Verkehr

Erster autonomer Bus fährt bald in Hamburg

Markus Schlitt von Siemens, Matthias Kratzsch von der Firma IAV, Wirtschaftssenator Michael Westhagemann und Hochbahnchef Henrik Falk (v.l.) mit dem E-Kleinbus in der HafenCity.

Markus Schlitt von Siemens, Matthias Kratzsch von der Firma IAV, Wirtschaftssenator Michael Westhagemann und Hochbahnchef Henrik Falk (v.l.) mit dem E-Kleinbus in der HafenCity.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Elektrofahrzeug soll noch im August Probebetrieb in der HafenCity aufnehmen. Vom kommenden Jahr an können Fahrgäste befördert werden

Hamburg.  Der neueste Bus der Hochbahn ist nur fünf Meter lang und kann gerade einmal zehn Personen befördern, dafür hat er aber einen Elektroantrieb – und er braucht keinen Fahrer mehr. Im August soll der Probebetrieb des Projekts Heat (Hamburg Electric Autonomous Transportation) in der HafenCity starten, zunächst allerdings noch ohne Fahrgäste und mit einem „professionellen Fahrzeugbegleiter“, der im Notfall eingreifen kann. Von Mitte 2020 an soll der gedrungen wirkende Shuttlebus erstmals Gäste mitnehmen, bis spätestens Oktober 2021, rechtzeitig zum Weltkongress für Intelligente Verkehrssysteme (ITS) in der Hansestadt, wird er ohne Begleitpersonal unterwegs sein.

Ein solches Projekt sei „ziemlich einzigartig auf der Welt“, sagte Wirtschafts- und Verkehrssenator Michael Westhagemann (parteilos). Versuche mit autonomen Fahrzeugen gebe es viele, neu sei aber, dass der Kleinbus vollständig in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) eingebunden wird. Der Bus solle zudem bis zu 50 Kilometer pro Stunde fahren, während die Fahrzeuge in anderen Modellversuchen nur mit bis zu 15 km/h unterwegs seien, sagte Matthias Kratzsch, Geschäftsführer der Berliner Firma IAV (Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr), die den Kleinbus entwickelt hat.

In der ersten Phase bis Mitte 2020 wird der weiß-rote Minibus jedoch ebenfalls nur mit niedriger Geschwindigkeit auf der Strecke Am Sandtorkai–Am Sandtorpark–Am Dalmannkai–Großer Grasbrook fahren. In Shuttlebussen dieser Größenordnung sieht Hochbahnchef Henrik Falk, der das erste Fahrzeug am Mittwoch gemeinsam mit Senator Westhagemann an den Magellan-Terrassen vorstellte, auch eine mögliche ÖPNV-Lösung für Regionen am Stadtrand mit eher wenigen Fahrgästen: „Dort, wo es keinen Sinn macht, große Busse einzusetzen, kann so ein Shuttle eine vernünftige Alternative sein.“

Einsatz im regulären Betrieb noch weit entfernt

Von einem Einsatz im regulären Betrieb ist man aber noch weit entfernt. So dürfen zunächst nur Fahrgäste, die eine besondere Einweisung erhalten haben, im kommenden Jahr in den Heat-Bus einsteigen. Sie müssen laut Hochbahn „ein Schulungsvideo anschauen, Datenschutz- und Haftungsrichtlinien zustimmen und angeben, wann sie mitfahren wollen.“ Später soll diese Vorbereitung wegfallen. Die Fahrt wird nach Angaben der Hochbahn kostenfrei sein, obwohl auch normale HVV-Haltestellen angesteuert werden.

Von 2021 an wird die Teststrecke auf die volle Länge von 1,84 Kilometern erweitert, der Shuttlebus fährt dann den Kaiserkai entlang bis zur Elbphilharmonie, direkt an ihr vorbei und am Sandtorkai wieder zurück. Bisher ist noch nicht entschieden, ob gegen Ende der Projektphase zwei oder sogar drei Fahrzeuge an der Erprobung teilnehmen.

Bei der Vorstellung der Pläne im Juni 2018 war noch von einem Start des Modellversuchs im Frühjahr 2019 und einer Streckenlänge von rund 3,6 Kilometern die Rede gewesen. Man habe die Teststrecke aber wegen der „Großbauprojekte in der HafenCity“ verkürzen müssen, und das Fahrzeug, das ohne Lenkrad und Außenspiegel auskommt, habe erst Mitte Juli die Zulassung für den Probebetrieb erhalten, hieß es jetzt.

Siemens stellt die straßenseitige Infrastruktur

Zu den Projektpartnern gehört der Siemens-Konzern. Er stellt die straßenseitige Infrastruktur: Entlang der Strecke werden zwischen 20 und 30 Masten errichtet, an denen Radargeräte und Lasersensoren (Lidar-Verfahren) sowie eine Art WLAN-Sender zur Übertragung der Daten in das Fahrzeug montiert sind. Zwar ist auch der Minibus selbst mit fünf Radar- und acht Lidar-Detektoren ausgestattet, die es dem Bordcomputer erlauben, das nähere Umfeld zu erfassen. Um gewissermaßen vorausschauend fahren und heftige Bremsmanöver möglichst vermeiden zu können, sei es aber hilfreich, wenn das autonome Fahrzeug „um die Ecke gucken“ könne, sagte Markus Schlitt, Leiter des Bereichs Intelligent Traffic Systems bei Siemens Mobility. „Für uns ist dies ein europaweites Leuchtturmprojekt“, so Schlitt.

Die Laserscanner liefern nach Angaben von Siemens keine Bilder, auf denen die Identität von Menschen erkennbar sei. Der Bus hingegen ist mit Kameras ausgerüstet, auch zur Überwachung des Innenraums. Wie die Hochbahn-Projektleiterin Natalie Rodriguez sagte, wurde ein detailliertes Datenschutzkonzept ausgearbeitet. Auch wenn später kein Begleitpersonal mehr mitfährt, hat die Leitzentrale Zugriff auf wichtige Funktionen des Busses und kann Hilfe anfordern, wenn ein Fahrgast dringend einen Arzt benötige. Der vier Tonnen schwere Shuttlebus ist barrierefrei und mittels einer Rampe auch von Rollstuhlfahrern benutzbar. Die Batterie für den Elektroantrieb wird bei Vattenfall geladen.

Zweites Projekt

Ewald Aukes, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion, begrüßte den Start des Modellversuchs: „Wir freuen uns, dass autonomes Fahren in der HafenCity getestet wird. Hier wird deutlich, wie Verkehr von morgen aussehen kann.“ Allerdings dürfe der Senat nicht die Verkehrspolitik von heute vernachlässigen: „Hamburg braucht endlich ein transparentes Baustellenmanagementsystem und muss die Einführung von Elektro- und Wasserstoffbussen stärker vorantreiben.“

Im Bestreben, Hamburg als „Modellstadt für intelligente Mobilität“ zu etablieren, hat der Senat gemeinsam mit Volkswagen noch ein zweites Projekt für autonomes Fahren auf den Weg gebracht: Seit April sind fünf Elektro-Golfs voll automatisiert auf einer Strecke rund um die Messehallen unterwegs. Auch hier ist aber aus Sicherheitsgründen ein geschulter Fahrer an Bord.