Schmuck

Die Norderstedterin, die Deutschland mit Perlen schmückt

Importeurin Marion Puls mit sogenannten Perlensträngen, aus denen ihre
Kunden später Halsketten fertigen.

Importeurin Marion Puls mit sogenannten Perlensträngen, aus denen ihre Kunden später Halsketten fertigen.

Foto: Michael Rauhe

Marion Puls importiert jedes Jahr Hunderttausende Zuchtperlen. Aber Großhändlerin zu sein, genügt ihr nicht mehr.

Norderstedt.  Marion Puls hat den Inhalt eines Plastiktütchens vor sich auf dem Arbeitstisch ausgebreitet, dann greift sie zu einer Bambuspinzette und beginnt zu sortieren. Zielsicher findet ihre Hand unter den vielen Dutzend Perlen zwei Exemplare, die in Form und Farbe sehr gut zueinander passen, legt sie nebeneinander, vergleicht, legt manchmal ein, zwei weitere Perlen dazu, vergleicht erneut. „Wir werden Ohrstecker daraus machen“, sagt die Firmenchefin, „da müssen beide Perlen schon perfekt zusammenpassen.“ Erst, wenn ihr geschultes Auge keine Unterschiede mehr erkennt, ist Marion Puls zufrieden.

Keiner holt mehr Perlen nach Deutschland

Gut 24.000 Paar Perlenohrstecker aus Silber und Gold hat ihr in Norderstedt ansässiges Unternehmen DI PERLE im vergangenen Jahr gefertigt und an Juweliere in halb Europa geliefert. „Ich glaube nicht, dass es ein anderes deutsches Unternehmen gibt, dass so viele herstellt“, sagt die 52 Jahre alte Großhändlerin. Gemessen am Umsatz gehöre DI PERLE wohl zu den vier größten Importeuren hierzulande. Gemessen an der Zahl der Perlen, die sie nach Deutschland holt und an zumeist kleinere Juwelier- und Goldschmiedefirmen weiterverkauft, dürfte die Firma nach Einschätzung der Inhaberin und Geschäftsführerin sogar vorn liegen.

Erst Handelsvertreterin, jetzt Großhändlerin

Das ist umso erstaunlicher, weil DI PERLE erst Anfang 2000 gegründet wurde, Norderstedt fernab der Schmuckzentren Pforzheim und Idar-Oberstein liegt und Puls Quereinsteigerin in der Branche ist. Gelernt hat sie Bauzeichnerin, doch die Festanstellung in der öffentlichen Verwaltung gab sie mit Mitte 20 auf, um das Juweliergeschäft ihrer damaligen Schwiegereltern in Bordesholm zu übernehmen. Weil es ihr in der Kleinstadt zu eng wurde, übernahm sie einige Jahre später ein anderes Juweliergeschäft in Hamburg-Osdorf, gab es nach einiger Zeit aber wieder auf. Puls wechselte als selbstständige Handelsvertreterin zu einem Perlengroßhändler. Als der einige Jahre später aufhörte und die Übernahme der Firma nicht zustande kam, gründete sie mit einer Kollegin einen eigenen Großhandel. Seit mehr als 15 Jahren ist sie nun Alleininhaberin.

Bis zu 60 Perlen pro Muschel

Die naturfarbenen Süßwasserperlen für die Ohrstecker hat Puls bei einer ihrer jährlich drei bis vier Einkaufsreisen nach Hongkong, dem weltweiten Zentrum des Perlenhandels, geordert. Was künftig die Ohrläppchen einer Frau zieren soll, ist in den Teichen einer Muschelfarm in China binnen etwa vier Jahren entstanden. Dort werden die Muscheln mit minimalen Eingriffen animiert, in ihrem Inneren Perlen wachsen zu lassen. Es können bis zu 60 in einem Tier sein. Erfunden wurde die kommerzielle Perlenzucht vor etwa 100 Jahren in Japan, heute dominieren Zuchtperlen aus Farmen den Weltmarkt. „Dass Perlentaucher Muscheln aus dem Meer holen, gibt es im Grunde nicht mehr. Naturperlen werden quasi gar nicht mehr gehandelt“, sagt Hans Busse, der im Unternehmen für die Finanzen und das Marketing zuständig ist. Aus dem Geschäftspartner, den die Perlenexpertin Puls einst für diese Aufgaben in ihre Firma holte, wurde erst ihr Lebens- und dann der Ehepartner.

