Corona-Krise

Wie schwer wird das Virus die Hamburger Wirtschaft befallen?

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Der Schwarze Schwan ist extrem selten – so wie eine Pandemie.

Der Schwarze Schwan ist extrem selten – so wie eine Pandemie.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Börsencrash, Pleiteangst, Kurzarbeit – Europa droht in eine Rezession zu rutschen. In diesen Bereichen wird Hamburg stark getroffen.

Hamburg. Ein schwarzer Schwan galt bis vor Kurzem als ein seltenes Tier, über das man nicht groß nachdachte. Der gebürtige libanesische Essayist Nassim Nicola Taleb brachte den Schwarzen Schwan in die wissenschaftliche Debatte. 2001 beschrieb der langjährige Börsenhändler und Mathematiker damit ein Ereignis, das extrem selten und sehr unwahrscheinlich ist – im Falle seines Auftretens aber alles verändert.

Das Coronavirus, das auf der halben Welt grassiert, könnte ein solcher Schwarzer Schwan sein. An der Börse rechnet man mit dem Schlimmsten: Der Schwarze Montag brachte die heftigsten Abschläge seit dem 11. September 2001. Und am Schwarzen Donnerstag wurde es dann noch schlimmer. Inzwischen notiert der DAX mehr als 33 Prozent unter seinem Hoch im Februar. Das ist per Definition ein richtiger Crash.

Wirtschaft: Rezession für das Gesamtjahr erwartet

Und leider sind die Kursrückgänge insgesamt nicht einmal übertrieben. Reihenweise kassieren Volkswirte ihre Wachstumsprognosen. Am Donnerstag nahm das Institut für Weltwirtschaft das böse R-Wort in den Mund: Dessen Leiter Gabriel Felbermayr rechnet nun mit einer Rezession für das Gesamtjahr, zweifellos aber für das erste Halbjahr.

Bis dahin hatte das IfW ein Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts für 2020 von 1,1 Prozent erwartet. Auch andere Länder, allen voran China und Italien, befinden sich schon in einer Rezession. Die EU-Kommission rechnet statt einem Plus von 1,4 Prozent mit einer Schrumpfung – das Wachstum werde „unter null fallen, womöglich sogar erheblich“, sagte ein hoher Kommissionsbeamter am Freitag in Brüssel.

Hamburg überdurchschnittlich stark negativ vom Coronavirus getroffen

Und mit jedem weiteren Tag der Zuspitzung der Lage ist die Prognose vom Vortage schon fast überholt. Klar ist: Hamburg wird es nicht besser ergehen. 81,5 Prozent der Bruttowertschöpfung erwirtschaftet der Dienstleistungssektor, der früheren Definitionen zufolge weniger konjunktursensibel sein soll. Allerdings hängen viele Dienstleistungen an einem starken industriellen Kern, etwa dem Flugzeugbau, aber auch der Grundstoffindustrie. Ein weiterer Pfeiler der hiesigen Wirtschaft ist der Handel mit dem starken Hafen. In der Stadt liegt der Anteil hafenabhängiger Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung bei rund zwölf Prozent; damit war der Hafen an der Erwirtschaftung von 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beteiligt.

Der bekennende Optimist Professor Thomas Straubhaar erwartet, dass wir die direkten ökonomischen Folgekosten des Coronavirus zwar überschätzen – die indirekten ökonomischen Folgekosten der Maßnahmen gegen das Coronavirus hingegen unterschätzen. „Deshalb wird Hamburg überdurchschnittlich stark negativ vom Coronavirus getroffen, aber eben nicht direkt, sondern indirekt“, sagte der Ökonom dem Abendblatt.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Indirekte Folgekosten könnten Hamburg hart treffen

„Hamburg wird die volle Wucht eines ökonomischen Vollstopps und des ebenso zu erwartenden Kollaps des öffentlichen Lebens spüren.“ Die Kernbereiche und Flagschiffe Hamburgs sind überdurchschnittlich stark betroffen: Straubhaar spricht dabei von Handel, Transport und Logistik (Hapag, HHLA, Eurogate, Kühne+Nagel), Reisen und Tourismus (Lufthansa Technik, Kreuzfahrtschiffe) sowie der Kultur. „Selbst einem ewigen Optimisten gehen da momentan die positiven Argumente aus“, sagt Straubhaar.

