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Altkleider abgeben und Rabatt für neue Mode bekommen

Bei H&M an der Spitalerstraße ist das Zurückgeben von Altkleidern gegen Neues unkompliziert.

Bei H&M an der Spitalerstraße ist das Zurückgeben von Altkleidern gegen Neues unkompliziert.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Wer alte Kleidung oder Schuhe mitbringt, bekommt in vielen Hamburger Läden Rabatte. Doch Umweltschützer kritisieren den Trend.

Hamburg. Altkleider zurückgeben und im Gegenzug für neue Mode Rabatt erhalten, diesen Service bieten immer mehr Textilhändler in Hamburg an. H&M und Reno gehören zu den Marken, die schon länger mit Nachlässen werben - für Kunden, die gebrauchte Hosen oder Hemden bei ihnen eintauschen.

Aber auch das Outdoor-Label Mammut oder Jeans Fritz nehmen alte Ware zurück. Was von Schnäppchenjägern begrüßt wird, weil sie so den überquellenden Schrank entlasten und dafür meist auch noch günstiger einkaufen können, kritisieren Umweltverbände als fatales Signal. Ihre Frage: Warum erwecken die Händler den Eindruck, sie wollten Nachhaltigkeit fördern, wenn sie durch die Rabatte den Konsum ankurbeln – und damit erneut klimaschädliche und Ressourcen erschöpfende Produktion?

Firma aus Ahrensburg sammelt Kleider

Hinter dem Rücknahmesystem steht in den meisten Fällen die Firma I:Collect aus Ahrensburg, der Marktführer hat das I:CO-System (kurz für „I:Collect“, deutsch: „ich sammle“) entwickelt. „Wir erleben eine extreme Zunahme unserer Sammelpartner“, sagt Unternehmenssprecher Lars Spicher dem Abendblatt.

Das Prozedere, wie Kunden die Rabatte bekommen, ist von Marke zu Marke verschieden. Das Abendblatt machte den Test, wie der Tausch von Altkleidern gegen Neues in Hamburg funktioniert. Bei H&M an der Spitalerstraße ist das Zurückgeben unkompliziert. Eine Tüte mit alten Jacken und Pullovern mitgebracht, die Verkäuferin angesprochen, und schon kann es losgehen: Der Kunde wirft die Altkleider in eine dafür vorgesehene Sammelbox im Durchgang zu den Umkleidekabinen. Ohne sich die gebrauchten Textilien auch nur einmal anzusehen, gibt die Angestellte dem Kunden dann einen grünen Gutschein. „H&M Conscious“ lautet die Überschrift auf der Pappkarte, der Begriff steht bei dem schwedischen Konzern für bewusstes Einkaufen und nachhaltige Mode.

Die Bedingungen für den Rabatt sind in kleinen Buchstaben aufgedruckt: „Der Gutschein ist gültig bis zum 31. Januar 2020. Bei Vorlage dieses Gutscheins erhältst Du online und in allen H&M-Geschäften in Deutschland 15 Prozent Rabatt auf einen Artikel Deiner Wahl.“ Der Kunde kann sich dann zum Beispiel eine Mütze für den Winterurlaub aussuchen und zur Kasse gehen. Weil bei diesem speziellen Produkt gerade Ausverkauf ist, die Mütze wurde von 12,99 Euro auf 5,99 Euro und noch einmal auf 3,59 Euro reduziert, fällt der Sparspaß hier nur klein aus. Der 15-Prozent-Nachlass bringt eine Ersparnis von 54 Cent.

Möglicherweise ist der niedrige Preis der Kleidung für viele Menschen heute auch ein Grund, dass sie ständig shoppen gehen: Europäer kaufen pro Person und Jahr durchschnittlich 26 Kilo Textilien und werfen elf Kilo davon weg. Zugleich hat sich die Menge der produzierten Textilien seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.