Gezüchtet in China und Polynesien

Neben Süßwasser- gehören Akoya-, Tahiti- und Südseeperlen zu den vier großen Arten. Gezüchtet werden sie vornehmlich in China, Japan, Vietnam, Australien, Indonesien, Polynesien. Die Zahl der Variationen in Form, Farbe, Größe, mit oder ohne Kern und dem „Lüster“ genannten Schimmer sind für den Laien kaum überschaubar – und wächst noch durch die Aufbereitung für den Handel. Gebohrt, angebohrt, ungebohrt, kugelrund in Größen zwischen 1,5 und 15 Millimetern oder unregelmäßig geformt, als einzelne Perle oder nach Form und Farbe schon sortiert, durchbohrt und aufgefädelt zu sogenannten Strängen. Die Süßwasserperlen, die Marion Puls sortiert, werden Boutons genannt. Sie sind an einer Seite abgeflacht und angebohrt, um sie an den Silber- oder Goldstecker montieren zu können. DI PERLE hat mehr als 1500 Produkte im Sortiment. „Wer hier neu anfängt, braucht bestimmt ein Dreivierteljahr, bevor er Kunden am Telefon beraten kann“, sagt Puls.

18.000 Kunden stehen in der Kartei der Norderstedter Firma

25 Mitarbeiter hat die Großhändlerin. Sieben Außendienstler sind in Deutschland und dem europäischen Ausland unterwegs, von den mehr als 10.000 Juwelieren und Goldschmieden hierzulande stehen 8600 in der Kundenkartei. Sie werden regelmäßig besucht, bei Fachmessen, oder telefonisch kontaktiert. Der Lohn: In den Umfragen des Branchendienstes „Diamantbericht“ wird DI PERLE seit Jahren regelmäßig zum besten deutschen Perlenlieferanten gekürt. Alles in allem beliefern die Norderstedter 18.000 Abnehmer zwischen Kroatien und Finnland, zwischen Ungarn und Irland. Jahresumsatz? „2,5 Millionen Euro“, sagt Puls. Sie selbst ist weiter regelmäßig mit den schweren und aufwendig gesicherten Kollektionskoffern unterwegs zu Kunden im Großraum Hamburg. „Ich muss ja spüren, was läuft, was die Kunden wollen.“ Und nur sie ist es, die zum Perleneinkauf nach Hongkong fliegt. Kurz darauf werden regelmäßig um die 150 Kilogramm neue Ware in den zweiten Stock eines eher schmucklosen Norderstedter Bürohauses geliefert, geschützt von viel Stahl in Türen, Wänden, Decke und Boden, eingelagert und für den Weiterverkauf vorbereitet.

Die teuerste Halskette kostet 18.000 Euro

Von den Süßwasserperlen für die Ohrstecker hatte die Chefin 2,5 Kilo geordert, in der Größe acht bis neun Millimeter. Es sind etwa 3300 Stück. Fast einen Tag hat es gedauert, sie auf den Zehntelmillimeter genau auszumessen und zu sortieren. Erst dann werden sie zu Paaren geordnet. Es ist eine anstrengende Arbeit. „Das kann man höchstens ein paar Stunden am Stück machen“, sagt Puls. Sie selbst konzentriert sich beim Sortieren inzwischen auf die großen und wertvollen Perlen. Ihr Unternehmen hat seinen Schwerpunkt aber im mittleren Preissegment. Für Perlenketten bedeutet das einen Endverkaufspreis zwischen 500 und 2000 Euro. „Unsere teuerste Kette kostet im Geschäft etwa 18.000 Euro, aber davon haben wir nur zwei Stück im Lager.“

