Hamburg

„Streit in Handelskammer dauert noch Jahre“

Neujahrsempfang: Hamburger Unternehmer hoffen, dass die Wirtschaftsvertretung nach der Plenumswahl zu alter Stärke zurückfindet.

Hamburg. Die Erwartungen der Hamburger Wirtschaft sind groß. Nicht nur das Ergebnis der Ende Februar bevorstehenden Bürgerschaftswahlen beschäftigt Unternehmer und Manager schon heute, sondern auch der Ausgang der Handelskammerwahlen, die kurz zuvor stattfinden. So drehten sich viele Gespräche beim Neujahrsempfang des Abendblatts darum, wie sich die Wirtschaftsvertretung am Adolphsplatz inhaltlich und personell für die kommenden Jahre aufstellen sollte. „Konsolidierung“ war eines der Worte, die dabei am häufigsten fielen.

„Die Kammer muss sich konsolidieren“, sagte beispielsweise der Hamburger Reeder Bernd Kortüm, Chef der Anlegergesellschaft Norddeutsche Vermögen. „Es muss nach den Querelen wieder Ruhe und Seriosität in die Kammer kommen.“ Die Gruppe der ehemaligen Kammerrebellen habe das Wahlsystem missbraucht, um ihre Politik durchzusetzen, so Kortüm. Das dürfe nicht wieder passieren. Daher müsse das ehrenamtliche Plenum wieder proportional zur Struktur der Hamburger Wirtschaft besetzt werden, fügte Reeder Hermann Ebel („Sea Cloud“) hinzu.

Handelskammer soll sich mehr mit Inhalten beschäftigen

„Wir hoffen auf eine weitere Konsolidierung der Handelskammer“, sagte auch Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). „Das Plenum muss wieder geschlossen und gemeinsam agieren.“ Der angestoßene Modernisierungsprozess dürfe dabei aber nicht gestoppt werden. Das sieht auch Tarek Müller, Geschäftsführer des Onlinemodeportals About you, so. „Die Handelskammer sollte sich wieder mehr mit Inhalten beschäftigen, als mit sich selbst.“

Das bekamen auch der Vize-Präses der Handelskammer, André Mücke, zu hören und der Kulturmanager Norbert Aust. Beide treten bei der Kammerwahl als Spitzenkandidaten an, allerdings für unterschiedliche Wahlgruppen. Mücke, der früher den Kammerrebellen angehörte, führt die Wahlliste Zukunftskammer.Hamburg an, Aust bildet mit der Unternehmensberaterin Astrid Nissen-Schmidt die Doppelspitze der Gruppierung Starke Wirtschaft Hamburg. Sie nutzten den Neujahrsempfang dazu, für ihre Ziele zu werben. Aust war mit seiner Tochter Tessa erschienen, die die Geschäftsführung des Schmidts Tivoli vom Vater übernommen hat. „So finde ich mehr Zeit, mich um die Kammer zu kümmern“, sagte er.

Aufruf zu höherer Wahlbeteiligung

Zumindest ein prominenter Unterstützer dürfte ihm dabei sicher sein: Der Aufsichtsratschef von Hapag-Lloyd und Präsident des Übersee Clubs, Michael Behrendt, machte kein Geheimnis daraus, für wen sein Herz schlägt: „Es muss wieder Vernunft in die Kammer einziehen und der Blick wieder auf die Wirtschaft gerichtet sein. Dazu benötigt es aber die richtigen Leute“, sagte Behrendt und fügte hinzu: „Deshalb wünsche ich mir eine starke Wirtschaftsvertretung für Hamburg.“ Haspa-Chef Harald Vogelsang, der noch vor Kurzem selbst für die Starke Wirtschaft Hamburg antreten wollte, dann aber seine Kandidatur zurückzog, nahm das amüsiert zur Kenntnis. Äußern wollte er sich zum Thema aber nicht. „Ich sage nur soviel: Ich wünsche mir eine höhere Wahlbeteiligung als in der Vergangenheit.“

Nur 17,6 Prozent der Hamburger Unternehmer hatten sich an den Kammerwahlen 2017 beteiligt. 55 der 58 Sitze des Plenums waren damals an die Vertreter der Kammerrebellen gefallen. Diese zerstritten sich aber in der Folge.

Für den Unternehmensberater und Vizepräsidenten des FC St. Pauli, Jochen Winand, steht und fällt alles mit der Zusammensetzung des neuen Plenums. „Da sollten nur ehrbare Kaufleute gewählt werden. Keine Populisten.“

Impulsgeber für wirtschaftspolitische Themen

Volker Tschirch wünscht sich von der nächsten Kammerführung vor allem „mehr Berechenbarkeit im Ehrenamt“. Und zwischen dem Haupt- und Ehrenamt sollte es aus Sicht des Hauptgeschäftsführers des AGA Unternehmensverbands künftig ein „ungetrübtes Miteinander“ geben. Inhaltlich wünscht sich Tschirch eine Handelskammer, die wieder ein Impulsgeber bei wichtigen wirtschaftspolitischen Themen in der Stadt ist. Sie solle sich auf ihren gesetzliche Auftrag konzentrieren und Inhalte anbieten, welche die Zukunftsfähigkeit der Metropolregion fördern. Dazu zählt Tschirch die Entbürokratisierung der Verwaltung und eine bessere Infrastruktur. „Die Kammer war früher Ideengeber par excellence nicht nur für wirtschaftspolitische Themen in der Stadt. Da muss sie wieder hinkommen“, sagte der Unternehmer und ehemalige Wirtschaftssenator Ian Karan (parteilos).

Das aber dürfte noch Jahre dauern, war die einhellige Meinung einer ganzen Reihe weiterer Unternehmer. „Das neue Plenum wird sicherlich anders aussehen als das alte“, sagte etwa der frühere Chef von Vattenfall in Hamburg und heutige Unternehmensberater Pieter Wasmuth. „So wird die Schockstarre schnell gelöst werden. Der Richtungsstreit über die künftige Rolle der Kammer wird aber weitergehen. Da wird es noch mindestens eine weitere Wahlperiode dauern, bis wir Ergebnisse sehen.“

Verlorenes Vertrauen kehrt nur langsam zurück

Auch das verlorene Vertrauen und das einstige Ansehen der Kammer werde „nicht so schnell wieder gewonnen werden“, sagte Reeder Ebel. „Das dauert Jahre.“ Zudem seien viele gute Mitarbeiter abgewandert, ergänzte der Aufsichtsratschef der Haspa und ehemalige Hochbahn-Vorstand Günter Elste. Diese nun fehlende Kompetenz werde nicht über Nacht zu ersetzen sein.

„Eine der ersten Aufgaben des neuen Plenums wird es sein, ein vernünftiges Präsidium und eine starke Hauptgeschäftsführung zu schaffen“, sagte der Präsident der Hamburger Börse Friedhelm Steinberg. „Und das muss jetzt einmal länger halten als nur vier Jahre “, ergänzte er. Die Kammerrebellen hatten in den vergangenen drei Jahren gleich zweimal die Hauptgeschäftsführung ausgewechselt. Gleich am Anfang der Wahlperiode, die künftig vier Jahre lang ist, musste der langjährige Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz gehen. Seine Nachfolgerin, die von den Rebellen berufene Christi Degen, hielt gerade einmal eineinhalb Jahre durch.