Start-up

Zwei Hamburgerinnen machen Mode für die Küche

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Die Firma Kiss My Kitchen will die Arbeit rund ums Kochen und Putzen verschönern. Wie die Idee in Klein Borstel entstand.

Hamburg.  Manchmal ist es eine Kleinigkeit, die eine große Veränderung nach sich zieht. Im Fall von Mirja Baur und Stefanie Staben war es ein unansehnlicher Putzlappen. Die Hamburgerinnen saßen an dem Abend in der offenen Designer-Küche der Baurs in Klein Borstel. Der Lappen lag, wie bei den meisten Familien, griffbereit an der Spüle. Praktisch, aber mehr auch nicht.

„Wir haben uns gefragt, ob man das nicht auch schöner machen kann“, erinnert sich Stefanie Staben. Was man an einem langen Abend eben so beredet. Nur dass die beiden am nächsten Morgen handelten und anfingen zu recherchieren, wie man mit Schwämmen, Lappen und Handtüchern „Mode für die Küche“ machen kann. Ergebnis: Das ist gar nicht so einfach, denn in dem Marktsegment wird in ganz großen Mengen und mit spitzem Bleistift gerechnet.

Mode in der Küche: Von wegen Schwamm drüber

Die Idee ließ die Freundinnen, die sich über ihre Töchter kennengelernt hatten, nicht los. Wieder am Küchentisch kreierten die Freundinnen mit Papier, Schere und Klebe ihre ersten „Muster“-Putztücher. „Wir wussten schon, welcher Stil es sein sollte“, sagt Baur, die lange für Mode- und Medienunternehmen gearbeitet hat. Statt grellgelb oder schweinchen-rosa puristisch mit modernen Mustern, viel Grau, schwarz und weiß. Passend zu aktuellen Küchendesigns. Über einen großen Hersteller von Putzutensilien in Wiesbaden kamen sie in Kontakt mit einer schwedischen Firma, die Haushaltstextilien auch in kleineren Mengen im Siebdruckverfahren bedruckt.

Die Geburtsstunde von Kiss My Kitchen. Kurz darauf machten die Gründerinnen ihre erste Bestellung: je 500 Schwammtücher und 100 Geschirrtücher in sechs unterschiedlichen Designs. „Wir waren so überzeugt von unseren Produkten“, sagt Stefanie Staben. „Wir hatten gar keine Angst, dass wir sie nicht loswerden könnten.“

Das war 2015. Inzwischen haben die Gründerinnen ihre Firmenzentrale im Souterrain unter der Baurschen Küche eingerichtet. Auf den Regalbrettern liegen stapelweise Geschirrhandtücher, akkurat gefaltet und sortiert. Gegenüber lagern passende Schwammtücher: Urban Jungle, Animal Prints, skandinavisch anmutende Muster – heute umfasst die Kiss-My-Kitchen-Kollektion zwölf verschiedene Designs und sechs Uni-Farben. Es gibt auch Pop-up-Schwämme, Seifen und flauschige Handtücher für die Hände.

Neuartige Schwammtuchrolle kommt aus den USA

Aus einer der Kisten zieht Mirja Baur etwas, das auf den ersten Blick wie eine Rolle mit Küchenpapier aussieht. „Das ist unsere Schwammtuchrolle, unser wichtigstes Produkt“, sagt die 45-Jährige und reißt eins der Tücher ab. In den USA gibt es die praktische Rolle schon länger, in Deutschland ist Kiss My Kitchen der erste Anbieter. Inzwischen experimentieren auch andere Hersteller von Haushaltsprodukten wie etwa Vileda damit. Im Prinzip funktioniert es wie die bekannte Küchenrolle, nur dass die Tücher statt aus Papier aus Zellulose und Baumwollfasern sind. Im Wasser saugen sich voll und lassen sich als Wischlappen zigmal verwenden. Und das richtig lange. Die Tücher sind bei 60 Grad waschbar und am Ende auch kompostierbar.

„Wir wollen nicht nur etwas Schönes machen, sondern auch etwas, das nützlich und nachhaltig ist“, sagt Stefanie Staben. Während andere Hersteller ihre Schwammtücher in der Regel schon im Werk befeuchten und dann in Plastikfolie einschweißen, verkaufen die Kiss-My-Kitchen-Macherinnen sie trocken und nur mit einer Papierbanderole. „Dadurch haben wir kein Mikroplastik in den Produkten“, sagt Mirja Baur. Und auch wenn sich die viele handelsüblichen Haushaltslappen ebenfalls waschen lassen, sind die Start-up-Unternehmerinnen sicher, dass ihre Schwammtücher weniger schnell weggeworfen werden – auch weil sie gut aussehen.

Die Gründerinnen packen alles selbst

Offenbar kommt das an. In den vergangenen Jahren hat sich das Geschäft mit den Putzutensilien stetig weiterentwickelt. „2019 haben wir unseren Umsatz verdreifacht“, sagt die gelernte Kauffrau Mirja Baur. Er liegt im unteren sechsstelligen Euro-Bereich. 30.000 Schwammtuchrollen hat Kiss My Kitchen inzwischen verkauft – für 14,90 Euro das Stück mit zwölf Tüchern. Das ist nicht gerade günstig, dafür hält die Rolle locker ein Jahr oder länger. Auch die Geschirrhandtücher, aus Leinen und Baumwolle, liegen mit 15,90 Euro im gehobenen Preissegment. Die Gründerinnen erklären das mit dem aufwendigen Druckverfahren und den vergleichsweise kleinen Mengen.

Immer noch machen die beiden fast alles selbst. Falten die Handtücher, ziehen Banderolen darüber und schicken die Bestellungen raus und schreiben sogar noch kleine Grußkarten. Anfangs haben sie jeden Cent, den sie verdient haben, wieder in ihr Unternehmen gesteckt. „Seit einiger Zeit zahlen wir uns Gehälter“, sagt Stefanie Staben. Um die Familien zu ernähren reicht das noch nicht. Die 48-Jährige arbeitet im Moment noch an einigen Tagen im Monat als Flugbegleiterin.

Kooperationen mit Hotels und Ferienhausvermietungen angedacht

Lange haben sie auch den Vertrieb komplett selbst gemanagt, inzwischen erledigt das eine Agentur. Die Marke Kiss my Kitchen gibt es im eigenen Online-Shop und in etwa 300 Geschäften in Deutschland, Österreich und der Schweiz, etwa im KaDeWe in Berlin oder bei Edenliving in Hamburg. „Oft verkaufen auch Modeläden unsere Artikel“, sagt Mirja Baur stolz. Zu den großen Kunden gehört der Möbel-Online-Händler Westwind. Für die Plattform Geliebtes Zuhause haben die Hamburgerinnen eine exklusive Eigenproduktion entwickel.

Auch 2020 soll Kiss My Kitchen weiter wachsen. Es sind etwa Kooperationen mit Hotels und Ferienhausvermietungen angedacht. Neue Ideen entstehen bei Kiss My Kitchen immer noch meistens in der Küche der Familie Baur. Dabei schauen die Unternehmerinnen jetzt nicht mehr auf einen unansehnlichen Putzlappen – sondern auf ihre eigene Küchenmode-Kollektion.