Arbeitsmarkt und Pendler

Schleswig-Holstein lockt Hamburger mit Jobs

Der Auszubildende Alexander Schlüter (links) und Schlosser Andreas von Ostrowski mit einer Kanal-Inspektionskamera bei der Firma Canal-Contro+Clean in Barsbüttel.

Der Auszubildende Alexander Schlüter (links) und Schlosser Andreas von Ostrowski mit einer Kanal-Inspektionskamera bei der Firma Canal-Contro+Clean in Barsbüttel.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Zahl der Pendler aus der Hansestadt steigt um 20 Prozent. Welche Regionen besonders viele Jobs schaffen.

Hamburg. Seit Langem gilt Hamburg als Anziehungspunkt für Arbeitnehmer aus den angrenzenden Kreisen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Jetzt gibt es eine überraschende Entwicklung: Auch immer mehr Hamburger pendeln – ins Umland. Das zeigt eine Auswertung der Pendlerströme im Fünf-Jahres-Vergleich durch die Arbeitsagentur Hamburg. Danach nahm die Zahl der Hamburger, die im Umland arbeiten, von 2013 bis 2018 um 19,4 Prozent zu – im selben Zeitraum ist umgekehrt bei den Pendlern in die Hansestadt nur ein Zuwachs von 6,4 Prozent zu verzeichnen.

Laut Studie fahren jeden Arbeitstag 73.250 Hamburger zu ihrem Job im Umland. Allein im Kreis Stormarn arbeiten knapp 20.000 Hamburger. Große Arbeitgeber in Schleswig-Holstein sind Jungheinrich in Norderstedt, der Medizintechnikhersteller Drägerwerk oder Edeka Nord in Neumünster. Außerdem schaffen etliche mittelständische Firmen wie das Umweltunternehmen Canal-Control+Clean in Barsbüttel viele neue Jobs.

Bis zu 40 neue Mitarbeiter sollen in diesem Jahr neu eingestellt werden. „Der Arbeitsmarkt in der Metropolregion Hamburg kennt keine Gebietsgrenzen und entwickelt sich dynamisch“, sagt Sönke Fock, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Hamburg. Die Zahl der Pendler nach Hamburg bleibt allerdings mit 258.520 deutlich höher.

Besonders viele Arbeitsplätze entstanden in Neumünster

Besonders viele neue Arbeitsplätze entstanden zwischen 2014 und 2019 in der Stadt Neumünster, im Kreis Segeberg und im Landkreis Harburg. Der prozentuale Zuwachs bei den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen liegt in diesen Regionen deutlich über dem Hamburger Wert, der bei 11,6 Prozent liegt. So stieg die Zahl der Jobs im Landkreis Harburg um 21,7 Prozent.

Firmen finden im Umland durch die Ausweisung neuer Gewerbegebiete schneller freie Flächen als in der Hansestadt. Der Landkreis Harburg ist nach Einschätzung des Wirtschaftsinstituts Prognos AG im bundesweiten Vergleich bestens aufgestellt, wenn es um die Schaffung von Gewerbeflächen und die Ansiedelung von Unternehmen geht.

Zahl der Arbeits­losen in Hamburg im Januar deutlich gestiegen

Insgesamt ist die Zahl der Arbeits­losen in Hamburg im Januar deutlich gestiegen. Im Vergleich zum Januar 2019 meldete die Arbeitsagentur mit 68.161 Erwerbslosen einen Anstieg um gut 2300 Personen. Zum Dezember 2019 legte die Zahl um 4000 Arbeitslose zu. Die Quote lag im Januar mit 6,4 Prozent um 0,4 Punkte über dem Wert im Dezember und um 0,1 Punkte über dem des Vorjahres. „Begründet ist dieser Anstieg mit der Lösung von Arbeitsverhältnissen und dem Auslaufen befristeter Beschäftigung zum Jahres- und Quartalsende“, sagt Fock. Eine ähnliche Entwicklung sei seit zehn Jahren zu beobachten.

Für seinen neuen Job nimmt Alexander Schlüter einen weiten Weg auf sich. Als Auszubildender hat der Hamburger bei der Barsbütteler Firma Canal-Control+Clean Umweltschutzservice GmbH (CCG) angefangen. Ihn beeindrucken vor allem die großen Saug- und Spülfahrzeuge und die moderne Kameratechnik, mit der Rohrsysteme tief unter der Erde kontrolliert werden. Mit 32 Jahren möchte er noch einmal neu durchstarten, nachdem er sich bisher vor allem mit Hilfsjobs durch das Berufsleben geschlagen hat. Nach der etwas verkürzten Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice denkt er bereits an eine Meisterqualifizierung oder ein Studium.

