Mobilität

Nur jeder zehnte Bahnhof in Deutschland hat noch Personal

Personal: Fehlanzeige. An 92 Prozent der Bahnhöfe in Deutschland gibt es keine Servicemitarbeiter.

Personal: Fehlanzeige. An 92 Prozent der Bahnhöfe in Deutschland gibt es keine Servicemitarbeiter.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

An immer mehr Haltestellen in Deutschland stehen Automaten statt Bahnmitarbeiter. Die Kommunen müssen für Belebung der Bahnhöfe sorgen.

Berlin. Bei vielen existieren nur noch die Gleise und Bahnsteige. Sowie ein Ortsschild der Station. Die Fenster und Türen des Gebäudes sind vernagelt. An der Hauswand hängt ein Fahrplan mit Abfahrten und Ankünften. Auf dem Bahnsteig steht ein Ticketautomat, dazu ein Automat mit Getränken und Süßigkeiten. Auf einer digitalen Anzeige wird der nächste Zug angekündigt, die Stimme kommt vom Band. Auf einer Bank warten zwei Reisende.

Wer mit dem Zug übers Land durch Deutschland reist, für den ist dieses Bild keine Ausnahme. Viele Bahnhöfe in der Region existieren nicht mehr im klassischen Sinne mit Bahnhofswärter, Fahrkartenschalter, Kiosk und Warteraum, sondern sind nur noch reine Halte­stationen. Bahnpersonal: Fehlanzeige.

Kritik von der Linken: „Es braucht Personal“

An 92 Prozent aller rund 5660 Bahnhöfe in Deutschland gibt es heute kein Servicepersonal mehr, berichtet das Bundesverkehrsministerium auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag. Konkret haben die Reisenden an 5213 Bahnhöfen in der Republik keinen Ansprechpartner mehr, um sich Reiseauskünfte einzuholen oder Tickets persönlich am Schalter zu kaufen. In Ostdeutschland sind 1427 Bahnhöfe nicht mehr mit Servicepersonal besetzt.

„Wenn an mehr als 5000 Bahnhöfen kein Servicepersonal anzutreffen ist und an keinem einzigen Regionalbahnhof, dann läuft etwas schief“, meint Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Die Bahn werde nur attraktiv, wenn sie auch dem Sicherheitsempfinden ihrer Kunden gerecht werde, meint der Politiker: „Das geht nicht mit einer Bahn-App auf dem Handy, dafür braucht es Personal.“

Fahrgastverband Pro Bahn hat Verständnis

Der Fahrgastverband Pro Bahn bewertet die Situation deutlich weniger rigoros. „Es ist wirtschaftlich nachvollziehbar, dass nicht mehr jeder Bahnhof mit Bahnpersonal besetzt ist“, sagt der Ehrenvorsitzende von Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, unserer Redaktion.

„Manchmal ist es sinnvoller, die Frequenz der Züge zu erhöhen, statt an wenig besuchten Bahnhöfen Personal zu positionieren. Beides kostet Geld. Und auch die Bahn kann nur jeden Euro einmal ausgeben.“

Deutsche Bahn: Seit zehn Jahren kein Personalabbau

Bundesweit kümmern sich laut Deutscher Bahn rund 11.000 Mitarbeiter um die Belange der Kunden. „Wir haben seit zehn Jahren in dem Bereich kein Personal abgebaut und haben dies auch nicht in Zukunft vor“, sagte eine Bahnsprecherin unserer Redaktion. Konkret beschäftigt die Bahn 3000 Servicemitarbeiter, vor allem an großen Bahnhöfen – sie informieren und unterstützen Reisende.

Hinzu kommen 2300 Berater in den Reisezentren und 2000 Reinigungskräfte. 4000 Mitarbeiter arbeiten in der DB Sicherheit, gehen Streife auf den Bahnhöfen, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Hinzu kommen 5000 Beamte der Bundespolizei.

Technik und Digitalisierung haben das Bahnfahren verändert

„Bahnfahren ist heute nicht mehr wie vor 100 Jahren, sondern im Wandel. Viele Aufgaben des Bahnpersonals werden mittlerweile von der Technik oder Digitalisierung übernommen“, berichtet auch Karl-Peter Naumann.

So müsste kein Bahnbeschäftigter mehr per Hand die Weichen stellen, eine Signalkelle zur Abfahrt heben oder pfeifen. „Es ist heute wichtig, dass die größeren Bahnhöfe und Knotenbahnhöfe gut mit Personal besetzt sind.“ Und dies sei in der Regel der Fall.

Reisebüros und Arztpraxen ziehen in die alten Bahnhöfe ein

Entscheidend sei auch, dass die Bahnhöfe lebendig sind. Dies könne aber auch über kommunale oder private Initiativen erfolgen. So habe Cuxhaven mit einer Bürgerinitiative den Hauptbahnhof der Stadt übernommen, dort ein Jugendzentrum, eine Bäckerei und Druckerei installiert, die für neues Leben in dem Gebäude sorgen, nennt Naumann ein Beispiel.

In andere frühere Bahnhöfe, die von dem Staatskonzern verkauft wurden, sind mittlerweile Hotels, Gaststätten, Privatleute oder auch Standesämter, Reisebüros, Arztpraxen oder buddhistische Zentren eingezogen. Gibt es dann noch ein ansprechendes Café, sei dies eine sinnvollere Belebung einer Haltestelle als durch einen Mitarbeiter auf dem Bahnsteig, so Naumann.

Fast die Hälfte der Tickets wird schon im Internet gekauft

Aber auch der Fahrkartenkauf und die Reiseplanung hat sich bei vielen Reisenden durch die Digitalisierung verändert. „Bereits 44,7 Prozent aller Ticketeinnahmen hat die Bahn 2018 durch das Internet erzielt“, berichtet die Bahn-Sprecherin. Tendenz steigend. Im Jahr 2016 waren es lediglich 35,2 Prozent. Täglich rufen allein 2,6 Millionen Menschen die App der Bahn auf, um sich über Verbindungen zu informieren oder Tickets zu buchen.

Auch die Sicherheit werde durch immer mehr Videotechnik optimiert. Allein 32.000 Kameras sind bereits in S-Bahnen und Regionalzügen montiert, weitere 7400 Kameras an rund 1100 Bahnhöfen. Je nach Lage werde Personal zudem „bedarfsgerecht“ an den Bahnhöfen eingesetzt, so die Bahn-Sprecherin.

Was alle Bahnhöfe – auch ohne Personal – künftig haben sollen, seien Fahrpläne und „dynamische Schriftanzeigen“, die auf Laufbändern am Gleis über Abfahrtzeiten und Zugausfälle informieren.