Deshalb weist er auf die ökonomischen Folgekosten hin. „Wie viele Familien gesundheitlich Schaden nehmen werden, wenn der Job wegbricht, das Einkommen zurückgeht, wird in der derzeitigen Debatte leider völlig ausgeblendet. Dass da auch Menschen Schaden nehmen, leiden, Familien wegen des Stresses auseinanderbrechen, mag man gar nicht thematisieren.“ Und, sagt Straubhaar weiter: „In Hamburg werden diese Kosten im Vergleich zu anderen Regionen besonders hoch sein, weil wir von den indirekten Kosten besonders betroffen sein werden.“

Hamburger Hafen besonders betroffen

Täglich nehmen die Unternehmen ihre Prognosen für das Jahr 2020 zurück. Auch wenn es bequem ist, alle Wirrnisse im laufenden Geschäft nun auf das Virus zu schieben, sind die Folgen unübersehbar: Adidas vermeldete etwa gerade Umsatzeinbußen allein in China für das erste Quartal in Höhe von einer Milliarde Euro. Jeden Tag wird die Liste des Schreckens länger, weil immer mehr Volkswirtschaften infiziert werden.

Der Hamburger Hafen ist von der Corona-Krise, die sich zu einer Krise der Globalisierung auswächst, besonders betroffen. Er ist stark im Handel mit China und Hongkong engagiert; jeder dritte Container kommt von dort oder ist für China bestimmt. Jens Meier, Chef der Hafenbehörde HPA, warnte schon im Februar: „Alle können froh sein, wenn wir das Niveau halten können.“ Damit rechnet heute niemand mehr – denn der wochenlange Produktionsausfall kommt mit Verzögerung gerade erst in Europa an – und trifft nun hier auf einen Nachfragerückgang.

Interaktive Karte zum Coronavirus

„Für einzelne Regionen wie etwa Italien ist sehr wahrscheinlich, dass dieser längere Rückgang von Volumen eine Rezession auslösen wird“, warnt Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, im Gespräch mit dem Abendblatt. Die OECD geht davon aus, dass das für 2020 prognostizierte weltweite Wirtschaftswachstum in bestem Fall um 0,5 Prozent geringer ausfallen wird, im schlimmsten Fall sogar um bis zu 1,5 Prozent.

Für die Häfen heißt das: Handels- und Umschlagsvolumina reduzieren sich entsprechend um das Doppelte. Bonz prognostiziert einen Rückgang des Umschlagsvolumen für Hamburg und die deutsche Überseehäfen von mindestens einem Prozent. „2019 hatte der Hamburger Hafen über 9,3 Millionen TEU, wir werden uns glücklich schätzen können, wenn wir 2020 etwas mehr als neun Millionen TEU wieder erreichen.“

Verheerend wirkt sich Corona auf den Tourismus aus

Das zeigen auch die Börsenkurse: Die HHLA verlor rund 35 Prozent an Wert, Eurokai 30 Prozent und Hapag-Lloyd 15 Prozent. Auch auf die HGV, die Konzernholding der Stadt wird das Virus deshalb durchschlagen. So hat sich der Buchwert der städtischen Anteile an der HHLA um rund 400 Millionen beziehungsweise 300 Millionen Euro bei Hapag-Lloyd im Wert vermindert, auch bei den städtischen Beteiligungen Hamburg-Airport oder der Hamburg Messe und Congress GmbH dürfte die Corona-Krise die Zahlen verhageln.

Verheerend wirkt Corona gerade in der Tourismuswirtschaft: Die Branche ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. In einer Studie des Instituts für Management und Tourismus aus dem vergangenen Jahr wird der gesamte touristische Konsum in Hamburg auf rund acht Milliarden Euro geschätzt. Im Vergleich zur Bundesrepublik ist der Anteil des Fremdenverkehrs zwar kleiner, aber immer noch relevant. So leistet der Tourismus zur gesamten Wirtschaftsleistung in Hamburg einen Beitrag in Höhe von 3,1 Milliarden Euro, das entspricht einem Anteil von 3,2 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in der Hansestadt.

Lufthansa streicht Flüge

Noch größer ist der Einfluss auf die Beschäftigung. Knapp 73.000 Erwerbstätige – immerhin 6,1 Prozent aller Erwerbstätigen in Hamburg – arbeiten in diesem Bereich. Mit rund 14,5 Millionen Übernachtungen im Jahr 2018 zählt Hamburg zu den beliebtesten Städtereisezielen nach Berlin und München. Der Anteil der ausländischen Gäste in Hamburg liegt bei 25 Prozent und stieg zuletzt kontinuierlich – die wichtigsten Quellmärkte sind Dänemark, die Schweiz und Großbritannien.

