Handwerk

„Meister verdienen in ihrem Leben zwei Millionen Euro“

Der neue Präsident Hjalmar Stemmann steht in der Handwerkskammer in Hamburg.

Der neue Präsident Hjalmar Stemmann steht in der Handwerkskammer in Hamburg.

Foto: Michael Rauhe

Der neue Handwerkskammer-Präsident Hjalmar Stemmann über die guten Perspektiven für den Nachwuchs und Verkehrsexperimente.

Hamburg.  Einen Schreibtisch benötigt der neue Präsident der Handwerkskammer Hamburg nicht. Dort, wo sein Vorgänger hinter einem halbrunden, repräsentativen Schreibtisch saß, hat Hjalmar Stemmann einen ovalen Meetingtisch mit mehreren Stühlen platzieren lassen. „Ich möchte mit meinen Gesprächspartnern auf Augenhöhe kommunizieren“, sagt er. Auch einen Computer sucht man vergebens. Alle wesentlichen Unterlagen hat er auf seinem Tablet. Stemmann möchte das Handwerk vor allem auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten.

Hamburger Abendblatt: Sie sind 100 Tage im Amt: Über welche Ereignisse haben Sie sich am meisten gefreut und geärgert?

Hjalmar Stemmann: Ich habe bisher über 230 Meisterbriefe unterschrieben. Wenn man bedenkt, dass diese Briefe die nächsten 40 Jahre in den Betrieben hängen werden, dann hat mich das emotional sehr bewegt. Nicht so erfreut war ich über die Verkehrsexperimente in der Stadt. Ja, wir brauchen eine neue Mobilität, aber dabei muss die Politik das Handwerk einbeziehen.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für das Handwerk?

Stemmann: Nachwuchsgewinnung, Mobilität und Digitalisierung sehe ich als die Schwerpunkte meiner Arbeit.

Wie läuft die Nachwuchsgewinnung?

Stemmann: Im Moment gut. Wir verzeichnen ein Plus von knapp acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Per Ende August waren 2350 Lehrverträge registriert. Damit liegen wir im Bundesvergleich weit vorn. Aber wir brauchen noch mehr Azubis. Es geht auch darum, viele von ihnen für die Meisterausbildung zu begeistern.

In der Politik wird wieder über eine Ausweitung der Meisterpflicht gesprochen. Was halten Sie davon?

Stemmann: Persönlich begrüße ich die Rückkehr zur Meisterpflicht für die Gewerke, die 2004 herabgestuft wurden. Meisterbetriebe sind in der Regel wirtschaftlich stabiler, liefern bessere Qualität und sorgen durch Ausbildung für den dringend benötigten Nachwuchs. Wenn diese Änderung kommt, werde ich mich mit den betreffenden Innungen zusammensetzen und besprechen, wie wir die neuen Regeln gewinnbringend für Hamburg und die Gewerke umsetzen.

Was haben Sie bei der Digitalisierung vor?

Stemmann: Hamburg braucht ein Kompetenzzen­trum für digitale Prozesse im Handwerk. Ob 3-D-Druck, digitales Verkaufen oder Mixed Reality: Solche Verfahren müssen stärker im Handwerk etabliert werden. Der Tischler kann dann mit Mixed Reality zeigen, wie das neue Möbelstück in der Wohnung des Kunden aussieht. In meinem eigenen Betrieb wenden wir den 3-D-Druck in der Zahntechnik bereits an, aber es geht darum, weitere Branchen wie Goldschmiede, Graveure oder Orthopädietechniker für die neue Technik zu gewinnen. Das Kompetenzzentrum fördert digitale Techniken im Handwerk, sorgt für einen Vorführeffekt in der Praxis und schafft schließlich die Verknüpfung von unterschiedlichen Gewerken. Denn wenn sich erst Plattformen wie Amazon zwischen die Handwerker und ihre Kunden geschoben haben, besteht die Gefahr, dass die Betriebe den direkten Kontakt zu den Endkunden verlieren und zu einer verlängerten Werkbank der Internetgiganten werden.

Wo soll das Kompetenzzentrum entstehen?

Stemmann: Da sind wir offen. Denkbar ist eine Ansiedlung am Elbcampus, dem Bildungs- und Kompetenzzentrum der Handwerkskammer oder an einer Hochschule.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Mobilität?

Stemmann: Mobilität ist für mich zweierlei. Einmal geht es dabei um Flächen für die Erweiterung des Handwerks in Hamburg. Denn es würden auch gern Betriebe aus dem Umland nach Hamburg zurückkommen, weil sie hier viele Kunden haben und in der Hansestadt auch leichter Fachkräfte akquirieren können. Das Handwerk muss stärker in den Bebauungsplänen berücksichtigt werden, und damit meine ich nicht nur den Laden für einen Uhrmacher in einem neuen Wohngebiet. Denn je näher Kunden und Handwerker zusammen sind, desto kürzer werden auch die Wege. Und damit komme ich zum zweiten Aspekt der Mobilität, die unsere Arbeit beeinflusst.

