Hansecontrol

Wenn das Stofftier plötzlich Feuer fängt

Jannika Erbe und Tomaz Ostir testen ein Laufrad – ist es sicher oder doch eine Gefahr für kleine Kinder?

Jannika Erbe und Tomaz Ostir testen ein Laufrad – ist es sicher oder doch eine Gefahr für kleine Kinder?

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Sicherheit ist bei Kinderspielsachen besonders wichtig. Trotzdem gab es im vergangenen Jahr 45 Rückrufaktionen.

Hamburg.  Der ist ja süß. Und so kuschelig. Der Plüschelch, nennen wir ihn Eddy, trägt einen grünen Schal und guckt aus runden Knopfaugen in die Welt. Gerade hängt er allerdings in einer komplizierte Apparatur, spitze Zangen graben sich in sein weiches Fell. Jannika Erbe drückt einige Knöpfe, dann ziehen zwei Metallstäbe von oben und unten in entgegengesetzte Richtung. „Nähte sind oft eine Schwachstelle. So können wir feststellen, ob sie auch bei stärkeren Kräften standhalten“, sagt die Prüfingenieurin. Mit ihrem Kollegen Tomaz Ostir steht sie in einem der Labore der Zertifizierungsgesellschaft Hansecontrol in Hamburg.

Erbe erhöht den Zug langsam bis zum Grenzwert von 70 Newton. „Wenn das hält, kann auch kein Kind die Nähte zerreißen“, sagt sie. Das Ganze ist schon ein bisschen brutal. Vorher haben die beiden versucht, dem kleinen Elch die Augen auszureißen und den Schal abzunehmen. Beides ging nicht – und das ist gut so. Eddy ist ein Prüfmuster – und hat gerade Stufe eins der Sicherheitsanforderungen an Spielzeug für Kinder unter drei Jahren erfüllt.

Hohe Anzahl an Prüfaufträgen

Stofftiere und Laufräder, Sandschaufeln und Trampoline, Plastikfiguren, Holzklötze, Experimentierkästen – Spielwaren gehören zu den Warengruppen, bei denen Kunden beim Kauf besonders aufpassen. Für 79 Prozent der Deutschen ist Produktsicherheit bei Kinderspielsachen ein Muss, wie eine Verbraucherstudie des internationalen Warenprüfkonzerns SGS ergeben hat. Damit liegt der Bereich gleich auf mit Lebensmitteln und vor elektrischen Haushaltsgeräten, Getränken und Heimwerkerbedarf.

Schließlich geht es um Kinder, die selbst Gefahren nicht immer erkennen können. „Wir haben eine hohe Anzahl an Prüfaufträgen, die stetig wächst“, sagt Adem Durmaz, Bereichsleiter Hardlines bei Hansecontrol. Das liegt daran, dass die Verbraucher kritischer geworden seien, aber auch an den steigenden Anforderungen der Kontrollbehörden. Die Kunden des Prüfhauses sind Hersteller, Händlern und Importeure.

In Barbie-Puppen wurde ein zu hoher Bleigehalt festgestellt

Richtlinien, Verordnungen und Normen auf europäischer und nationaler Ebene regeln die Sicherheitsanforderungen. Auf vielen hundert Seiten sind diese für verschiedene Spielzeug-Gruppen festgehalten und werden laufend in verschiedensten Fachgremien angepasst. Das hat auch damit zu tun, dass die Vielfalt in der Branche riesig ist, ständig Innovationen dazukommen und Haftungs- und Wettbewerbsrechte immer komplexer werden.

Die aktuelle Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG war entwickelt worden, nachdem eine große Rückrufaktion für Schlagzeilen gesorgt hatte. Millionen Spielzeuge waren betroffen. Darunter hauptsächlich Barbie-Puppen, die einen zu hohen Bleigehalt in der Farbe hatten und Spielzeugautos, bei denen lose Magneten bemängelt wurden. Unter anderem müssen jetzt Warnhinweise je nach Altersgruppe auf den Verpackungen sein.