Bei C&A müssen Kunden ein Paket schicken

Ein paar Schritte weiter, bei C&A in der Mönckebergstraße, ist die Rückgabe offenbar nicht Teil des Arbeitsalltags der Verkäufer. „Die Kunden nutzen das kaum“, sagt eine Angestellte. Dann erklärt sie die Vorgehensweise: „Sie packen ein Paket mit aussortierter Kleidung und erstellen auf www.packmee.de/c-a.html einen kostenlosen Versandaufkleber“, sagt die junge Frau. Das Paket bringt man zu DHL oder Hermes, anschließend erhält man einen C&A-Gutschein über 15 Prozent per E-Mail. Also alles etwas umständlicher als bei H&M.

Nicht nur der stationäre Handel bietet die Rücknahme an. Beim Versandhändler Otto gibt es die Möglichkeit, eine Kleiderspende mit aussortierten Textilien bei einem Hermes-Paketshop abzugeben. Mit dem Erlös aus dieser Aktion unterstützt der Hamburger Konzern soziale und kulturelle Projekte.

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Der Schuhhändler Reno bietet das Rücknahme-Programm schon seit 2011 in seinen Filialen an, er ist Gründungspartner des „I:Collect“-Programms. Im Großraum Hamburg gibt es fünf Reno-Filialen. Ein gelber Metallcontainer mit der Aufschrift „Umweltbewusstsein zahlt sich aus“ steht in den Geschäften, meist neben der Kasse. Hier können die Kunden ihre gebrauchten Sneaker oder Sandalen einwerfen. Im Gegenzug bekommen sie für jedes zurückgegebene Paar Schuhe 50 Cent Rabatt.

Im Jahr 2018 wurden in den Hamburger Reno-Filialen etwa 2,1 Tonnen Schuhe gesammelt, heißt es seitens des Unternehmens. Und weiter: „Erfreulich ist, dass wir seit Start des Recycling-Programms eine stetig wachsende Rückgabefrequenz verzeichnen können.“ Aktuell plant Reno in diesem Bereich weitere Aktionen (auch in Kooperation mit I:CO). Dies auch vor dem Hintergrund, so Reno, „dass von den jährlich etwa 20 Milliarden verkauften Schuhpaaren in Deutschland aktuell nur rund fünf Prozent wiederverwertet werden.“

Adler schert aus dem System aus

Die geringe Recycling-Quote war für den Modefilialisten Adler dagegen nach eigenen Angaben der Auslöser, das Programm der Altkleider-Rücknahme 2018 wieder zu stoppen: „Wir haben das im Jahr 2009 gestartete Rücknahmeprogramm I:CO für getragene Bekleidung und Schuhe auslaufen lassen“, heißt es.

Man empfehle Kunden, nicht mehr getragene Textilien an lokale Wohlfahrtsorganisationen zu spenden. „Dies erspart einerseits den CO2-intensiven Transport, andererseits wird Bekleidung ihrer ursprünglich zugedachten Verwendungsform zugeführt und andere Menschen profitieren direkt davon“, so Adler. Aktuell sei „eine ausreichende Quote an Recycling für höherwertige Textilprodukte leider nicht zu gewährleisten“.

Greenpeace kritisiert die Sammlung der Geschäfte gegen Rabatt

Auch bei Greenpeace wird die mangelnde Wiederverwertbarkeit der Kleidung offen kritisiert. „Oft wissen die Textilsammler nicht, welche Materialien in einem T-Shirt oder einer Jacke verarbeitet sind“, sagt Textil-Expertin Viola Wohlgemuth von Greenpeace. Etwa wenn das Schild mit den aufgedruckten Polyester- oder Baumwollanteilen herausgeschnitten sei, könnten die Betriebe die Fasern nicht mehr genau zuordnen. „Ein echtes Recycling, also Faser-zu-Faser-Recycling, ist bei den eingesetztes Fasergemischen in unserer Kleidung praktisch nicht möglich“, sagt Wohlgemuth mit Blick auf die modernen Mischgewebe.

Meist landeten die Textilien dann als Dämmstoff in der Bauindustrie, während für neue Kleidung erneut Polyester aus Mineralöl hergestellt werden müsse. „Das ist kein Recycling, sondern aus unserer Sicht ein Downcycling“, bemängelt die Expertin von Greenpeace. Und die Kunden erkauften sich mit der Rückgabe gegen Rabatt ein gutes Gefühl, das aber trüge.