Finanzen

Geldanlage – was man in der Corona-Krise beachten sollte

Die Corona-Krise verunsichert auch Sparer (Symbolbild).

Die Corona-Krise verunsichert auch Sparer (Symbolbild).

Foto: picture alliance

Sparbuch, Aktien, Immobilien, Gold – welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation auf das eigene Vermögen? Eine Abendblatt-Analyse.

Hamburg.  Ein Virus verändert die Welt: Innerhalb weniger Wochen hat sich rund um den Globus das öffentliche Leben drastisch gewandelt. Die Corona-Epidemie hat aber auch an den Finanzmärkten zu Turbulenzen in einem Ausmaß geführt, wie man sie seit der Finanzkrise 2008/2009 nicht mehr kannte. So ist der Deutsche Aktienindex (DAX) seit Mitte Februar um 35 Prozent abgestürzt, und selbst der sonst recht schwankungsresistente Haspax, der Börsenindex der Titel aus der Metropolregion Hamburg, ist seitdem um 23 Prozent gefallen. Dazu tragen die bereits jetzt eintretenden Geschäftseinbußen der Unternehmen bei, vor allem aber die Unsicherheit darüber, welchen Verlauf die Virus-Krise noch nimmt. Vor diesem Hintergrund hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu Auswirkungen auf private Vermögen:


Wie sicher ist das europäische Bankensystem in einer solchen Krise?
„Wir haben keinen Liquiditätsengpass im Bankensystem wie im Herbst 2008“, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt des Bankhauses Donner & Reuschel: „Wir haben auch keine Vertrauenskrise der Banken untereinander. Davon sind wir weit entfernt.“ Die Notenbanken hätten alles getan, den Finanzsektor mit Liquidität zu äußerst günstigen Konditionen zu versorgen. Im heftigen Wirtschaftsabschwung 2008/2009 sei das Bankensystem „ein Teil der Krise“ gewesen, sagt Haspa-Chefvolkswirt Jochen Intelmann, „aber jetzt ist es ein Teil der Lösung“.

Denn ohne funktionierende Banken könnten die von den Regierungen und den Notenbanken eingeleiteten Rettungsmaßnahmen für Unternehmen gar nicht umgesetzt werden. Auch Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung, sieht kein Grund für Bankkunden mit Normalvermögen, um ihr Geld zu fürchten: „Bis zu einem Betrag von 100.000 Euro auf Tagesgeld- oder Sparkonten pro Bank ist jeder Kunde auf jeden Fall abgesichert.“ So sieht es die staatliche Einlagensicherung für Geldhäuser mit Sitz in Deutschland vor.

Was sollte ich als Sparer beachten?
„Wer zum Beispiel 500.000 Euro hat und ganz sichergehen will, kann das Geld ja auf fünf Banken verteilen“, sagt Herbst. Wegen der Negativzinsen, die bei hohen Einlagebeträgen auf Tagesgeld- oder Sparkonten fällig werden, haben die betreffenden Kunden das aber meist ohnehin schon getan. Zwar ist verschiedentlich erwartet worden, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Negativzins für Einlagen der Geschäftsbanken von aktuell minus 0,5 Prozent auf minus 0,6 Prozent oder mehr verschärft, um die Banken zu vermehrter Kreditvergabe anzuregen und damit die Konjunktur zu stützen.

Herbst glaubt aber: „Auch bei der EZB weiß man, dass sich die Menschen nicht mitten in der Krise ein neues Auto kaufen werden. Eine Ausweitung des Strafzinses würde da nur für Unmut sorgen.“ An der Zinslandschaft dürfte sich für Sparer also so bald nichts ändern. Nach Einschätzung der Volkswirte des HWWI wird auch die Inflationsrate mit eineinhalb Prozent niedrig bleiben. Vermögensverluste durch den Preisauftrieb verstärken sich somit nicht.



Ich habe Aktien – sollte ich verkaufen?
Zwar war die Abwärtsdynamik des deutschen Aktienmarktes in den zurückliegenden Wochen „extrem“, wie Carsten Mumm sagt. „Privataktionäre mit einem zumindest mittelfristigen Anlagehorizont sollten jetzt aber nicht in größerem Ausmaß verkaufen“, ergänzt er: „Aus meiner Sicht sprechen objektive Bewertungsmaßstäbe dagegen.“ Er meint damit nicht das Kurs-Gewinn-Verhältnis, denn die Unternehmensgewinne werden zunächst kräftig sinken.

„Aber das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist innerhalb weniger Wochen von 1,6 auf rund 1,0 abgestürzt und zumindest bei früheren Aktienmarkteinbrüchen kam es in der Nähe dieser Marke zu einer Bodenbildung“, erklärt Mumm. Carsten Klude, Chefvolkswirt beim Hamburger Privatbankhaus M.M.Warburg CO, warnt allerdings: „Vieles, was wir derzeit am Markt sehen, ist nicht fundamental begründet.“ Es könne noch verfrüht sein, jetzt zu einem Einstieg in den Aktienmarkt zu raten. Analysten der Commerzbank halten ein weiteres Abrutschen des DAX in Richtung 7000 Punkte für möglich, falls die Konzerngewinne um 30 Prozent sinken sollten und nicht nur um 20 Prozent wie aktuell angenommen.


