Kirchwerder

Süßer die Glocken nie klingen – dank Iversen Dimier

Nicola Timmann (l.) und Eduard Konopka von der Firma Iversen Dimier stehen im Glockenturm der St.-Severini-Kirche in Kirchwerder unter einer der mächtigen Bronzeglocken.

Nicola Timmann (l.) und Eduard Konopka von der Firma Iversen Dimier stehen im Glockenturm der St.-Severini-Kirche in Kirchwerder unter einer der mächtigen Bronzeglocken.

Foto: Michael Rauhe

Das Unternehmen ist der einzige Fachbetrieb für Montage und Wartung in Hamburg. Ein Besuch zu Weihnachten.

Hamburg.  Um an seinen Arbeitsplatz zu kommen, muss Eduard Konopka ganz nach oben. An diesem Tag kurz vor Weihnachten eilt er mit schnellen Schritten die Stufen im Kirchturm von St. Severini in Kirchwerder hinauf. Bis zum ersten Boden gibt es noch eine Holztreppe mit Geländer, danach geht es über eine schmale Stiege hoch in die Turmspitze. „Jetzt sind wir in der Glockenstube“, sagt Konopka. Für normale Menschen ist hier Schluss. Aber der Mechaniker der Firma Iversen Dimier klettert über eine Leiter weiter. Er will zu einem kleinen Gerät im Gebälk, über das die drei mächtigen Bronzeglocken der Vierländer Kirche gesteuert werden, die älteste mehr als 300 Jahre alt.

Der Klang von Glocken gehört bis heute für viele Menschen zum Sound des Lebens. In Kirchwerder ertönen sie jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr, dreimal zum sogenannten Betanschlag. Es läutet zum Sonntagsgottesdienst, bei Hochzeiten und Beerdigungen. Und natürlich an den Festtagen. Schon lange zieht da niemand mehr von unten an einem Seil. „Der Anschlag wird elektromechanisch ausgelöst“, sagt Konopka. Mit wenigen Routinegriffen überprüft er die sogenannte Läutemaschine, die auch schon etwas in die Jahre gekommen ist. Dann nickt er und steigt wieder herunter auf die Erde. Irgendwann müsse das Gerät mal modernisiert werden. Aber für den Moment ist in dem Glockenturm, der im Jahr 1600 neben der Kirche errichtet wurde, alles in Ordnung.

1000 Kirchen im Norden werden betreut

Die Mitarbeiter von W. Iversen & Dimier Cie., Nachf. GmbH & Co. KG, wie die Firma ganz korrekt heißt, sind Spezialisten für alles, was läutet und tickt. Ihre Tätigkeit ist so speziell, dass es dafür keine Berufsbezeichnung gibt. Das Traditionsunternehmen ist der einzige Fachbetrieb für die Wartung von Glocken, Turmuhren und Großuhrenanlagen in der Hansestadt und einer von ganz wenigen deutschlandweit. „Bei uns verbindet sich Erfahrung aus 200 Jahren, filigrane Technik und neueste Elektronik“, sagt Nicola Timmann. Und das Gehör für den richtigen Ton. Die 50-Jährige ist die Tochter des früheren Besitzers, und so was wie die Seele der Firma. „Wir betreuen regelmäßig mehr als 1000 Kirchen im norddeutschen Raum“, sagt Timmann. Auch wenn die Uhr am Hamburger Rathaus stehen bleibt, die Zeitanzeigen in Gerichten oder Schwimmbädern in der Hansestadt stockt, werden die Experten aus Kirchwerder gerufen.

„Solange eine Uhr richtig läuft, merkt das niemand“, sagt Eduard Konopka. „Aber wenn sie falsch geht, sind die Menschen sofort irritiert.“ Der gelernte Uhrmacher ist seit 37 Jahren bei Iversen Dimier. 2013 war das Unternehmen in eine ehemalige Gaststätte am Kirchenheerweg direkt gegenüber von Kirche und Friedhof gezogen. Wo früher der Tanzsaal war, ist jetzt die Werkstatt. Gerade hat Konopka eine Funkzentrale für eine Turmuhr neu eingestellt. „Wenn irgendwo was ausfällt, kann ich das Teil bestimmt noch mal brauchen“, sagt er. Wenn man durch den großen Raum geht, wandelt man auch durch die Geschichte der Zeitmesser. An einer Wand lehnt das riesige Ziffernblatt der Turmuhr der St. Johannis-Kirche in Soltau, das restauriert werden soll. Einige Meter weiter stehen die Zeiger – mehr als zwei Meter hoch. Auch fünf Läutemaschinen von St. Trinitatis in Harburg warten hier auf den Einbau. Die Anlagen wurden schon auf moderne Lichtschrankentechnik umgerüstet, aber im Moment stockt die Kirchensanierung. In hohen Regalen liegen in kleinen Schubern Tausende ordentlich sortiert Schrauben, Werkzeuge und Ersatzteile bereit.