Mit dem Herunterfahren des öffentlichen Lebens stehen Hotels und Gaststätten mit leeren Häusern dar. Der Lufthansa-Konzern hat wegen des Coronavirus 25.000 Flüge in der Zeit bis zum 24. April gestrichen. Die Reiseverweigerung schlägt sich längst in den Zahlen des Hamburger Flughafens nieder: Nachdem in der letzten Februarwoche 14 Prozent weniger Fluggäste als im Vorjahreszeitraum gezählt wurden, betrugen die Einbußen in der ersten Märzwoche 23 Prozent. Der Trend wird sich beschleunigen – waren es zunächst nur Geschäftsreisen, die abgesagt wurden, kommen nun Freizeitreisen hinzu.

In der Bauwirtschaft sieht es noch gut aus

Das Miniatur Wunderland maß zuletzt Einbußen in Höhe von 20 Prozent, die Musicals einen Buchungsrückgang um 30 Prozent – inzwischen sind diese geschlossen. Damit entfallen viele weitere Reisegründe. Allein für das Theaterstück „Harry Potter“ wurden im Vorverkauf 300.000 Tickets abgesetzt. „Das Hamburger Gastgewerbe befindet sich in der schwierigsten Situation seit fast 20 Jahren seit den 9/11-Ereignissen in New York, und eine Normalisierung ist nicht absehbar“, warnte Dehoga-Chef Fritz Klein. „Als sehr personalintensive Branche mit einem hohen Anteil an Lohn- und Gehaltskosten sind in bestimmten Fällen zur Existenzsicherung der Betriebe auch Personalanpassungen im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften unausweichlich.“

Gibt es überhaupt Branchen, die der Krise noch trotzen? In der Bauwirtschaft (Bruttowertschöpfung 3,1 Prozent) sieht es noch vergleichsweise gut aus. „Im Moment sind wir noch nicht betroffen“, sagt Michael Seitz, Hauptgeschäftsführer der Bau-Innung Hamburg. „Aber wenn das so weitergeht, wird es zu Bauverzögerungen kommen – gerade weil Personal ohnehin knapp ist.“ Die meisten Lieferketten funktionierten noch, auch weil sie eher lokal oder national strukturiert sein.

Muss sich der Staat an Unternehmen beteiligen?

Wie schwer Corona die Wirtschaft infizieren wird, ist offen – alles hängt von der Dauer der Krise ab. Gelingt wie in China eine Rückkehr zur Normalität in zwei Monaten, dürften die meisten Unternehmen die Zeit überbrücken und die Delle im weiteren Verlauf ausbügeln. Mit jedem Tag aber, den die Krise länger währt, verstetigt sich die Abwärtsspirale. Jede Pleite kann andere Unternehmen mitreißen. Auch wenn die Kurzarbeiter­regelung Entlassungen zunächst verhindern kann, stellt sich auch hier die Frage nach der Dauer der Krise.

Schlägt die Krise auf den Arbeitsmarkt durch, dürfte sich die Stimmung, die Konsum- und Investitionsneigung deutlich verschlechtern. Die Europäische Zentralbank hat durch die rekordniedrigen Zinsen schon viel von ihrem Pulver verschossen. Ihre Medizin wirkt kaum mehr. Die Politik schnürt Notprogramme. Am Freitag spannten die Minister Olaf Scholz und Peter Altmaier einen gigantischen Schutzschild in Höhe von rund 550 Milliarden Euro an Staatsgarantien für Not leidende Firmen auf.

„Wenn es nicht gelingen sollte, die Ausbreitung der wirtschaftlichen Schockwellen einzudämmen, sodass es in größerem Stil zu Unternehmensinsolvenzen käme, wäre als letzte Möglichkeit daran zu denken, dass sich der Staat mit Eigenkapital an Unternehmen beteiligt.“ Das fordert nicht Bernie Sanders, sondern eine Riege prominenter deutscher Wirtschaftsforscher.

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Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sagte, das Wichtigste sei jetzt die Gesundheit der Bevölkerung. „Aber dazu gehört natürlich auch, die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür zu treffen, dass es dann, wenn diese Pandemie mal wieder vorbei ist, sich beruhigt hat, dass wir dann auch die Wirtschaftskraft haben, um weiterzumachen.“ Genau dieser Punkt kommt derzeit etwas zu kurz.

„Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“, wusste schon der Vater des Wirtschaftswunders Ludwig Erhard. Oftmals war dieser Satz Trost – angesichts der Horrorbilder aus Italien aber wirkt er eher bedrohlich. Verlieren also alle? Nein. Der Hedgefonds 36 South Capital Advisors wettet auf Schwarze Schwäne und brüstet sich: „Der Februar war unser bester Monat seit 2008.“ Am Ende könnte sich sogar der Kapitalismus infizieren.

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