Startbahn und Landebahn

Flughafen Hamburg schafft Einbahnstraße bei Abflug ab

Martin Fritzsche, Projektleiter am Flughafen Hamburg, neben einer der in den Boden eingelassenen Lampen der neuen Doppelrollgasse auf dem Vorfeld 1. Dieser Rollweg wird durch orange und blaue Lichter markiert.

Martin Fritzsche, Projektleiter am Flughafen Hamburg, neben einer der in den Boden eingelassenen Lampen der neuen Doppelrollgasse auf dem Vorfeld 1. Dieser Rollweg wird durch orange und blaue Lichter markiert.

Foto: Michael Rauhe

Das Vorfeld in Fuhlsbüttel wird umgebaut. Flugzeuge können schneller zu ihren Parkpositionen – und Passagiere profitieren.

Hamburg.  Auf eine Fläche von 330.000 Quadratmetern passen immerhin 46 Fußballfelder – und ein solches Areal würde spontan kaum jemand als beengt ansehen. Nach den Maßstäben eines Flughafenbetreibers stellt sich das jedoch ganz anders dar. „Wir haben ein sehr kleines Vorfeld“, sagt Martin Fritzsche, Manager am Hamburg Airport. Er leitet dort ein Projekt, das dazu beitragen soll, die 330.000 Quadratmeter des vor den Terminalgebäuden gelegenen Vorfelds 1 effizienter zu nutzen und damit die Zeit, die Passagiere in den Jets am Boden verbringen müssen, spürbar zu verkürzen.

Bis Juni gab es auf diesem Hauptvorfeld nur einen einzigen einspurigen Rollweg, auf dem sich die Flugzeuge nach der Landung zu ihrer Parkposition oder vor dem Abflug zur Startbahn bewegen konnten. Das bedeutet: Wenn ein Jet bereit war, mittels eines Schleppers vom Terminal weg auf das Vorfeld geschoben zu werden, während ein gerade zuvor gelandetes Flugzeug auf dem Weg zu seinem Flugsteig hinter der ersten Maschine vorbeirollen musste, dann war diese gezwungen, mit dem so genannten Pushback“ noch zu warten. Stand sie dann aber erst einmal auf dem Rollweg, mussten umgekehrt andere Flieger warten, bis der Pilot des abfliegenden Jets die Triebwerke angelassen und von den Lotsen die Rollgenehmigung eingeholt hatte. „Das kann schon einmal bis zu fünf Minuten dauern“, erklärt Fritzsche.

Bis zu 40 Flugbewegungen pro Stunde

Doch statt der bisherigen „Einbahnstraße“ gibt es nun seit Juni auf dem Vorfeld zwei parallel verlaufende Rollwege, die ein Überholen sowie auch Gegenverkehr zulassen. Das verringert Wartezeiten, die sich gerade zu den verkehrsreichsten Tageszeiten mit bis zu 40 Flugbewegungen pro Stunde immer wieder ergeben. Insgesamt habe man bisher eine Verbesserung um bis zu zu zehn Prozent verzeichnen können, sagt Fritzsche. Damit nimmt auch der Lärm durch den Bodenverkehr ab und die CO2-Emissionen sinken wegen kürzerer Triebwerklaufzeiten ebenso.

In der englischen Fachsprache der Vorfeldlotsen heißen die beiden neuen Trassen der Doppelrollgasse „Zulu 1 Orange“ und „Zulu 1 Blue“. Sie werden durch Markierungslinien in Orange beziehungsweise Blau gekennzeichnet, sind in einem Abstand von 44 Metern voneinander angelegt und können von Maschinen bis zu den Abmessungen eines Airbus A320 oder einer Boeing 737 genutzt werden. „Flugzeuge bis zu dieser Größenordnung machen ungefähr 97 Prozent unseres Verkehrs aus“, sagt der Projektleiter. Für größere Flugzeuge, etwa die vom Ferienflieger Condor eingesetzten Boeing 757 oder den Airbus A380 von Emirates, steht weiterhin die mittig über das Vorfeld führende bisherige Trasse „Zulu 1 Center“ mit ihrer gelben Leitlinie zur Verfügung.