Gründung vor 200 Jahren am Neuen Wall

Seit 1819 gibt es den Handwerksbetrieb schon. Firmengründer Antoine Dimier hatte zunächst einen Uhrenhandel am Neuen Wall in Hamburg eröffnet. Seitdem der Kaufmann Wilhelm Iversen 1876 eingestiegen war, firmiert das Unternehmen unter dem heutigen Namen. 1902 übernahm der langjährige Geschäftsführer Friedrich Heinrich Stuhr und baute den Betrieb aus. Als die Hauptkirche St. Michaelis eine neue Turmuhr bekommen sollte, bekam der Kaufmann den Auftrag. 1911 wurde die Anlage von Iversen Dimier in das Hamburger Wahrzeichen eingebaut. Bis heute sind die Fachleute aus Kirchwerder für die Wartung zuständig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Kirchenglocken als zweites Standbein dazu. Die Experten bauten Glocken, die abmontiert und teilweise für Munition eingeschmolzen worden waren, wieder in die Kirchtürme ein.

Herbert Stuhr, der den Familienbetrieb in dritter Generation bis 2010 führte, verkaufte Iversen Dimier nach wirtschaftlichen Turbulenzen an Europas älteste Glockengießerei Rincker in Hessen. Mit dem neuen Eigentümer schafften die Hamburger die Kehrtwende. „Es hat sich rentiert, sich auf die Wurzeln zurückzubesinnen“, sagt Stuhrs Tochter Nicola Timmann, eine Uhrmachermeisterin. Die zweifache Mutter, die seit mehr als 30 Jahren im Betrieb ist, managt heute die Firma als Angestellte.

Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Die vier Monteure sind fast immer unterwegs – zwischen der dänischen Grenze im Norden und Hannover im Süden. Uhren müssen geprüft und geölt, der Ton analysiert und korrigiert, Glockenklöppel erneuert, die Ketten von Läutemaschinen geschmiert, Rost entfernt werden.

Bereitschaftsdienst am Heiligabend

Gerade erneuern sie in Flensburg eine Kirchenglocke, die gesprungen war und geschweißt werden musste. „Wir waren sehr froh, als alle Teile kurz vor Weihnachten endlich kamen“, sagt Nicola Timmann. Zwei Mitarbeiter hatte sie losgeschickt, damit Heiligabend in dem Gotteshaus süßer die Glocken nie klingen. Aber daraus wird wohl nichts. Einer der Kollegen habe sich gerade gemeldet, sagt die Hamburgerin. Das Eichenjoch, an dem die Glocken aufgehängt werden, passe nicht richtig. „Jetzt haben unsere Leute erst mal zusammengepackt und müssen im neuen Jahr wiederkommen.“ Da freut sich jemand anderes. „Es passiert immer wieder, dass Heiligabend ein Pastor verzweifelt anruft, weil die Glocken stillstehen“, sagt Timmann. Für solche Notfälle haben sie in Kirchwerder einen Bereitschaftsdienst.

Neben der Wartung gehört auch die Planung von neuen Glockenanlagen und Turmuhren zum Geschäft. Erst vor einigen Monaten haben die Hamburger drei neue Glocken in der Marienkirche in Lübeck eingebaut, die in der traditionsreichen Gießerei Rincker gefertigt worden waren. Auch die beiden neuen Uhrschlag-Glocken für den Hamburger Michel hat Iversen Dimier vor drei Jahren montiert. Ein Auftrag in mittleren fünfstelligen Bereich. Glocken sind Investitionen für die Ewigkeit, zumindest eine gefühlte. Inzwischen passiert es immer wieder, dass die Spezialisten Glocken aus kirchlichen Gebäuden ausbauen, weil diese aufgegeben werden. Ein Beispiel ist die frühere Kapernaum-Kirche in Horn, die zur Moschee umgebaut wurde. Glocken werden da nicht gebraucht. Zugleich hat sich die Palette der Kunden auch erweitert, unter anderem auf die orthodoxen Gemeinden in Hamburg.

2020 gibt es auch Aufträge aus Shanghai und den USA

Im nächsten Jahr stehen größere Bauvorhaben unter anderem in Bramfeld und im holsteinischen Bad Oldesloe an. „Eventuell gibt es auch noch einen Großauftrag“, sagt Nicola Timmann. Mehr will sie noch nicht verraten. Auf Eiderstedt in Nordfriesland sollen zwei Turmuhren erneuert werden. Zuletzt hatte der Betrieb die Bahnhofsuhren in Westerland auf Sylt (2018) und im Bahnhof Dammtor (2017) installiert. Auch im Ausland ist die Expertise aus Kirchwerder gefragt. „Wir haben für 2020 Projekte in Shanghai und in den USA“, so Timmann. Auch in Südkorea und in Südafrika haben die Mechaniker schon Glocken montiert.

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Gerade wurde ein weiterer Mitarbeiter eingestellt. „Für das, was wir machen, gibt es keine Ausbildung“, sagt Eduard Konopka. Er ist der einzige Uhrmacher im Team. Unter den Kollegen sind auch Elektromaschinenbauer. Entscheidend ist die Erfahrung, sagt der 60-Jährige. Er liebt seinen Beruf – und die Freiheit auf dem Kirchturm. „Aber man muss schwindelfrei sein.“