„Obwohl ich schon 16 Jahre aus der Schule raus bin, komme ich doch in der Berufsschule gut mit“, sagt er. Schlüter ist einer der 73.250 Pendlern, die als Hamburger ihren Arbeitsplatz im Umland haben

Pendler fahren entgegen der Verkehrsströme

Auch bei dem zur Buhck-Gruppe gehörenden Unternehmen CCG kommt knapp ein Drittel der 325 Mitarbeiter aus Hamburg. Die Firma mit einem Jahresumsatz von 46 Millionen Euro reinigt und saniert Rohre und Kanäle und prüft sie auch auf Dichtheit. Die Zahl der Beschäftigten ist in den vergangenen fünf Jahren um knapp 70 Prozent gestiegen. „Allein im vergangenen Jahr haben wir 40 neue Mitarbeiter eingestellt“, sagt Paulina Wassermeier vom Personalmanagement des Unternehmens.

„Wie bieten für Quereinsteiger eine interessante Ausbildung“, so die Personalerin. Rund 50 Mitarbeiter suchen die CCG und ihre Tochterunternehmen gegenwärtig. „Einstellungsvoraussetzungen sind technisches Verständnis, handwerkliches Geschick und auch die Bereitschaft, auf Montage zu arbeiten“, sagt Wassermeier.

Schlüter dachte bei CCG zunächst an einen Hilfsjob, doch am Ende reizte ihn eine fundierte Ausbildung. Dafür nimmt er nun auch einen deutlich weiteren Arbeitsweg in Kauf. „Wenn es schlecht läuft, brauche ich von Hamburg bis Barsbüttel mit öffentlichen Verkehrsmittel bis zu anderthalb Stunden“, sagt Schlüter. Mit dem Auto, das er nicht hat, wären es nur 20 Minuten. CCG kennt dieses Problem und plant angesichts des Wachstums einen Shuttleservice zwischen Hamburg und den Firmenstandorten.

Zwar haben Hamburger Pendler in das Umland den Vorteil, dass sie zeitlich gegen die großen Verkehrsströme nach Hamburg fahren, aber ohne Auto sind die Unternehmen in den Industriegebieten nur schwer zu erreichen. „Gerade die Autobahnen A1, A23 und A7 spielen eine große Rolle, um die Arbeitsplätze in der Metropolregion zu erreichen“, sagt Heike Grote-Seifert, Chefin der Arbeitsagentur Bad Oldesloe.

Im Landkreis Harburg entstehen besonders viele neue Jobs

Zu den größten Arbeitgebern in der Metropolregion auch der Backwarenproduzent Harry Brot in Schenefeld. Auch Gesundheitseinrichtungen und Kliniken spielen eine bedeutende Rolle als Arbeitgeber.

Die Entwicklung der Beschäftigung verläuft im Umland teilweise dynamischer als in Hamburg selbst. So ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs in Hamburg in den vergangenen fünf Jahren um 11,6 Prozent auf über eine Million gestiegen. Deutlich höhere Steigerungsraten bei der Entstehung neuer Jobs zeigen aber der Kreis Segeberg mit 13,9 Prozent, die Stadt Neumünster (16,9 Prozent) und der Landkreis Harburg mit 21,7 Prozent. Ein Beispiel dafür, dass der Landkreis in Sachen Ausweisung neuer Gewerbegebiete bestens aufgestellt ist, ist das Logistikzentrum von Amazon in Winsen mit knapp 2000 Beschäftigten. Inzwischen baut das Unternehmen auch im Kreis Segeberg in der Gemeinde Nützen ein Verteilzentrum, das schon im Sommer 2020 eröffnet werden soll.

Wer jetzt seinen Job in Hamburg verloren hat, findet möglicherweise im Umland schneller wieder eine Beschäftigung. In Hamburg legte die Zahl der Jobsuchenden gegenüber dem Vorjahresmonat um 3,5 Prozent auf 68.161 zu. In Schleswig-Holstein waren 85.800 Menschen ohne Arbeit – exakt ein Prozent weniger als im Januar 2019.