhne zu bestreiten: Ein Unternehmer bekommt zwar Geld, um seine Beschäftigten, seine Lieferanten, seine Firmenmiete zu bezahlen. Aber er bekommt kein Geld für die eigene Miete, den Leasingvertrag seines Autos oder laufende Kosten.

Wir retten die Kaufkraft derer, die von der Krise wenig betroffen sind, und vergessen die, die Hilfe nötig haben. Trotz der vielen Milliarden, die wir in die Hand nehmen, drohen uns hier viele Insolvenzen. Die Unternehmen bekommen zwar Kredite, gehen aber überschuldet aus der Krise.

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Werden wir viele Unternehmen, die vor einem Vierteljahr noch kerngesund waren, verlieren?

Ja, davon müssen wir ausgehen. Ich fürchte auch, dass viele Kleinunternehmer den Mut verlieren, etwa die, die kurz vor dem Ruhestand stehen. Sie fühlen sich derzeit im Stich gelassen. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen sind aber die, die im erhofften Aufschwung ganz wichtig sind.

Lässt sich denn ein zarter Aufschwung schon messen?

Ja, wir schauen nun Indikatoren an, die wir früher kaum betrachtet haben – etwa die Frequenzen von Passanten in Innenstädten. In den Metropolen war in der ersten Phase des Lockdowns gar nichts mehr los, da hatten wir Rückgänge von 85 bis 90 Prozent. Hamburg war besonders stark betroffen.

Nun sehen wir, dass sich die Städte wieder füllen und die Menschen einkaufen gehen. Auch der Güterverkehr nimmt wieder Fahrt auf, der Stromverbrauch hingegen, der stark von der Industrie abhängt, nimmt erst sehr zögerlich wieder zu. Aber die Industrie schwächelt in Deutschland schon seit 2017 – wegen der Handelskrise und technischer Unsicherheiten in der Automobilbranche.

Die Politik spendiert derzeit Milliarden im Wochentakt, erst die Bazooka, nun der Wumms. Fürchten Sie eine Überdosis?

Mehr brauchen wir derzeit nicht. Wenn der Konjunktureinbruch sieben Prozent beträgt und nächstes Jahr der Aufschwung kommt, verlieren wir rund 350 Milliarden Euro. Die Summe der bereits geschnürten Pakete und der Auflösung von Reserven kommt allein schon in die Nähe dieser Summe. Da sind aber alle Kreditprogramme und die europäischen Hilfen noch nicht einmal einberechnet.

Sind die Konjunkturpakete seriös finanzierbar?

Ja. Wir hatten ja große Rücklagen als Vorsorge für schwere Zeiten angelegt. Nun hilft es, dass wir diese enormen Summen nicht ausgeschüttet haben. Das hatten damals viele gefordert, vom IWF über die Ökonomen bis hin zu unseren Nachbarn – nun bekommen wir plötzlich Lob dafür. Deutschland kann sich große Konjunkturprogramme leisten. Und hätte sogar noch Pulver trocken für die Folgen einer zweiten Infektionswelle.

Verschärfen diese unterschiedlichen Möglichkeiten der Staaten nicht die Ungleichgewichte in Europa?

Das ist eine reale Sorge – die europäische Integration gerät in Gefahr, wenn die Diskrepanzen zu groß werden. Deshalb hat Deutschland meines Erachtens auch die Kehrtwende hingelegt. Noch vor wenigen Jahren hatte Angela Merkel erklärt, Eurobonds gebe es nur über ihre Leiche.

Jetzt stimmt sie einer großen Verschuldung auf europäischer Ebene zu. Diese Programme heißen zwar nicht Eurobonds, aber meinen etwas Ähnliches. Entscheidend ist, wie dieses Geld eingesetzt wird, um einen Mehrwert zu schaffen. Wenn das nicht gelingt, droht der Worst Case: Deutschland zahlt Milliarden, wird aber immer noch angefeindet.

Dann sind Sie als Österreicher in Deutschland eher bei Angela Merkel als bei Sebastian Kurz?

Wir müssen Südeuropa stärken, damit dort ein selbst tragender Aufschwung einsetzt. Die Österreicher treibt die Nachhaltigkeit solcher Impulse um – und die Folgen der europäischen Umverteilung. Hier entsteht etwa im Verborgenen eine europäische Budgetpolitik. Irgendwann werden dann auch Steuern erhoben. Das kann nur als bewusste, breit diskutierte Entscheidung getroffen werden und muss mit klaren Zielen für die Geldverwendung einhergehen.

Haben wir in der Corona-Krise eigentlich zu viel auf Virologen und zu wenig auf Ökonomen gehört?

Nein, wir haben eine Gesundheitskrise und sollten auf die Experten hören. Die Politik hat in der Krise viel mehr mit uns Ökonomen gesprochen als vorher. Ich bin positiv überrascht, wie sehr wir mit unseren Ideen und Vorschlägen durchdringen können.

Liegt in der Krise eine Chance, etwa die Digitalisierung oder Strukturreformen voranzutreiben?

Die Krise legt Schwächen schonungslos offen – die Digitalisierung gehört dazu wie unsere Schulen, die mich an die wilhelminische Zeit erinnern. Nun haben die Schüler ein Drittel eines Schuljahres verloren, was viele in ihrem ganzen Berufsleben teuer zu stehen kommen wird. Bildungsökonomen kalkulieren mit Einbußen im Lebenseinkommen von bis zu 40.000 bis 50.000 Euro pro Schüler.

Wir kümmern uns um Kneipen und Schwimmbäder, aber schließen Schulen über Monate. Was ist das für eine Prioritätensetzung! Übrigens schaden Schulschließungen auch direkt der Volkswirtschaft – wenn Eltern zu Hause nebenbei ihre Kinder beschulen müssen statt zu arbeiten, kann alleine das uns zwei bis drei Prozent an Wirtschaftsleistung kosten.

Die Bilder zur Corona-Krise:

Was wird sich durch Corona in Zukunft ändern?

Internationale Handelsströme verändern sich, und der Trend zum Homeof­fice dürfte sich beschleunigen. Das ist übrigens nicht immer positiv: Die Unternehmen entledigen sich vieler Kosten, vom Strom über den Bürostuhl, den dann andere bezahlen. Dieser Trend muss nicht immer zum Vorteil der Arbeitnehmer sein.

Ihre Wahlheimat Hamburg ist stark im Handel, im Flugzeugbau oder Tourismus aufgestellt. Muss Hamburg fürchten, besonders hart von der Pandemie getroffen zu werden?

Ich fürchte ja. Die alten Erfolgsmodelle werden nicht mehr so gut funktionieren. Der Norden hat zuletzt stark vom Fremdenverkehr profitiert und der Kreuzfahrtbranche. Da fürchte ich langfristige Effekte.

Auch der internationale Handel, der ohnehin schon schwächelte, wird ausgebremst wie auch der Flugzeugbau. Die Strukturprobleme im Norden werden sich verschärfen. Nun muss es darum gehen, unsere Standortvorteile wie die erneuerbaren Energien in Wertschöpfung umzusetzen.