Retouren

Amazon und Co.: Was tun gegen die „perverse Verschwendung“?

Was passiert mit der Ware, wenn sie an den Onlinehändler zurückgeschickt wird? Einiges von dem wird einfach zerstört.

Was passiert mit der Ware, wenn sie an den Onlinehändler zurückgeschickt wird? Einiges von dem wird einfach zerstört.

Foto: Michael Gottschalk/photothek.net / imago/photothek

Der Online-Handel boomt. Doch eine Menge der Waren wird zurückgesandt, ein Teil landet im Müll. Dabei könnte man die Waren spenden.

Berlin. Zu groß bestellte Hosen, Pullover in der falschen Farbe oder defekte Kameras: Es gibt viele Gründe, weshalb Kunden eine online gekaufte Ware nicht behalten wollen. Geschätzt 490 Millionen Artikel schicken die Deutschen pro Jahr wieder an die Versandhändler zurück. Die meisten Produkte können anschließend noch als Neuware verkauft werden. Einen kleineren Teil der Retouren schlagen die Händler als B-Ware los. Und einen noch kleineren Rest vernichten sie, weil er unverkäuflich ist. Nach Angaben von Wissenschaftlern der Universität Bamberg landen rund 20 Millionen der Retouren am Ende im Müll – ein Anteil von immerhin vier Prozent.

Das Bundesfinanzministerium hat nun einen Weg gefunden, wie es für Online-Händler finanziell attraktiver sein kann, die von Kunden zurückgeschickte Ware zumindest für einen guten Zweck zu spenden. Damit wäre die Vernichtung der Retouren nicht mehr automatisch die billigste Variante, um sich von unverkäuflichen Produkten zu trennen. Umweltschützer hatten diese Praxis mehrfach scharf kritisiert.

In einer Antwort auf eine Frage der Grünen-Bundestagsfraktion, die unserer Redaktion vorliegt, erklärt die parlamentarische Finanzstaatssekretärin Sarah Ryglewski (SPD), wie Versandhändler Ware verschenken können, ohne die sonst bei Sachspenden übliche Umsatzsteuer zahlen zu müssen. Eine generelle Befreiung auf diese Steuer sei leider „rechtlich nicht möglich“, schreibt Ryglewski. Die Firmen könnten aber den Marktwert der Produkte, die sie sonst vernichten würden, „entsprechend gering“ ansetzen. „In diesen Fällen wird entweder keine oder nur eine geringfügige Umsatzsteuer entstehen“, fasst die Staatssekretärin zusammen.

Katrin Göring-Eckardt: „Das ist eine perverse Ressourcenverschwendung“

Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt fordert Finanzminister Olaf Scholz (SPD) nun auf, diese Möglichkeit zu nutzen. „Die Bundesregierung muss aufhören, die Vernichtung von brauchbaren Waren steuerlich zu bevorteilen“, sagte sie unserer Redaktion. „Das ist eine perverse Ressourcenverschwendung.“ Es sei absurd, dass Unternehmen draufzahlen müssten, wenn sie Rückläufer, Produkte aus der vergangenen Saison oder andere nicht verkäufliche Waren spenden und eben nicht vernichten würden. „Das betrifft übrigens nicht nur den Online-Handel, sondern alle Unternehmen, vom Klamottenladen bis zum Baumarkt.“

Konkret verlangen die Grünen von Scholz, dass er den Finanzämtern die nötigen Anweisungen erteilt, wie sie mit Sachspenden steuerlich verfahren sollen. „Die Spielräume, solche gravierenden Fehlanreize zu beheben, gibt es bereits“, sagt Göring-Eckardt. Es sei aber kein Schreiben des Bundesfinanzministeriums oder eines Länderfinanzministeriums bekannt, das diese Spielräume klar benenne. An ihrer bekannten Forderung, die Vernichtung von Retouren komplett zu verbieten, hält sie weiterhin fest. Es sei nun aber klar, dass das Spenden der Produkte finanziell attraktiv gemacht werden könne.

Vernichtung von zurückgeschickter Ware spielt eine untergeordnete Rolle

Im Sommer hatte bereits das Bundesumweltministerium „dringenden Handlungsbedarf“ angemahnt. „Die unmittelbare Vernichtung von Retourware und sonstigen gebrauchsfähigen Produkten ist unter dem Aspekt des Umwelt- und Ressourcenschutzes nicht länger hinzunehmen“, hatte Staatssekretär Jochen Flasbarth erklärt. Er kündigte an, das Kreislaufwirtschaftsgesetz zu überarbeiten. Diese Reform werde „die Möglichkeit eröffnen, zukünftig den Online-Händlern vorzuschreiben, was sie mit Retourenware machen dürfen und was nicht“, sagte Flasbarth.

Tatsächlich weist ein erster Entwurf für ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz auf die besondere „Produktverantwortung“ von Herstellern und Händlern hin: „Bei einem Vertrieb der Erzeugnisse ist dafür zu sorgen, dass deren Gebrauchstauglichkeit erhalten bleibt und diese nicht zu Abfall werden“, heißt es in dem Entwurf aus dem August.

Einer der wenigen Experten, der sich wissenschaftlich mit Retouren befasst, ist Björn Asdecker, Logistik-Experte an der Universität Bamberg. Er meint, die Vernichtung von zurückgeschickter Ware spiele im Versandhandel eine untergeordnete Rolle. Wenn Produkte von Händlern vernichtet würden, dann seien es Geräte oder vor allem Kleidungsstücke, die gar nicht erst in den Verkauf gelangt seien.

Amazon, Otto und Zalando bereiten Retouren neu auf

Leider gebe es bislang keine ausreichenden Daten dazu, in welchem Zustand sich die Ware befinde, die vernichtet wird, sagt Asdecker. Bekannt sei aber, dass sich die Ware in der Regel nicht mehr oder nur noch mit großem Aufwand aufbereiten lasse. Dass auch intakte Produkte oft nicht gespendet würden, könne tatsächlich steuerliche Gründe haben.

Die Online-Händler selbst halten die Debatte für überzogen. Große Unternehmen wie Amazon, Otto oder Zalando erklärten im Sommer, sie würden schon aus eigenem Interesse die Zahl der Retouren so klein wie möglich halten und zurückgegebene Ware weitestgehend wieder aufbereiten und neu anbieten.