Die Hälse sind dicker geworden

Der Markt ist in Bewegung: Einer aus der Riege der Handvoll großen deutscher Importeure hat im Frühjahr aufgegeben. Für das Unternehmen gebe es keine Zukunft mehr, teilte der Inhaber mit. Die Umsätze im Endkundengeschäft mit Perlenschmuck schwanken hierzulande stark. Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren es 2017 knapp 300 Millionen Euro. 2012 beliefen sich die Erlöse noch auf 340 Millionen, zwei Jahre später aber auf nurmehr 270 Millionen Euro.

„Gerade die runde, weiße Perle hat ja ein gewisses Image“, sagt Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte. Man könnte auch sagen, sie ist der bevorzugte Schmuck der Jurastudentinnen, Reiterinnen und Hockeymütter, stark verbreitet bei Seidenblusen- und Kaschmirpulloverträgerinnen insbesondere der Generation 60 plus und – ja, auch führende AFD-Politikerinnen schmücken Hals und Ohrläppchen auffallend gern mit kugelrunder, heller Importware von fremdländischen Gestaden. Der hohe Altersschnitt von Perlenketten-Trägerinnen lässt sich auch an der Länge der sogenannten Stränge ablesen, die vom Juwelier zur Halskette veredelt werden. Sie waren früher 36 oder 38 Zentimeter lang, heute sind es meist deutlich mehr als 40 Zentimeter. Weil die Hälse dicker geworden sind.

Dunkle Tahiti-Perlen sind der große Trend

Verbandsgeschäftsführer Dünkelmann und Großhändlerin Puls registrieren aber auch einen noch jungen Trend. „Tahiti-Perlen werden jetzt stark nachgefragt“, sagen sie unisono. Aus Französisch-Polynesien kommen dunkle Perlen in Farbtönen zwischen grau und schwarz. „Angesagt sind insbesondere ungewöhnliche Formen“, weiß die Importeurin. Manche dieser Perlen sind flach wie eine Muschelschale. Branchenkenner Dünkelmann sieht die Perle derzeit wieder im Aufschwung, obwohl der Schmuckmarkt in Deutschland insgesamt seit Jahren stagniere. „Es gibt einen Trend weg vom Modeschmuck hin zu echtem Schmuck aus natürlichem Material wie Gold, Platin, Silber und eben auch zu Perlen. Sie sind inzwischen sogar im Männerschmuck angekommen.“

Puls betätigt sich seit einiger Zeit verstärkt als Schmuckherstellerin. Fertige Ohrstecker bietet DI PERLE seit jeher an, mittlerweile sind komplette Ketten und Armbänder hinzugekommen. „Nicht in jedem Juweliergeschäft gibt es einen Goldschmied, der so etwas aus unserer Rohware herstellen kann“, sagt sie. Das Schmucksegment macht derzeit 20 Prozent des Umsatzes aus, der Anteil soll steigen. Großhändlerin will die Perlenexpertin aber bleiben. „Es wäre unfair den Fachhändlern gegenüber, wenn wir ihnen Konkurrenz machen.“

Die Chefin bevorzugt Südseeperlen

Dann greift sie wieder zur Bambuspinzette, die sie aus China mitgebracht hat. „Schwer zu bekommen, aber eine aus Metall könnte kleine Kratzer verursachen.“ Beim Sortieren klackern ihre beiden Armbänder aus Südseeperlen ein bisschen. Marion Puls trägt außerdem Kette (auch Südsee) und Ohrstecker aus ungleichmäßigen Akoya-Perlen, Kenner nennen die Form Barock, sie gibt einem Schmuckstück Individualität. „Mein Alltagsschmuck im Job“, sagt Puls. Beim Juwelier hätte sie der mehrere tausend Euro gekostet. Der Perlenhändlerin wäre es nur recht, wenn sich viel mehr Frauen das leisten würden.