Bauwirtschaft

Die Frau, die Hamburgs größte Baustelle managt

Die Architektin Amalia Gür steht auf der Baustelle des Überseequartiers in der HafenCity. Sie erfasst die gesamte Planung und Ausführung digital.

Die Architektin Amalia Gür steht auf der Baustelle des Überseequartiers in der HafenCity. Sie erfasst die gesamte Planung und Ausführung digital.

Foto: Michael Rauhe

Amalia Gür ist für die digitale Planung und Ausführung des Überseequartiers in der HafenCity zuständig. Wie sie das schafft.

Hamburg.  Wer einen Blick auf Hamburgs größte Baustelle werfen will, muss den Blick tief nach unten richten. Ein halbes Jahr nach der Grundsteinlegung für das Überseequartier in der HafenCity ist die Bodenplatte in der riesigen Baugrube weitgehend fertig. Da und dort wird noch Beton gegossen, auf dem später im dritten Untergeschoss Autos in der Tiefgarage stehen werden. Einige Meter entfernt ragen bereits die Wände von Technikräumen und künftigen Fahrstuhlschächten auf.

Eine Handvoll Firmen und 150 bis 200 Arbeiter sind im Einsatz – alles noch recht übersichtlich. Das wird sich ändern. „In Spitzenzeiten, Anfang, Mitte 2021 werden bis zu 200 Firmen und 2500 Leute gleichzeitig auf der Baustelle sein“, sagt Martin Mohr. Dann werden die 14 Gebäude des Quartiers fast gleichzeitig hochgezogen. Das Einkaufszentrum mit 200 Geschäften, mehrere Dutzend Restaurants, Büros mit 4000 Arbeitsplätzen, 650 Wohnungen, drei Hotels, Kinocenter, Kreuzfahrtterminal, der direkte Übergang zur U-Bahnstation – all das soll in drei Jahren fertig sein.

Die Kosten: mehr als eine Milliarde Euro

Dafür ist Mohrs Arbeitgeber verantwortlich. Das holländische Beratungs- und Ingenieur-Unternehmen Arcadis (weltweit 27.000 Mitarbeiter) hat vom Bauherrn den Auftrag erhalten, die Ausführungsplanung und den Bau zu koordinieren, bis Ende 2022 abzuschließen und dabei die absehbaren Kosten von mehr als eine Milliarde Euro einzuhalten. Gesamtprojektleiter Mohr hat ein Team von gut 50 Arcadis-Mitarbeitern aus den deutschen Niederlassungen um sich geschart.

Amalia Gür spielt darin eine besondere Rolle. Die Architektin ist die BIM-Managerin der Baustelle. Die drei Großbuchstaben stehen für Building Information Modeling. „Ich nenne es lieber digitales Planen und Bauen“, sagt die 36-Jährige. Mit BIM hält die Digitalisierung zunehmend Einzug auch auf deutschen Baustellen und in der Baubranche insgesamt. Und das Überseequartier ist nicht nur Hamburgs größtes Bauprojekt, sondern zugleich auch Deutschlands derzeit größte Digital-Baustelle.

Arbeitsergebnisse fließen in 3-D-Modell ein

Das Herzstück eines BIM-Projekts ist ein virtuelles 3-D-Modell, an und mit dem die beteiligten Unternehmen arbeiten. Beim künftigen Überseequartier sind dies derzeit vor allem die Ausführungsplaner. Nachdem die Stararchitekten ihre Entwürfe abgeliefert haben und während in der Baugrube Beton gegossen wird, läuft die Detailplanung für die Gebäude. Wo werden Versorgungsleitungen verlaufen? Welches Material wird wo verwendet? Wie viel davon wird benötigt? Um solche Fragen geht es. „Mehr als 25 Büros arbeiten gleichzeitig an der Ausführungsplanung“, sagt Amalia Gür.

