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Wie Hamburger Lärm mit Anti-Lärm stoppen wollen

Recalm-Geschäftsführer Marc von Elling mit dem Lautsprechersystem.

Recalm-Geschäftsführer Marc von Elling mit dem Lautsprechersystem.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Das Start-up Recalm hat ein Verfahren entwickelt, um Schallwellen auszulöschen. Ein Praxistest soll noch im Dezember folgen.

Hamburg. Für ruhiges Wohnen ist die Breite Straße zwischen St. Pauli Fischmarkt und Palmaille keine gute Adresse: Reichlich Autoverkehr, grölende Nachtschwärmer, viele Großveranstaltungen und jeden Sonntag die Verkaufsstände auf dem nahe gelegenen Fischmarkt. „Bei offenem Fenster kann man da kaum schlafen“, sagt Marc von Elling. Das hat er schnell gemerkt, als er vor gut fünf Jahren nach Altona-Altstadt umzog. Damals war er Masterstudent an der TU Hamburg. Elektrotechnik. In der Abschlussarbeit ging es um Fräsmaschinen, die Promotion sollte folgen.

Eine Doktorarbeit hat von Elling dann doch nicht geschrieben. Stattdessen ist der 30-Jährige heute Mitgründer, Teilhaber und einer der Geschäftsführer eines Start-ups namens Recalm. Das bedeutet in etwa „Ruhe wieder herstellen“, Firmenmotto „Making noise disappear“ (Lärm verschwinden lassen). Das Unternehmen nutzt dafür das Prinzip der sogenannten destruktiven Interferenz. Vereinfacht ausgedrückt besagt dieses: Schallwellen lassen sich auslöschen, wenn man ihnen Schallwellen der gleichen Frequenz entgegenschickt. Lärm und Anti-Lärm heben sich gegenseitig auf, es kehrt Ruhe ein, mindestens aber wird der Lärm deutlich gedämpft. Fachleute nennen das Active Noise Cancelling (ANC), also aktive Lärmaufhebung.

Perfekt für Fahrerkabinen in der Landwirtschaft

Dass der Berufsweg des Elektrotechnik-Ingenieurs diese Wendung nahm, hat sehr viel mit dem Hamburger Straßen- und Partygängerlärm zu tun. „Ich habe mich damals gefragt, warum es bislang keine praktische Anwendung gibt, nach diesem Prinzip Geräusche aus der Umgebung zu reduzieren. Ein Professor, bei dem ich promovieren wollte, hat mir geraten, außerhalb der Universität nach möglichen Einsatzgebieten zu suchen.“

Von Elling und seine Mitgründer Martin Günther sowie Lukas Henkel haben mit Unterstützung von Investor und Business-Angel Ralf Ressel inzwischen eine technisch machbare Anwendung entwickelt, die wirtschaftlichen Erfolg verspricht. Recalmgeräte können und sollen künftig den Krach in den Fahrerkabinen von Bau- und Landmaschinen deutlich mindern. „Im Schnitt schaffen wir etwa 50 Prozent“, sagt von Elling, „im besten Fall sogar 75 Prozent.“

Dazu wird an die Kopfstütze des Fahrersitzes das Recalmgerät montiert, in das Lautsprecher und Mikrofone integriert sind. Per Knopfdruck aktiviert, erfasst und analysiert das System den Lärm in der Kabine. Der von dem 2017 gegründeten Start-up entwickelte Algorithmus sorgt dafür, dass sich der ausgesandte Gegenschall ständig der sich verändernden Frequenz der Geräusche in der Kabine anpasst. „Mehrere Tausend Mal pro Sekunde“, so von Elling.

Vor allem tiefe Töne lassen sich in den Griff bekommen

Gut in den Griff bekommen lassen sich damit bislang vor allem tiefe Töne bis etwa 500 Hertz, die sich in langen Wellen ausbreiten. Je höher der Ton und je kürzer die Schallwellen, desto schneller erreicht die aktive Lärmreduzierung ihre technische Grenzen. Der Lärm von Dieselmotoren, die wichtigste Quelle der Kabinengeräusche, aber lässt sich damit zuverlässig herunterdimmen.

Und gegenüber klassischen Ohrstöpseln oder ANC-Kopfhörern, die bereits auf dem Markt sind, hat das Recalmsystem zwei entscheidende Vorteile: „Den ganzen Tag Gehörschutz zu tragen ist lästig, außerdem hört der Fahrer dann auch andere Geräusche nicht“, sagt von Elling. Rufe der Kollegen, Polizei­sirenen, die Rückfahrwarntöne anderer Maschinen sind sogar besser vernehmbar, wenn Anti-Schall die Motorengeräusche reduziert. Und Radio lässt sich auch besser hören im Bagger, Radlader oder Mähdrescher.

Wichtiger aber ist ein anderer Aspekt: Arbeitsschutz. Starker und Dauerlärm gelten als ein wesentlicher Auslöser von Berufskrankheiten, für Geräuschbelastungen am Arbeitsplatz gibt es daher strenge Auflagen. Ist es weniger laut, darf ein Beschäftigter länger pro Tag in der Fahrzeugkabine sitzen. Und außerdem. „Gute Maschinenführer sind rar“, weiß Marc von Elling. „Ein Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern bessere Arbeitsbedingungen bietet, verschafft sich Vorteile.“

Breit angelegter Praxistest geplant

Auf dem Markt ist das System noch nicht. Gleichwohl genießt Recalm bereits große Aufmerksamkeit in der Branche und erntet reichlich Vorschusslorbeeren. Anfang November wurde das Start-up mit dem Deutschen Arbeitsschutzpreis in der Kategorie Newcomer ausgezeichnet. Danach waren sechs der derzeit zehn Mitarbeiter des Unternehmens für eine Woche auf der Agrotechnica, der weltgrößten Landmaschinenmesse in Hannover, um das Recalmsystem potenziellen Kunden zu präsentieren: Mähdrescher- und Treckerbauern, Sitzherstellern, aber auch Agrarunternehmen und Landwirten. 2018 ist ein Investor bei den Hamburgern eingestiegen, dessen im Allgäu ansässiges Unternehmen unter anderem Joysticks für die Steuerung von Baumaschinen entwickelt und liefert – und der nützliche Kontakte in der Branche hat.

Bei Recalm soll als Nächstes und noch in diesem Jahr ein breit angelegter Praxistest in Zusammenarbeit mit den Hamburger Bauunternehmen H.C. Hagemann und Eggers sowie mit mehreren Fahrzeugherstellern folgen. „Wir werden mehrere unterschiedliche Maschinen mit dem System nachrüsten“, sagt von Elling. Von den Maschinenführern erhoffen sich die Gründer wichtige Hinweise, was sich noch verbessern lässt.

Wenn es so läuft wie geplant, sollen Produktion und Auslieferung der Akustikgeräte, die den Lärm mindern, Anfang 2021 starten. Ein Nachrüstsatz für die Kopfstütze wird absehbar um die 3000 Euro kosten. Und was ist mit der Bekämpfung von Straßenlärm? Die Geräuschkulisse ist zu kompliziert. „Vielleicht probiere ich trotzdem eines der Geräte bald mal zu Hause aus“, sagt Marc von Elling. Der Leidensdruck hat allerdings nachgelassen. Er ist vor Kurzem nach Eimsbüttel umgezogen. Die neue Wohnung ist größer. Und ruhiger.