Fast-Food-Restaurants

Wenn das Gehalt nicht mal für die Klassenreise reicht

Erkan Parlar arbeitet seit 1991 bei McDonald’s. Als Schichtführer bekommt der Betriebsrat aktuell nach eigenen Angaben 13,76 Euro pro Stunde.

Erkan Parlar arbeitet seit 1991 bei McDonald’s. Als Schichtführer bekommt der Betriebsrat aktuell nach eigenen Angaben 13,76 Euro pro Stunde.

Foto: Thorsten Ahlf

McDonald’s und andere Fast-Food-Restaurants zahlen meist nur den Mindestlohn. Ein betroffener Hamburger berichtet über seine Arbeit.

Hamburg. Die Stimmung von Erkan Parlar schwankt zwischen Ärger und Hilflosigkeit. Hilflos fühlt er sich, wenn er seiner kleinen Tochter sagen muss, dass das Geld der Familie für ihre Klassenreise leider nicht reicht. „Dann versteht sie die Welt nicht mehr“, sagt der Hamburger und schildert die schwierigen Dialoge daheim in Neugraben: „Papa, du gehst doch jeden Tag zur Arbeit“, sagt sie. „Warum reicht das Geld nicht?“

Auch Ärger spürt Erkan Parlar manchmal, denn er fühlt sich von seinem Arbeitgeber der Chancen beraubt, die er als langjähriger Beschäftigter seiner Ansicht nach verdient hätte. Seit 1991 arbeitet der 50-Jährige bei McDonald’s. Schon im Ingenieurstudium in Lübeck jobbte er bei dem Burgerbrater. Und blieb dann, um in dem Betrieb aufzusteigen.

Als Schichtführer bekommt er 13,76 Euro pro Stunde

Er trägt inzwischen Verantwortung als Schichtführer, bekommt nun 13,76 Euro die Stunde. Eine so geringe Steigerung seines Einkommens hatte der Hamburger nicht erwartet. Erkan Parlar ist kein Einzelfall, viele Beschäftigte in Fast-Food-Restaurants können sich ein Leben – zumal in der teuren Hansestadt – von ihrem Lohn kaum leisten.

Wer in die Branche einsteigt, etwa bei Starbucks, Nordsee oder KFC, verdient laut Tarif im ersten Jahr knapp 1600 Euro brutto im Monat, davon bleiben netto oft nur 1200 Euro. „Die Wut der Beschäftigten ist groß. Sie stehen rund um die Uhr an der Fritteuse oder an der Verkaufstheke – bekommen dafür aber meist nur den Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde“, kritisiert die Gewerkschaftssekretärin der NGG Hamburg-Elmshorn, Anne Widder. In den laufenden Tarifverhandlungen fordert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) daher „armutsfeste Löhne“ von mindestens zwölf Euro pro Stunde.

Warnstreik in Hamburg bei McDonald's

Das von den Arbeitgebern zu Beginn der Tarifauseinandersetzungen vorgelegte Angebot sieht ab 1. Januar 2020 allerdings nur einen Einstiegslohn von 9,48 Euro pro Stunde vor. Es liegt damit 13 Cent oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Die Vorstellungen der Gewerkschaft und der im Bundesverband der Systemgastronomie e.V. (BdS) organisierten Firmen wie McDonald’s, Burger King, Tank und Rast, Pizza Hut oder Autogrill liegen also noch weit auseinander.

Am Mittwoch hatten die Beschäftigten von zwei Hamburger McDonald’s-Filialen dann bei einem Warnstreik für mehrere Stunden die Arbeit niedergelegt, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am Freitag wurden die Tarifgespräche abgebrochen.

McDonald’s beschäftigt in Deutschland mehr als 60.000 Menschen

Als tonangebend bei dem Arbeitgeberverband gilt McDonald’s. Der umsatzstärkste Fast-Food-Konzern der Welt beschäftigt allein in Deutschland mehr als 60.000 Menschen. Ende 2019 steigerte das US-Unternehmen seinen Umsatz um vier Prozent und verdiente allein im letzten Jahresviertel unter dem Strich 1,57 Milliarden Dollar, das war mehr als erwartet. Der Aktienkurs von McDonald’s hat sich in den vergangenen Jahren zugleich mehr als verdoppelt.

Doch die Freude, die der Konzern den Anlegern macht, kann Erkan Parlar als Angestellter nicht teilen. „Wenn man mit einer Gehaltsabrechnung von McDonald’s zu Vermietern geht, hat man keine Chance“, weiß der Familienvater, der auch Betriebsratschef bei dem Schnellrestaurant ist, aus Gesprächen mit anderen Angestellten.