Allerdings bringt dieses Doppelrollgassen-System außer einer Verbesserung der Effizienz auch mehr Komplexität an Kreuzungspunkten mit sich. Um zu verhindern, dass Piloten falsch abbiegen und um die Vorteile der neuen Wegeführung optimal nutzen zu können, installiert der Flughafen Hamburg daher zudem ein innovatives Leitverfahren mit der Bezeichnung „Follow the Greens“. Der Name bezieht sich auf die in den Boden eingelassenen Lampen mit grünem Licht, die – außer den aufgemalten Farbstreifen – die Rollwege markieren.

Neues Lichtleitsystem

In Hamburg sind die beiden Spuren der neu angelegten Doppeltrasse außerdem dadurch gekennzeichnet, dass jeweils jede zweite Lampe in Blau beziehungsweise in Orange leuchtet. „Wären alle diese Lichter gleichzeitig eingeschaltet, sähe es bei Dunkelheit für die Piloten aber aus wie auf dem Winterdom oder auf einem Weihnachtsmarkt“, sagt Fritzsche. Darum sieht das Follow-the-Greens-Konzept vor, dass auf dem Rollweg immer nur der Abschnitt, der unmittelbar vor dem fahrenden Jet liegt, beleuchtet ist. Dahinter erlöschen die Lichter wieder.

So kann man dem Piloten die Strecke und eventuelle Abzweigungen buchstäblich vor Augen führen, was potenziell gefährliche Irrtümer vermeiden kann. Denn bisher ist es international üblich, der Cockpit-Besatzung die Namen der einzelnen Abschnitte des gesamten Weges am Boden per Funk zu übermitteln. Das kann auf einem großen Flughafen eine sehr lange Folge von Anweisungen ergeben, die der Pilot zunächst alle notieren und dann Schritt für Schritt befolgen muss.

Rund 1900 Leitlampen im Vorfeldboden

Weltweit ist „Follow the Greens“ unter anderem in London-Heathrow, Dubai und Seoul in Betrieb oder im Aufbau. In Deutschland spiele Hamburg aber die Rolle des Pioniers unter den Flughäfen, so Fritzsche: „Alle schauen gespannt auf uns.“ Das Ziel des Follow-the-Greens-Projekts ist eine automatische, an die Geschwindigkeit des Flugzeugs angepasste Schaltung der Lichtketten. Bisher erfolgt dies in Hamburg noch von Hand. „Mittelfristig“ soll aber ein computergesteuertes, „intelligentes Leitverfahren“ in Betrieb gehen, das stets die ideale Rollroute errechnet und den Verkehr auf dem Hauptvorfeld noch weiter optimiert. Damit komme man voraussichtlich über die schon jetzt gemessene Verbesserung des Verkehrsflusses um bis zu zehn Prozent noch hinaus, erwartet der Projektleiter. Außerdem soll das Follow-the-Greens-Verfahren künftig noch auf weiteren Flächen ausgedehnt werden. Im Endzustand wird man dafür rund 1900 Lampen – alle 15 Meter eine, in Kurven beträgt der Abstand nur 7,5 Meter – installiert haben.

Alle diese Arbeiten erfolgen im Rahmen der im März 2016 begonnenen Erneuerung des Vorfelds 1. Derzeit läuft auf rund 20.000 Quadratmetern fernab der Terminals die achte von insgesamt zehn Bauphasen. Fluggastbrücken sind davon nun nicht mehr betroffen. Ende 2020 soll das gesamte Vorhaben abgeschlossen sein. Die rund 120 Millionen Euro teure Investition wurde nach Angaben des Flughafens notwendig, weil die inzwischen 40 bis 60 Jahre alten Betonflächen des Vorfelds allmählich das Ende ihrer Lebensdauer erreichen.