Dass die Firmen die Ergebnisse ihrer Arbeit in das gemeinsam genutzte und regelmäßig aktualisierte 3-D-Modell einspeisen, hat entscheidende Vorteile: Früher als bisher ist erkennbar, ob die Planungen tatsächlich zusammenpassen. Oder ob zum Beispiel der eine Planer Leitungen an einem Punkt im Gebäude vorsieht, an dem ein anderer Planer bereits etwas ganz anderes vorgesehen hat. „Man erkennt mögliche Kollisionen und Fehler frühzeitig“, sagt die BIM-Managerin.

Materialbedarf per Mausklick ermitteln

Und auch die Auswirkungen einer Umplanung lassen sich schneller und einfacher kalkulieren. Soll etwa ein Fenster eingesetzt werden, wo zuvor eine Betonwand vorgesehen war, lässt sich per Mausclick ermitteln, wie sich deshalb der Materialbedarf und die Kosten verändern. „Letztlich bietet BIM die Chance, die Planung und den Bau eines Projekts transparenter, schneller und günstiger abzuwickeln“, sagt Amalia Gür. In anderen Ländern wie etwa den Niederlanden, in Großbritannien oder den USA ist das digitale Bauen bereits weit verbreitet, teils sogar schon vorgeschrieben. Hierzulande setzt es sich langsamer durch, erhält absehbar aber einen ordentlichen Schub. Das Bundesverkehrsministerium hat den Einsatz von BIM bei neuen Fernstraßenprojekten von 2020 an für verbindlich erklärt.

Für Bauprojekte der Stadt Hamburg gilt das zwar nicht, doch der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) setze BIM bereits schrittweise ein, bei neuen Brücken sei das bereits Standard, heißt es in der Wirtschafts- und Verkehrsbehörde. Angewendet wird die Methode derzeit etwa beim Bau der Brücke der B5 (Bergedorfer Straße) über die A1. Um einheitliche Regelungen für Hamburgs öffentliche Bauvorhaben zu entwickeln, hat der LSBG unter anderem mit der Hafenbehörde HPA und der Hochbahn das Netzwerk BIM.Hamburg gegründet. Und auch in der Hansestadt erwartet man eine ganze Reihe von Vorteilen: Mehr Transparenz während der Planung, niedrigere Baukosten, höhere Terminsicherheit und einen einfacheren Betrieb des Bauwerks nach der Fertigstellung.

Viele Baufirmen stellen auf digitale Planung um

Bei den Bauunternehmen selbst allerdings herrscht teils noch Nachholbedarf: Zwar haben bereits gut die Hälfte der Firmen BIM-Erfahrungen und 80 Prozent wollen damit in den nächsten Jahren arbeiten. Zugleich aber hat erst jedes fünfte Unternehmen eine ausgereifte BIM-Strategie, ergab eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers in der Branche. Immerhin fast 40 Prozent der Firmen arbeiten daran.

Auf der Baustelle des Überseequartiers entwickelt sich das BIM-Modell mit jedem abgeschlossenen Arbeitsschritt vom Planungsinstrument zu einer digitalen Bauakte, die alle relevanten Daten der Gebäude enthält. Das wird ihren Betrieb und die Bewirtschaftung vereinfachen. Stehen später einmal Umbauten an, lässt sich schnell und verlässlich ermitteln, was genau dort Jahre zuvor errichtet wurde. „Selbst eine Lampe kann im Modell mit deren Produktdaten verknüpft werden. Dann lässt sich per Mausclick zum Beispiel der Hersteller und die Produktnummer abrufen“, erklärt Amalia Gür.

Bis zur durchdigitalisierten Baustelle aber ist es immer noch ein weiter Weg. Auch das zeigt sich in den Bürocontainern am Rande der tiefen Überseequartier-Baugrube. Dort wird zwar an Rechner und Bildschirm gearbeitet. Aber es liegen auch Baupläne auf den Tischen. Zweidimensional und ganz klassisch auf Papier gedruckt.