Unternehmensverband

"Die Grünen blockieren in Hamburg wichtige Projekte"

AGA-Präsident Hans Fabian Kruse ist seit 2008 Präsident des wichtigen Außenhandelsverbands AGA.

AGA-Präsident Hans Fabian Kruse ist seit 2008 Präsident des wichtigen Außenhandelsverbands AGA.

Foto: Roland Magunia

Hans Fabian Kruse, Präsident des Groß- und Außenhandelsverbands AGA, über Hamburgs Wirtschaft und die Handelskammer.

Hamburg. Hans Fabian Kruse empfängt das Abendblatt am Gänsemarkt im Büro des Außenhändlers Wiechers&Helm, dessen Geschäftsführender Gesellschafter ist. Als Unternehmer und Präsident des mächtigen Unternehmensverbandes AGA findet er ungewöhnlich deutliche Worte, die er an die Politik in Hamburg richtet.

Hamburger Abendblatt: Wie lief 2019 aus Sicht des Groß- und Außenhandels?

Hans Fabian Kruse: 2019 war ein gemischtes Jahr. Bauwirtschaft, Einzelhandel und Handwerk können in Hamburg mit dem Verlauf zufrieden sein. Und wir sollten dankbar sein, dass wir mit einer Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen neuen Rekord aufgestellt haben. Für die Außenwirtschaft hat sich die Lage im Laufe des Jahres eingetrübt. Wir hatten sogar eine ganze Reihe von Außenhändlern, die ein schlechtes Jahr erwischt haben. Die Industrie ist in der Rezession und auch der Exportwirtschaft geht es nicht wirklich gut.

Abendblatt: Sie sprechen jetzt von einer Rezession. Viele scheuen das Wort noch ...

Kruse: Wir sind nicht gesamtwirtschaftlich in einer Rezession, aber immer mehr Firmen erleben mehrere Quartale hintereinander zurückgehende Umsätze. Das nenne ich Rezession.

Abendblatt: Belasten jetzt also der Handelsstreit zwischen China und den USA sowie der Brexit doch die Hamburger Wirtschaft?

Kruse: Ja, die Verhängung von Strafzöllen wirkt sich belastend aus, und der Welthandel ist im vergangenen Jahr kaum gewachsen. Hauptgrund sind tatsächlich die Auseinandersetzungen zwischen den USA und China. Und auch wenn vor kurzem ein Teilabkommen zur Befriedung der Situation unterzeichnet wurde, werden weiterhin zwei Drittel der US-Importe aus China unter Strafzöllen liegen. Und der US-Importzoll für Waren aus China ist in den vergangenen zwei Jahren von drei auf 19 Prozent gestiegen. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen. Es gibt aber auch andere Handelsstreitigkeiten: Über die Auseinandersetzungen zwischen Japan und Korea spricht beispielsweise niemand, aber auch diese wirken sich belastend aus.

Abendblatt: Und wie wird das laufende Jahr?

Kruse: 2020 wird ein Jahr des Übergangs. Ich rechne mit einem stagnierenden Welthandel, obgleich die US-amerikanische Regierung in einem Wahljahr sicher alles dafür tun wird, die eigene Konjunktur zu stärken. Das Thema Brexit wird sich nicht weiter negativ auswirken. Der formale Akt Ende des Monats wird das Geschäft nicht beeinflussen, weil dieses bis Ende des Jahres nach denselben Regeln läuft. Skeptischer bin ich bei der Frage, wie Großbritannien und die EU nach dem Austritt innerhalb von elf Monaten ihr künftiges Verhältnis regeln wollen. Ich hoffe, dass bis dahin Eckpunkte stehen und es Übergangsfristen für alle Fragen der Zusammenarbeit gibt.

Abendblatt: Was heißt das konkret für die Hamburger Wirtschaft?