Sie meinen die Hamburger Verkehrsexperimente?

Stemmann: Klar ist, asiatische Verkehrsverhältnisse mit Dauerstaus können nicht unser Vorbild sein. Aber wenn die Politik mit dem Straßenraum experimentiert, dann muss sie auch das Handwerk mitreden lassen. Denn der Handwerker kann nicht mit einer Fünf-Meter-Leiter oder einer Badewanne durch Ottensen laufen. Es geht vor allem um unbürokratische und flexible Lösungen. Denn je schwerer die Anfahrt, umso länger die Wegezeit – und das muss der Kunde bezahlen.

Wie sind die Handwerksbetriebe für Elek­tromobilität gerüstet?

Stemmann: Das ist auch vom Gewerk abhängig. Im eigenen Unternehmen nutze ich einen E-Smart für Auslieferungen. Aber zahntechnische Produkte sind nicht schwer. Wenn aber größere Lasten bewegt werden müssen, so gibt es noch kein ausreichendes Angebot an Elektrofahrzeugen von den Herstellern. Dabei geht es vor allem um die Tragfähigkeit, weniger um die Reichweite. Denn viele Fahrten finden nur innerhalb der Stadt statt. Während der Arbeiten, steht das Fahrzeug und kann aufgeladen werden, was natürlich auch eine entsprechende Infrastruktur in den Wohngebieten voraussetzt.

Welche Perspektive können Sie einem Jugendlichen bieten, der sich für das Handwerk entscheidet – etwa im Vergleich zu einem Studium an einer Hochschule?

Stemmann: Die Perspektiven sind hervorragend. Als ich die Meisterbriefe unterschrieben habe, fiel mir auf, wie jung manche Meister sind, wenn sie diesen Abschnitt gemeistert haben. Manche sind erst 22 Jahre alt. Ein angestellter Meister verdient fast so gut wie ein Akademiker, wenn man die gesamte Lebensarbeitszeit betrachtet. So kommt ein angestellter Meister etwa auf ein Lebenseinkommen von zwei Millionen Euro, während ein Akademiker im Schnitt mit 2,1 Millionen Euro nur wenig mehr verdient. Außerdem ist die Sicherheit der Beschäftigung im Handwerk sehr hoch. Noch besser sind die finanziellen Perspektiven, wenn der Meister einen Betrieb übernimmt. Immerhin suchen 5000 Betriebe in den nächsten Jahren einen Nachfolger.

Wie viele Flüchtlinge machen eine Ausbildung im Handwerk?

Stemmann: Es gibt einen starken Zuwachs. Hatten 2016 erst 3,1 Prozent aller Azubis im Hamburger Handwerk einen Fluchthintergrund, waren es 2018 bereits zehn Prozent, wenn man alle drei Ausbildungsjahre berücksichtigt. Die Flüchtlinge machen ihre Ausbildung vor allem als Elektroniker, Friseur, Anlagenmechaniker Sanitär Heizung Klima oder Kfz-Mechatroniker. Im vergangenen Jahr kamen bereits 14,5 Prozent aller neuen Azubis, die eine Lehre begonnen haben, aus den acht wichtigsten Fluchtländern wie Afghanistan, Irak, Syrien oder Somalia.

In welchen Branchen müssen die Kunden am längsten auf einen Handwerker warten, wird sich das noch mal verbessern?

Stemmann: Monatelange Wartezeiten gibt es vor allem in den Bau- und Ausbaugewerken. Und ich denke, der Kunde muss sich zunächst mit dieser Lage arrangieren. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Konjunktur in diesem Bereich einbricht, denn die Wohnungsbauoffensive in Hamburg bindet viele Gewerke. Wie Sie berichtet haben, gibt es aber auch bei den Uhrmachern lange Wartezeiten.

Dem Handwerk geht es sehr gut, ergeben sich daraus auch Gefahren für die Branche?

Stemmann: Die Zeit übervoller Auftragsbücher ist nicht gerade die Zeit, die strategische Ausrichtung des Unternehmens zu hinterfragen oder Mitarbeiter zu Fortbildungen über neue Technologie zu schicken. Das ist ein gewerkeübergreifendes Problem. Doch es besteht natürlich die Gefahr, dass die Betriebe dann den Anschluss verlieren, wenn die Konjunktur wieder schwächer wird.

Wie läuft die Vermietung der Meistermeile?

Stemmann: Sehr gut. Nach der Eröffnung Mitte Juni sind jetzt 60 Prozent der Flächen vermietet. Mitte Juni waren es 42 Prozent. Damit stehen wir besser da als das Vorbild in München. Dort waren nach einem Jahr erst 50 Prozent vermietet. Für Ende des Jahres erwarten wird, dass dann 75 Prozent der Flächen belegt sind.