HWWI-Direktor Henning Vöpel

„Beim Tesla-Werk hat Hamburg eine Chance vertan“

Der Direktor des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts, Henning Vöpel.

Der Direktor des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts, Henning Vöpel.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Hamburgs renommiertester Ökonom Henning Vöpel spricht im Abendblatt-Interview Klartext und fordert vom Senat mehr Mut.

Hamburg. Nicht wenige Volkswirte sagen für Deutschland ein ökonomisch schwaches Jahr 2020 voraus. Henning Vöpel ist mit Blick auf Hamburg nicht ganz so pessimistisch. Allerdings vermisst der Direktor des Hamburger WirtschaftsforschungsInstituts HWWI von den Politikern im Rathaus sehr viel mutigere Entscheidungen – und zwar nicht nur mit Blick auf den Hafen.

Wie gut wird 2020 für die Hamburger Wirtschaft?

Henning Vöpel: Ich denke, nicht so schlecht. Im Hinblick auf die Konjunktur in Hamburg bin ich eher optimistisch. Das Wirtschaftswachstum dürfte bei einem Prozent oder knapp darüber liegen. Für die Stadt spielt ja der Außenhandel eine überproportional große Rolle, und die wesentlichen weltpolitischen Tiefschläge haben wir schon im vorigen Jahr erlebt.

Wird nicht aber der bevorstehende Brexit der Hamburger Wirtschaft stark schaden?

Das erwarten viele, aber ich gehöre nicht dazu. Ich glaube, man wird in den Verhandlungen zwischen den in diesem Jahr anstehenden Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien eine rationale Lösung finden. Die EU unterhält ja auch mit der Schweiz oder mit Norwegen sehr stabile Handelsbeziehungen.

Droht im Handelskonflikt zwischen den USA und China eine neue Verschärfung?

US-Präsident Donald Trump wird im diesjährigen Wahlkampf behaupten, er habe sein Wahlversprechen aus dem Jahr 2016, die wirtschaftlichen Interessen der USA gegenüber China durchzusetzen, tatsächlich umgesetzt. Er kann nicht daran interessiert sein, dass durch ein erneutes Aufflammen des Konflikts der US-Arbeitsmarkt leidet, denn das würde Trumps Wiederwahl gefährden. Der eigentliche geopolitische Konflikt aber wird noch Jahre andauern.

Noch nie gab es so viele versicherungspflichtige Arbeitsplätze in Hamburg. Wird dieser positive Trend anhalten?

Das Risiko für Arbeitslosigkeit bleibt gering, vor allem im Dienstleistungssektor. Aber der Arbeitsplatzaufbau wird nicht im bisherigen Tempo weitergehen können. Das Arbeitskräftepotenzial ist inzwischen weitgehend ausgeschöpft, manche Branchen wie etwa die Gastronomie finden praktisch kein neues Personal mehr. Auch die Voraussetzungen dafür, den Arbeitskräftemangel durch Zuzug weitgehend ausgleichen zu können, sind schon wegen der deutlich gestiegenen Mieten nicht besser geworden. Die mittelfristigen Perspektiven der Hamburger Wirtschaft sehe ich aber ohnehin eher pessimistisch.

Können Sie das erläutern?

Die Anfälligkeit der Wirtschaft für strukturelle Umbrüche ist hoch – höher, als viele das wahrnehmen, denn wir sind stark gebunden an das, was schon da ist. Aber die Digitalisierung sorgt dafür, dass manche der etablierten Geschäftsmodelle in Zukunft nicht mehr funktionieren. Das kann dann recht schnell gehen. Davon kann auch der Hafen betroffen sein. Hamburgs Politik hat zwar im Prinzip erkannt, dass er sich verändern muss, aber das geht zu langsam. Es fehlt der Mut für richtungsweisende Entscheidungen, man verharrt zu sehr in der bestehenden Strukturlogik.

Was müsste sich im Hafen denn ändern?

Ein Anfang wäre, mehr Flächen für zukunftsträchtige Ansiedlungen abseits des Gütertransports auszuweisen.

Tesla geht mit seinem Elektroauto-Werk nach Brandenburg – hat Hamburg hier eine Chance vertan?

Ja, ich finde schon, dass eine Chance vertan wurde. Zwar argumentieren manche, eine solche Ansiedlung hätte ein großes Klumpenrisiko dargestellt. Richtig ist auch, dass eine massenhafte Produktion von Batterien für E-Autos ökologisch nicht unproblematisch ist. Spannend wäre aber gewesen, wenn Hamburg parallel auf batterieelektrische Autos und auf den Wasserstoffantrieb gesetzt hätte. Das hätte einen attraktiven Austausch von Know-how mit anderen Branchen, etwa mit Airbus, ermöglicht.

In Hamburg findet im Oktober 2021 ein Weltkongress zum Thema Intelligente Verkehrssysteme (ITS) statt. Wird aus Ihrer Sicht diese Chance für eine Modernisierung des Verkehrs in der Stadt gut genug genutzt?

Die Lösung für Mobilität wird zu sehr in der Mobilität gesucht. Es geht tatsächlich um eine neue Qualität der Vernetzung von urbanem Leben, nicht nur räumlich, sondern funktional. Warum müssen heute alle zur selben Zeit morgens auf der Straße sein? Wir haben die Chance, die Stadt ganz anders zu synchronisieren und Mobilität neu zu denken.

Was halten Sie von dem Konzept der autofreien Innenstadt?

Ich finde das gut, und ich frage mich, warum der Einzelhandel nicht begeistert davon ist. Er würde doch davon profitieren, wenn man das Konzept sinnvoll umsetzt – so wie in etlichen anderen Städten im Ausland. Innenstadtbesucher, die ihr Auto in einem Parkhaus am Stadtrand abstellen und dafür zahlen, könnten mit dem Ticket dann den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Wie stehen Sie politischen Verboten gegenüber, um die CO2-Emissionen mindern zu können?

Ökonomen halten ja nicht viel von Verboten. Am Ende werden wir wohl technologische Lösungen finden müssen, um eine Klimakatastrophe noch abwenden zu können. Für eine Übergangszeit halte ich Verbote aber für kaum vermeidbar. Entscheidend dabei ist, CO2-freie Alternativen für Verbraucher zu schaffen. Denn die konsequente Bepreisung des CO2-Ausstoßes hätte gravierende soziale Folgen. So müsste sich etwa ein Langstreckenflug nach Singapur um 1000 Euro pro einfacher Strecke verteuern, wenn man den langfristigen Schaden durch die Emissionen vollständig bewerten würde.

Wie wichtig ist der Ausgang der Bürgerschaftswahl im Februar für die Hamburger Wirtschaft?

Er dürfte keinen erheblichen Unterschied machen. Der Konsens zwischen den bedeutenden Parteien ist so groß, dass sich auch bei einer anderen Parteienkonstellation im Senat wohl nichts Entscheidendes für die Unternehmen ändern wird.