Kruse: Auch hier zeigt sich ein differenziertes Bild. Im Importsektor wird es Firmen geben, die ein gutes Jahr 2020 erwarten. Anderen Firmen wird es schlechter gehen. 2020 wird für den Hamburger Außenhandel kein Jahr des Wachstums. Damit können die Hamburger Firmen umgehen. Wenn hohe Zölle Geschäfte erschweren, dann suchen sich die Unternehmer eben neue Märkte. Die gute Nachricht ist, dass auch Unternehmen, denen es nicht so gut geht, weiter einstellen wollen. 30 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen wollen in den kommenden Monaten Personal aufbauen, nur acht Prozent reden von Abbau. Die Beschäftigung wird also hoch bleiben.

Abendblatt: Was fordern Sie als Präsident des Großhandelsverbands von der Politik?

Kruse: Wir wünschen uns Stabilität in dem Sinne, dass es weiter eine gute Zusammenarbeit der norddeutschen Länder gibt. Wir möchten zudem eine realistische Betrachtung der Herausforderungen, beispielsweise im wichtigen Feld der Verkehrspolitik. Wir wünschen uns keine futuristischen Experimente. Wir sind der Meinung, dass die Fahrrinnenanpassung der Elbe zügig umgesetzt werden muss, dass der Lieferverkehr nicht aus dem Blick verschwinden darf und dass wir mit Vernunft die Dinge angehen müssen.

Abendblatt: Wie sieht es mit der Köhlbrandbrücke aus?

Kruse: Sie muss ersetzt werden. Wir benötigen auch die A26-Ost und zwar dringend.

Abendblatt: Gehen Ihnen diese Projekte nicht schnell genug?

Kruse: Nein. Alle diese Dinge werden verzögert, vielfach aus ideologischen Gründen. Da sehe ich eine echte Gefahr.

Abendblatt: Von wem werden sie aus ideologischen Gründen blockiert?

Kruse: Von gewissen politischen Parteien.

Abendblatt: Meinen Sie die Grünen?

Kruse: Ja. Der Klimawandel ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Panik und Hysterie hilft dabei überhaupt nicht. Die Industrie sucht nach Mitteln zur Lösung der Probleme und ist doch nicht der Buhmann, den man verteufeln muss. Konkret: Es ist doch nicht zu verstehen, dass eine Wärmeauskopplung am Kohlekraftwerk Moorburg vorhanden ist, aber aus rein ideologischen Gründen nicht genutzt wird. Stattdessen lässt man die Dreckschleuder in Wedel am Netz und versucht, auf irgendwelchen anderen Wegen Ersatzlösungen zu finden. Für mich ist derjenige kein Retter des Klimas, der eine offensichtliche technische Lösung nicht nutzt. Da versündigt man sich.

Abendblatt: Ist die autofreie Innenstadt für Sie ein futuristisches Experiment?

Kruse: Die Mobilitätsvorstellungen wandeln sich, ich bin aber gegen Hauruck-Lösungen. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Gesellschaft dazu entschließt, schrittweise den Verkehr umzuorganisieren. Wir müssen dabei beispielsweise den Lieferverkehr erhalten. Wenn wir zum Beispiel sagen, wir wollen die Busse aus der Mönckebergstraße heraushaben, dann müssen wir Lösungen finden, mit denen der Verkehr auf der Steinstraße rollen kann, denn wir wollen die Buslinien ja erhalten.

Abendblatt: Muss die Politik nicht eher schneller entscheiden? Viele andere Städte haben doch schon längst autofreie Citys. Da funktioniert es doch auch.

Kruse: Sie können Hamburg nicht eins zu eins mit München oder Stuttgart vergleichen. Wir müssen lösungsorientierter denken. Kurz gesagt: Wenn wir eine autofreiere Innenstadt wollen, müssen wir andere geeignete Mobilitätslösungen finden. Das dauert eine gewisse Zeit.

Abendblatt: Die Grünen sehen das anders. Sie wollen zudem nur ein Infrastrukturprojekt, entweder die Köhlbrandbrücke oder die A26-Ost.

Kruse: Das ist nicht ausreichend. Wir benötigen beide Lösungen. Die Grünen waren ursprünglich für den Bau der A26-Ost, jetzt stellen sie sie infrage. Das halte ich für einen Fehler.