Verpflichtung für die Hersteller existiert nicht

Eine Verpflichtung für die Hersteller, ihre Produkte von unabhängiger Stelle überprüfen zu lassen, existiert allerdings nicht. Mit dem CE-Zeichen, steht für Communauté Européenne, das auf nahezu jedem Produkt im europäischen Handelsraum prangt, erklären Produzenten oder Importeure zwar, dass ein Spielzeug die europäischen Gesetze und Normen erfüllt. Die Realität sieht aus Sicht von Verbraucherschützern aber leider oft anders aus: Spielzeuge mit CE-Zeichen können durchaus Sicherheitsmängel aufweisen und mit Schadstoffen über den gesetzlichen Grenzwerten belastet sein. Einen Nachweis, dass die Anforderungen eingehalten werden, gibt etwa das freiwillige GS-Siegel, das Gütezeichen für geprüfte Sicherheit, oder das Siegel „Schadstoff geprüft“. Das allerdings kostet Geld. Eine Prüfung etwa bei Hansecontrol kann je nach Komplexität zwischen 50 und mehr als 10.000 Euro kosten.

Aktuell haben die Hälfte der Spielwaren, die prüffähig sind, kein Siegel. Immer wieder gibt es Rückrufaktionen, weil Marktbeobachter sicherheits- und gesundheitsgefährdende Aspekte feststellen. Bei Rapex, dem Europäischen Schnellwarnsystem für Verbraucherprodukte, bezogen sich im vergangenen Jahr 45 Warnmeldungen auf Spielzeug. Insgesamt waren es etwa 800. „Jeder Fall ist zuviel, denn er kann im schlimmsten Fall zum Tod führen“, sagt Bereichsleiter Durmaz.

Gefährlicher Spielzeugschleim

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat in ihrer Datenbank „Gefährliche Produkte“ für die ersten Wochen des Jahres schon drei Rückrufaktionen veröffentlicht, unter anderem für ein Kugelbahn-Ergänzungsset der bekannten Holzspielzeug-Firma Haba, bei dem der Gehalt an Weichmachern zu hoch war. Der niederländische Hersteller Free & Easy musste einen Spielzeugschleim im Glas – gerade schwer in Mode bei Kids – zurückrufen. Der Bor-Gehalt war zu hoch, laut zweiter Produktionssicherheitsverordnung bestand Vergiftungsgefahr. Allein für den glibberigen Kinderspaß gab es im vergangenen Jahr fünf Rückrufe.

Je nachdem, wo die Sachen angekauft werden, sind Discounter genau so betroffen wie Fachhändler. Mytoys, Online-Spielwaren-Anbieter der Otto-Gruppe, weist auf seiner Internetseite neun Rückrufaktionen für 2019 aus. Die Prüfingenieure bei Hansecontrol sind inzwischen bei der nächsten Kontrolle.

Jannika Erbe und Tomaz Ostir spannen ein Laufrad, das Siegel bekommen soll, in eine komplexe Maschine. „Das ist ein Beschleunigungsprüfstand für Aufsitzspielzeuge“, sagt Ostir. Simuliert werden soll, ob das Laufrad ganz bleibt, wenn ein Kind damit gegen einen Bordstein fährt. Das machen die Kleinen ja gerne mal.

„Drei, zwei, eins“, zählt die 25-jährige Hamburgerin runter, dann saust das kleine Gefährt die drei Meter lange Strecke auf das Hindernis am Ende zu. Das dauert gerade mal drei Sekunden. Drei Mal wird die Testfahrt wiederholt. „Der erste Eindruck ist gut“, sagt der gelernte Mechatroniker Ostir. Ob die Prüfer grünes Licht geben, entscheidet sich allerdings erst, wenn sie das Laufrad nach dem kalkulierten Crash auf feine Risse, lose Teilchen, scharfen Kanten oder verbogene Teile untersucht haben.