Wie wirkt sich die Corona-Krise womöglich auf Immobilien aus?
Rein statistisch gesehen ist mehr als die Hälfte des Privatvermögens in Deutschland in Immobilien angelegt. Es ist davon auszugehen, dass kurzfristig die Neigung, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, abnimmt. „Der Immobilienmarkt wäre aber nur dann wirklich gefährdet, wenn wir nachhaltig deutlich höhere Zinsen bekommen sollten“, sagt Intelmann. Die Experten der Hamburg Commercial Bank halten kräftig sinkende Wohnimmobilienpreise derzeit ebenfalls nicht für sehr wahrscheinlich: „Da die Regierungen versuchen, den Arbeitsmarkt durch umfassende Stützungspakete zu stabilisieren, besteht die Hoffnung, dass die Preisindikatoren im Wohnungsbereich im Zuge der Rezession nicht wesentlich nachgeben werden.“


Wie sicher sind meine Unternehmensanleihen noch?
„Zweifellos ist das Risiko des Ausfalls einzelner Unternehmensanleihen jetzt nach dem Ausbruch der Coronavirus-Krise und dem Ölpreisschock deutlich größer geworden“, sagt Mumm. Aber das gelte vor allem für Hochzinsanleihen mit schlechteren Rating-Einstufungen als BBB und besonders für Papiere von US-Firmen, etwa aus dem Umfeld der Ölförderung mittels Fracking. Im Hinblick auf europäische „Investment Grade“-Anleihen (BBB und besser) weist Mumm darauf hin, „dass die Politik extrem viel tut, um eine hohe Welle von Insolvenzen zu verhindern.“ Mittel wie die von der Bundesregierung angekündigte Steuerstundung und KfW-Darlehen seien dafür sehr gut geeignet.

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„Unter der Voraussetzung, dass die Virus-Ansteckungsraten vom Frühsommer an abflachen, sollten im dritten Quartal in der deutschen Wirtschaft Nachholeffekte einsetzen“ so Mumm. Bei einem solchen Verlauf der Krise würde es nur zu „leicht erhöhten Anleiheausfällen“ kommen. Ähnlich sieht es Intelmann: „Die Notenbanken werden mit allen Mitteln versuchen, Ausfälle zu vermeiden.“ Nach dem Ende der Krise würden Emittenten „mittlerer Qualität“ aber wohl einen höheren Zins bieten müssen als zuvor, um Käufer für neue Anleihen finden zu können.


Ist es sinnvoll jetzt Gold zu kaufen?
Gold wird – so wie auch Bundesanleihen – gemeinhin zu den „sicheren Häfen“ für Investoren in Krisenzeiten gezählt. Doch anstatt zu steigen, ist der Goldpreis zuletzt innerhalb von weniger als zwei Wochen um rund zwölf Prozent gesunken. Carsten Mumm hat eine Erklärung dafür: „Wenn große Investoren Liquidität benötigen, verkaufen sie Anlagepositionen, die nicht schon deutlich im Wert gefallen sind. Das traf jetzt auf das Gold zu.“ Mumm weiß: „Manche Privatanleger fühlen sich wohler, wenn sie auch Gold im Portfolio haben.“ Für sie könne eine Beimischung mit einem Wertanteil von fünf bis zehn Prozent sinnvoll sein.

„Generell halte ich ein Gold-Investment aber nur für bedingt sinnvoll“, so Mumm. Zwar habe über die vergangenen Jahre das Argument, dass Gold keinen Zins bringt, an Bedeutung verloren – es gibt ja auch sonst praktisch keine Zinsen mehr. „Wir sehen aber gerade, dass der Goldpreis nicht in jedem Fall in einer Krise steigt“, sagt der Chefvolkswirt von Donner & Reuschel. Die Analysten der Commerzbank merken dazu an, dass auch in der Finanzkrise 2008/09 der Goldpreis zunächst gefallen ist, sich jedoch gut fünf Wochen später von den anderen Rohstoffen nach oben absetzen konnte. „Die Entwicklung von damals legt nahe, dass sich der Preis zumindest stabilisiert“, so die Commerzbank.

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Wie lange hielten bisher Epidemien die Finanzmärkte in Atem? „Was wir im Moment erleben, hat keinen Präzedenzfall“, sagt Klude. Mumm stimmt ihm zu: „Keine der jetzt lebenden Generationen in Deutschland hat etwas Ähnliches schon mitgemacht.“ Die enormen Schäden für die Wirtschaft resultierten ja nicht aus dem Virus selbst, sondern aus den Maßnahmen, die gegen massenhafte Neuinfektionen erlassen wurden: „In früheren Epidemien gab es derart strikte Beschränkungen des öffentlichen Lebens nicht.“

Im Fall der „Spanische Grippe“ um den Jahreswechsel 1918/1919 erreichte der Dow-Jones-Index an der Wall Street nach einem Minus von gerade einmal elf Prozent schon im Frühjahr 1919 wieder den früheren Stand. Während der „Asiatischen Grippe“, an der im Jahr 1957 Schätzungen zufolge weltweit bis zu zwei Millionen Menschen starben, fiel der Dow Jones zwar um mehr als 20 Prozent, wozu aber beigetragen haben dürfte, dass sich die USA bereits zuvor auf dem Weg in eine Rezession befanden. Nach einem Jahr war der Kursabschwung aufgeholt. Infolge der Sars-Epidemie verlor der Leitindex des Sars-Epizentrums Hongkong zwischen November 2002 und April 2003 gut 15 Prozent, beendete 2003 aber mit einem kräftigen Plus. Alle diese Ereignisse taugen jedoch wenig, um die Finanzmarktwicklung der aktuellen Krise zu prognostizieren, findet Mumm: „Wo sich das Tief befindet, kann derzeit niemand prognostizieren, weil vergleichbare Erfahrungen fehlen.“