Abendblatt: Sie warnen also vor einer Grünen-Bürgermeisterin Katharina Fegebank?

Kruse: Als Verbandspräsident arbeite ich gerne mit allen demokratischen Parteien zusammen und freue mich auf diejenigen, die die zukünftige Regierung bilden. Als Unternehmer und Bürger habe ich aber eine persönliche Meinung zu den Programmen der Parteien. Und da sage ich, dass ein Wahlrecht mit 14 nicht geeignet ist und eine Aufhebung des Vermummungsverbots nicht zur Befriedung beitragen wird. Eine Verbotskultur etwa bei der Verkehrs- oder Umweltpolitik ist für mich auch wenig lösungsorientiert. Eine grüne Politik, wie sie Herr Kretschmann in Baden-Württemberg betreibt, begeistert Unternehmer. Hardcore-Verbotspolitik und linke Ideologie beunruhigen sie dagegen. Die Grünen müssen entscheiden, wie sie sich hier in Hamburg aufstellen wollen. Da gibt es im Senat solche und solche Vertreter.

Abendblatt: Sie sind also gegen eine Wahl der Grünen?

Kruse: Ich gebe keine Wahlempfehlungen. Ich wünsche mir lediglich, dass die von mir genannten negativen Aspekte im Programm der Grünen in der nächsten Legislaturperiode nicht durchgesetzt werden. In der Politik geht es immer um Kompromisse. Ich wünsche mir, dass die nächste Regierung auch eine wirtschaftsfreundliche ist – nicht um die Reichen noch reicher zu machen, sondern um uns allen die Grundlagen des Wohlfahrtsstaats zu erhalten.

Abendblatt: Sie kandidieren auch für die Handelskammer. Wie haben Sie die vergangenen drei Jahre dort wahrgenommen?

Kruse: Es ist bekannt, dass ich der Kammer sehr verbunden bin. Der radikale Wechsel zu den Kammerrebellen hatte seine Ursachen. Die Rebellen waren voller Idealismus und aus ihrer Sicht mit den besten Intentionen angetreten. De facto haben ihre Maßnahmen zu einen Personalabbau und sehr viel Streit und Missgunst geführt. Die Gesamtkosten sind nicht weniger geworden, aber die Leistung ist deutlich geschrumpft. Das Ansehen der Kammer ist beschädigt worden.

Abendblatt: Warum haben Sie sich keinem der drei Wahlbündnisse, die jetzt antreten, angeschlossen?

Kruse: Ich finde, es sollen nur unabhängige Unternehmer ihre Kraft im Plenum einbringen, um die Kammer nach vorne zu bringen. Ich bin gegen jede Parteipolitik. Ich stehe für ein Engagement für Hamburgs Außenhandel. Das ist ausreichend.

Abendblatt: Was würden sie denn einem Hauptgeschäftsführer der Kammer bezahlen?

Kruse: Ein im bundesweiten Vergleich für die Aufgabe angemessenes Gehalt. Ich sehe die Zahl eher bei mehr als 200.000 Euro im Jahr als bei weniger. Und ich finde nicht, dass man das auf Euro und Cent genau in der Zeitung lesen muss.

Abendblatt: Es gibt Gerüchte, dass Sie selbst Ambitionen auf den Posten des Präses haben. Können Sie sich vorstellen, den Job zu übernehmen?

Kruse: Davon habe ich auch im Abendblatt gelesen. Die neue Wahlordnung sieht vor, dass erst ein Plenum gewählt werden muss und das neue Präsidium nur aus diesem Plenum bestimmt werden kann. Solange man nicht ins Plenum gewählt worden ist, muss man sich also keine weiterführenden Gedanken machen. Ich wünsche mir, dass das neue Plenum die richtigen Unternehmer fürs Präsidium auswählt.

Abendblatt: Sie schließen es für sich aber auch nicht aus?

Kruse: Nochmal: Die Frage stellt sich derzeit nicht.