Insgesamt 600 Mitarbeiter

„Als Prüflabor sind wir Dienstleister, um festzustellen, ob die gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden“, sagt Hansecontrol-Bereichsleiter Durmaz. Das Zertifizierungsunternehmen, bei dem von Baumarktprodukten bis Unterhaltungselektronik alles mögliche geprüft wird, war 1982 vom Versandhändler Otto als interne Kontrollinstitution gegründet worden. Seit 20 Jahren arbeitet es unter dem Dach der Hermes-Gruppe unabhängig.

Insgesamt sind bei Hansecontol 600 Mitarbeiter beschäftigt, davon 450 in den Laboren. Es gibt sieben Standorte in Europa und Asien, wo heute das meiste Spielzeug produziert wird. „Wir stellen fest, ob ein Produkt sicher, gesundheitlich unbedenklich und gebrauchstauglich ist“, sagt Durmaz. Bis zu 50 Schritte können notwendig sein, bis eine Prüfung abgeschlossen ist.

Als die Karnevalsmaske brannte, kam die Feuerwehr

Der 52-jährige Holztechnik-Ingenieur ist seit 25 Jahren im Prüfgeschäft und hat schon fast alles erlebt. Bei der Untersuchung einer Karnevalsmaske etwa, die aus Textilien und pelzartigen Stoffen bestand, hatte er eigentlich nur den sogenannten Flash-Effekt kontrollieren wollen. Doch die Maske geriet sogar in Flammen. Und das so sehr, dass die Rauchmelder anschlugen und die Feuerwehr anrückte. Klarer Fall von durchgefallen. Insgesamt endet etwa ein Drittel der Prüfungen, die das Institut ausführt, mit einem negativen Ergebnis. In dem Fall bekommen die Auftraggeber, darunter Discounterketten, Hersteller und Importeure einen Bericht, der die Mängel aufzeigt. Ob und wie sie reagieren, ist allerdings nicht mehr Sache des Prüfhauses. „Teilweise wird nachgebessert“, sagt Durmaz. Aber nicht immer.

In den vergangenen Jahren ist es für die Verbraucher noch schwieriger geworden, den Durchblick zu behalten. Vor allem, wenn Spielwaren im Internet bestellt werden. „Im Online-Handel kann man EU-Grenzen nicht schützen“, sagt Hansecontrol-Bereichsleiter Adem Durmaz. Besonders günstige Preise könnten für Kunden ein Kriterium für Skepsis sein. Und man sollte immer genau hingucken, wer Hersteller oder Importeur ist und wo genau sich der Firmensitz befindet. „Geiz-Mentalität ist gerade beim Spielzeugkauf nicht angebracht“, so der erfahrene Prüfer.

Spielwarenmesse

  • Eine Million Spielzeuge, 2900 internationale Aussteller – am 29. Januar hat die Spielwaren­messe in Nürnberg begonnen. Die Schau, die bis zum 2. Februar läuft, ist die weltgrößte Fachmesse der Branche. Erwartet werden 67.000 Einkäufer und Fachhändler aus 130 Nationen. Auch Hamburger Unternehmen sind vertreten. Das Angebot umfasst alles, was Kinder lieben: von Babyartikeln bis zu lizenzierten Produkten etwa aus den aktuellen Star- Wars- oder Frozen-Filmen. In der sogenannten TrendGallery werden auf 1000 Quadratmetern 120.000 Neuheiten vorgestellt. In diesem Jahr ist unter anderem Nachhaltigkeit im Spiel (Toys for Future) eines der großen Themen.

Für Stoffelch Eddy geht es in die letzte Station des Sicherheitschecks – die Brennkammer. Jannika Erbe setzt das Muster in eine gläserne Box – in genau vorgegebenen Flammenwinkel und -abstand zu einem kleinen Gashahn. Dann muss Eddy die Feuerprobe bestehen. „Es ist nicht so, dass ein Plüschtier nicht brennen darf“, sagt die Prüfingenieurin. „Die Frage ist, wie schnell wandert die Flamme weiter.“ Erbe schiebt die Flamme an den Rückseite des Stofftiers. Das Fell entzündet sich – und verlöscht kurz darauf. Als Prüfmuster hat Eddy auch den letzten Test bestanden – bekommt das Gütesiegel für geprüfte Sicherheit.