Die Kollegen, die gemeinsam mit ihm in dem Lokal am ZOB neben dem Hamburger Hauptbahnhof in der Küche oder an der Kasse stehen, gingen daher selbst bei der Suche nach kleinen Ein- oder Zweizimmerwohnungen leer aus, beklagt Parlar.

Die Menschen, die bei Pizza Hut oder anderen Fast-Foodketten arbeiten, kommen laut NGG aus allen Gesellschaftsschichten. Da sind die Studenten, die sich als 450-Euro-Kräfte etwas dazuverdienen, sagt Anne Widder.

Arbeit bei Burger King und Co. erfordert hohen Einsatz

Zu den gut ausgebildeten Männern und Frauen in den Küchen und an der Kasse gehörten aber auch Migranten, deren Abschlüsse und Diplome in Deutschland nicht anerkannt werden. Die Betroffenen dürften schließlich nur in Deutschland bleiben, wenn sie schnell eine Arbeit annehmen. „Davon profitiert der Niedriglohnsektor“, sagt Anne Widder. Selbst Professoren habe sie in den Schnellrestaurants schon arbeiten sehen, sagt die Gewerkschaftssekretärin, die allerdings keine Freundin des Bildungsarguments ist. „Auch diejenigen, die schlecht ausgebildet sind, verdienen es, von ihrem Job leben zu können“.

Schließlich erfordere die Arbeit bei Burger King und Co. hohen Einsatz: Stundenlanges Stehen, häufig bis in die Nachtstunden, immer freundlich sein. Und das in Räumen, in denen man oft ohne Tageslicht auskommen müsse, so Widder. Und selbst Manager in der Branche verdienten vergleichsweise wenig. Ein Bezirksleiter, der für mehrere Pizza-Hut-Restaurants verantwortlich sei, komme auch nur auf einen Tarif von 3500 Euro brutto im Monat.

Betriebe sind von guten Arbeitsbedingungen überzeugt

Zu den Vorteilen der Arbeit zähle hingegen der Teamgeist, der sich über die Jahre entwickle, sagt Anne Widder. Auch die geringen Anforderungen, etwa an die Sprachqualifikation, gehörten zu den Pluspunkten. Ob die Arbeitgeber den Beschäftigten bald auch höhere Löhne zahlen, ist indes fraglich: „Es kann im Angesicht einer wirtschaftlichen Eintrübung nicht im Interesse der Gewerkschaften sein, die wirtschaftliche Stabilität der Branche zu gefährden“, hieß es bisher vom Branchenverband zu den Forderungen der NGG.

Und die Betriebe sind überzeugt, Bewerbern schon jetzt gute Bedingungen zu bieten. McDonald’s betonte auf Anfrage des Abendblatts, dass sich das Unternehmen und seine Franchise-Partner an den geltenden Tarifvertrag hielten und zudem festgelegte Zuschläge zahlten.

Burger King sieht sich nach eigenen Angaben als „Chancengeber – unabhängig von sprachlichen, ethnischen oder kulturellen Hintergründen – und ist darum stets bemüht, seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein angenehmes und attraktives Arbeitsumfeld zu bieten.“

Einige Fast-Food-Anbieter müssen sich nicht an Tarifverträge halten

Auch Tank&Rast, der Gas­tronomiebetrieb an Autobahnen, lobt sich selbst als guter Arbeitgeber: „Im weit überwiegenden Teil aller Betriebe kommen Tarifverträge zur Anwendung. Auch bei den nicht tariflich gebundenen Betrieben liegen die Entgelte über dem Mindestlohn“, teilte das Unternehmen mit. „Engagierte und motivierte Mitarbeiter zu finden und langfristig zu binden, ist uns ein wichtiges Anliegen.“

Die im BdS organisierten Betriebe sind an den Entgelttarifvertrag gebunden. Einige Fast-Food-Anbieter haben sich aber auch gegen eine Mitgliedschaft entschieden, wie etwa der Sandwichspezialist Subway, und müssen sich nicht an Tarifverträge halten.

Hier greift dann aber in jedem Fall der gesetzliche Mindestlohn als Untergrenze. Der Mindestlohn von 9,35 Euro je Zeitstunde gilt seit dem 1. Januar 2020. Er wird teilweise aber auch unterschritten: Unter den Betrieben, die laut Zoll illegal niedrige Löhne zahlen, sind ebenfalls einige Firmen im Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe. Verstöße kommen aber auch in Friseur-, Kosmetiksalons und Nagelstudios vor, im Taxigewerbe, in Spielhallen oder bei Wach- und Sicherheitsdiensten. Das Problem ist folglich vielschichtig und beschränkt sich mit Blick auf die hohen Wohnkosten in den Metropolen längst nicht auf Fast-Food-Restaurants.