Meinung
Leitartikel

Hamburg: Der Hilferuf der City

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt

Foto: Andreas Laible / HA

Geschäftsleute fürchten um die Zukunft der Innenstadt, die sich dringend neu erfinden muss. Was das bedeutet.

Wer heute als Tourist nach Hamburg kommt, hat neben den traditionsreichen Sehenswürdigkeiten wie Michel, Rathaus und Reeperbahn ein neues Highlight auf dem Besuchsprogramm: die HafenCity. Spätestens seitdem dort die Elbphilharmonie mit ihrer architektonischen und musikalischen Strahlkraft eröffnet hat, strömen die Gäste aus Nah und Fern in den neuen, boomenden Stadtteil.

Blickt man insgesamt auf die Touristenzahlen, so muss man festhalten: Die HafenCity tut Hamburg gut. Allerdings bringt der unaufhaltsame Aufstieg des neuen Stadtteils auch Probleme mit sich – und von denen sind vor allem die Einzelhändler, Hoteliers und Gastronomen in der alten City betroffen.

Hamburg: HafenCity boomt, Onlinehandel unaufhaltsam

Sie haben sich nun zusammengeschlossen und das Bündnis für die Innenstadt gegründet. In einem am Dienstag vorgestellten 16-seitigen Positionspapier weisen sie auf die Schwierigkeiten hin, die sie in Zukunft für das Gebiet zwischen Binnenalster und Nikolai-Viertel sehen. Ihre Forderung: eine lebendige Innenstadt!

Viele – vor allem kleinere Händler – haben Angst, dass sie zwischen der boomenden HafenCity und dem nicht zu stoppenden Siegeszug des Onlinehandels zerrieben werden. Der Blick des Bündnisses geht vor allem Richtung Rathaus. Die Politik soll mit viel Geld Rahmenbedingungen schaffen, die mehr Touristen, aber auch Einheimische wieder für die alte City begeistern.

Die alte City steckt in einem Dilemma

Besonders konkret ist das Positionspapier dennoch nicht. In vielen Punkten bleibt es nebulös und schwammig. So ist davon die Rede, dass die „Aufmerksamkeit für die Innenstadt geschaffen“ oder „die Erreichbarkeit gewährleistet“ werden soll. Sobald es aber um Konkretes geht, verlieren sich die Formulierungen zumeist in einem „Ja, aber ...“. Das Papier zeigt das Dilemma, in dem das neue Bündnis für die alte City steckt. Es müssen zu viele Interessen unter einen Hut gebracht werden, sodass am Ende nur der kleinste gemeinsame Nenner steht. Doch diese Halbherzigkeit wird nicht ausreichen, um gegen Onlinehandel und attraktive HafenCity langfristig bestehen zu können.

Die traditionsreiche Innenstadt darf sich nicht weiter primär auf seine fest zementierten Attraktionen wie den Rathausmarkt und die Binnenalster als Touristenmagneten verlassen. Es fehlt der gemeinsame große Wurf. So hätte eine City, die vollständig von Autos mit Verbrennungsmotoren befreit würde, sicherlich viel Charme für Menschen, die ohne Lärm und Abgase flanieren und einkaufen wollen – und davon gibt es in der hektischen Welt von heute immer mehr.

Negatives Vorbild Harburger City

Zugleich müsste das Gastronomieangebot deutlich verbessert und qualitativ hochwertiger werden. Und die Innenstadt braucht neue Touristenmagneten. In der HafenCity locken neben der Elbphilharmonie das Miniatur Wunderland, der Dungeon und ein Luxuskino Touristen und Einheimische an. Aber was soll man in der alten City nach dem Shoppen noch Spannendes unternehmen? Die Auswahl ist dürftig.

Die Innenstadt muss sich sputen, will sie nicht ein ähnliches Schicksal wie die Harburger City nach der Eröffnung des Phoenix-Centers erleiden – und veröden.

Bei der Entwicklung – vor allem mit Blick auf die Shopping-Angebote – steht der große Konkurrent HafenCity zudem erst am Anfang. Das größte Einkaufszentrum der Stadt inklusive Wohnungen, Büros und Hotels befindet sich noch im Bau. Spätestens wenn das Überseequartier mit etwa 200 Läden fertiggestellt sein wird, müssen Einzelhändler, Gastronomen und Hoteliers überzeugende Argumente liefern, warum die Hamburger und ihre Gäste noch in die alte City kommen sollen. Das etwas allgemein gehaltene Positionspapier kann hier ein Anfang sein – mehr nicht.