Abendblatt-Serie

Kultläden: In der Schanze gibt es Tüten voller Geschenke

Stehen bei mysupper im Schanzenviertel für ungewöhnliche Geschenkideen zu fast jedem Anlass: (v. l.) Corinna Pink-Hildebrandt, Kerstin Kuß, Stefanie Kalms und Katrin Lahrtz.

Stehen bei mysupper im Schanzenviertel für ungewöhnliche Geschenkideen zu fast jedem Anlass: (v. l.) Corinna Pink-Hildebrandt, Kerstin Kuß, Stefanie Kalms und Katrin Lahrtz.

Foto: Thorsten Ahlf

Glücksformel, spezielles Angebot und besondere Atmosphäre – so trotzt Mysupper dem Geschäftesterben in Hamburg.

Hamburg.  Hier soll es also Glück in Tüten geben. Na ja, bei solchen Versprechen ist etwas Vorsicht wohl nicht ganz falsch. Also erst mal rein in das kleine Geschäft an der Weidenallee, das man im Vorbeigehen leicht übersehen könnte. Eine altmodische Türglocke schlägt an. Noch bevor Corinna Pink-Hildebrandt aus den Tiefen des Ladenlokals nach vorne geeilt ist, bleibt der Blick an den Regalbrettern mit Schokoladen und Bonbons hängen. Es gibt Cremes aus gebrannten Nüssen und Sirup aus Zitrone, Thymian und Salbei zum Mixen.

Das sieht alles ganz schön lecker aus, und ist nur ein kleiner Teil des Angebots von mysupper. Aber was hat das mit Glück zu tun? Pink-Hildebrandt lacht und zeigt auf eine Tafel mit einer komplizierten Kombination aus Zahlen und Buchstaben, die auf dem langen Flur zwischen liebevoll arrangierten Senf-Kreationen, Ketchup aus Roter Bete, Teemischungen und Weinflaschen hängt. „Unsere Glücksformel“, sagt Pink-Hildebrandt und lacht. Das Modell stammt von dem amerikanischen Sozialpsychologen Todd Kashdan, die mysupper-Macherinnen haben sie eingedeutscht. „A x 5“ etwa steht für „Denke 5 x täglich an andere!“

Für jeden Anlass gibt es eine Spezialitätenmischung

Und da ist man dann bei der Geschäftsidee von mysupper. Geschenkerei nennen sie es. Ob runder Geburtstag, Hochzeit, Einschulung, Jubiläum oder einfach nur mal so – für jeden Anlass packen Pink-Hildebrandt und ihre drei Mitstreiterinnen eine passende Spezialitätenmischung in die Tüte. „Wir haben den klassischen Präsentkorb in die heutige Zeit transformiert“, sagt die 52-Jährige. Jede Tüte wird von Hand gestempelt:

Im „Herrengedeck“ sind Weißwein, Wasabinüsse, handgeschöpfte Schokolade und Feigencracker. In „Mädchenkram“ Rosé-Prosecco, Pralinen und Schokolade mit Heidelbeeren und Himbeeren. Es gibt auch „Hamburg, meine Perle“ mit Spezialitäten ausschließlich aus der Hansestadt, „Windstärke 10“ oder „Eine Tüte Herbst“. Mysupper hat mehr als 30 Variationen im Programm. Außerdem können Kunden sich eigene Tüten zusammenstellen oder maßgeschneidert nach Thema und Budget zusammenstellen lassen.

Sortiment umfasst rund 800 Leckereien

An diesem Vormittag ist eine ältere Dame die erste im Geschäft. Mit Enkelsohn und zwei Hunden steht die Düsseldorferin vor den Regalen, um ein Mitbringsel zu kaufen. Letztlich entscheidet sie sich für ein Pesto aus einer Manufaktur aus der Region und lässt es in eine „Hamburg“-Tüte verpacken. Für die Enkel fallen noch zwei Gläschen mit Bonbons ab. „Ich komme jedesmal her, wenn ich meine Familie besuche“, sagt die Kundin und lobt die besondere Auswahl.

Mehr als 800 verschiedene Leckereien von ausgewählten, zumeist kleinen Herstellern hat mysupper im Angebot. „Wir haben eine Spürnase für Menschen, die mit Leidenschaft besondere Lebensmittel herstellen“, sagt die Gründerin über die Produktauswahl, die oft wechselt. Schwerpunkt sind regionale Hersteller, aber es gibt auch Nudeln aus Italien, Wein aus Franken, Marmelade aus Tirol, Haselnuss-Likör aus Berlin und Keramikgeschirr aus Portugal.

Weihnachten ist die Hölle los

Angefangen hat es vor zehn Jahren. Gemeinsam mit Werberin Bianca König hatte Pink-Hildebrandt, die aus dem Journalismus kommt und Mutter von drei Kindern ist, ihren Online-Spezialitätenversand mysupper (englisch für „mein Abendessen“) gestartet. „Die Grundidee war unsere Leidenschaft für gutes Essen“, sagt die Hamburgerin. Viele kleine Manufakturen und Hersteller, stellten die Gründerinnen fest, machten zwar tolle Sachen, verfügten aber weder über Kapazitäten noch Erfahrungen, sich und ihre Produkte zu vermarkten. Die Gründerinnen mieteten den kleinen Laden unweit des S-Bahnhofs Sternschanze als Lager und legten los. Erste Lieferantin war eine Biologin, die Gewürzmischungen in Keramikmühlen verkaufte. Schon kurz nach dem Start beschlossen die Geschäftsfrauen, ihre Waren auch in einem Laden anzubieten. „Die Kunden standen vor der Tür und wollten rein.“

Auch das Konzept von mysupper wandelte sich. Mitgründerin Bianca König schied aus, inzwischen gehören Kerstin Kuß, Stefanie Kalms und Katrin Lahrtz – alle aus unterschiedlichen Bereichen der Kreativ- und Kulturszene – zum Team. Das Sortiment wächst. Auch zahlreiche Firmen haben die Geschenkerei entdeckt und lassen von mysupper Präsenttüten oder auch -boxen füllen. „Weihnachten ist bei uns die Hölle los“, sagt Pink-Hildebrandt. Bei Großaufträgen mieten sich die Geschenke-Ladys auch schon mal in eine Lagerhalle ein. „Aber wir packen und stempeln immer noch jede Tüte von Hand“, sagt sie und erinnert sich an Tage, an denen sie knietief in Holzwolle stand.

Mittlerweile läuft das Geschäft profitabel

Inzwischen läuft das Geschäft profitabel mit einem Jahresumsatz von 250.000 Euro. „Und gefühlt haben wir mit der Kundenakquisition nicht einmal richtig begonnen“, sagt Pink-Hildebrandt. 2018 hat sie den Onlineshop geschlossen. „Es hat sich für uns einfach nicht gelohnt. Die Menschen wollen sehen, fühlen und schmecken.“ Dazu kommt die Beratung. Immer wieder gebe es sehr spezielle Anfragen, sagt die mysupper-Gründerin. Etwa wenn es ein Geburtstagsgeschenk sein soll, für eine Frau um die 40 Jahre, die gerne kocht, aber gerade abnimmt. „Nicht selten bekommt man auch Lebensgeschichten erzählt.“ Die Preise für die Tüten liegen in der Regel rund um 30 Euro.

Der Bestseller ist „Eine Tüte Glück“. Das ist ja bekanntlich für jeden etwas anderes. Bei mysupper sind es Küchen-Basics von Olivenöl über Basilikum-Pesto bis zu einer Feige, ummantelt mit Salzkaramell und Schokolade. So ein Abendessen kann schon glücklich machen.