Werbekampagnen

Warum Hamburger Firmen zur Europawahl aufrufen

Posen für Europa: About-You-Chef Tarek Müller (l.) und Schauspielerin Nilam Farooq in dem Kampagnen-Shirt, das für die Europawahl werben soll.

Posen für Europa: About-You-Chef Tarek Müller (l.) und Schauspielerin Nilam Farooq in dem Kampagnen-Shirt, das für die Europawahl werben soll.

Foto: Jules Esick / About You

Modehändler About You will Bedeutung der Wahlfreiheit über T-Shirt vermitteln. Auch Fritz-Kola, Mediamarkt und Thalia zeigen Haltung.

Hamburg.  Ein einziges T-Shirt statt Riesenauswahl: Wer am Dienstag im Online-Shop des Modehändlers About You nach den neusten Fashion-Trends fahndete, landete erstmal in einem leeren Raum. Zumindest virtuell. Unter dem Motto „About your Choice“ hat das Hamburger Unternehmen einen Aufruf zur Teilnahme an der Europawahl gestartet – und präsentierte den ganzen Tag nur einen Artikel.

„Wir wollen zeigen, was es bedeutet, keine Wahl zu haben“, sagt Mitgründer und Geschäftsführer Tarek Müller, der auch selbst mit einem persönlichen Plädoyer in den Spot auftritt. Auch Topmodel Lena Gercke und Schauspielerin Nilam Farooq sind dabei. „Wir wollen damit Haltung zeigen“, sagt der Digitalexperte. „Es ist ein Bekenntnis zu Europa, ohne das es uns so nicht gäbe.“ Für knapp 30 Euro ist ein eigens zur Wahl designtes Shirt bestellbar. Der Gewinn geht an die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, erklärt Müller. Noch mehr sagt er dazu im aktuellen News-Podcast des Hamburger Abendblatts.

About You wirbt mit Rabatt in Höhe der Wahlbeteiligung

Clou der Kampagne, für die die Otto-Tochter die Agentur Kolle Rebbe mit ins Boot geholt hatte, ist ein Rabattcode, den es beim Kauf gibt. Einlösbar ist er aber erst nach der Wahl – und zwar in Höhe der Wahlbeteiligung. About You ist nicht das einzige Unternehmen, das öffentlich zur Europawahl 2019 am 26. Mai aufruft. Aber es betreibt besonders großen Aufwand. Etwa eine halbe Million Euro lässt sich der E-Commerce-Händler die Kampagne kosten.

Der Hamburger Limonadenhersteller Fritz-Kola will Menschen mit einem neuen Logo auf den Geschmack bringen, wählen zu gehen. Statt mit dem bekannten Konterfei der beiden Gründer versieht das Unternehmen zeitweilig jede fünfte 0,33-Liter-Flasche mit einem Sonderetikett, das den Kontinent Europa und die Botschaft „Du hast die Wahl!“ zeigt. Insgesamt sind es mehrere Millionen Flaschen.

Für die Brause-Brauer ist es nicht die erste solche Kampagne. Vor dem G-20-Gipfel etwa provozierten die Hamburger mit politischen Botschaften. „Als inhabergeführtes Unternehmen haben wir eine Verantwortung“, sagt Gründer und Geschäftsführer Mirco Wiegert. Gerade junge Menschen unterschätzten die Bedeutung der Wahl zum Europa-Parlament. „Wir haben die Möglichkeit, viele von ihnen zu erreichen.“

„Die Zukunft des europäischen Projekts steht auf dem Spiel“

Auch Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia fordert in der Marken-Kampagne „Welt, bleib wach“ aktuell mit verschiedenen Plakatmotiven zum Wählen auf. „Frieden und Demokratie, das ist nicht selbstverständlich. Unsere europäische Gemeinschaft lebt von interessierten und kritischen Bürgern, die zu Europa stehen“, sagt Michael Busch, geschäftsführender Gesellschafter und Geschäftsführer von Thalia.

Sogar der normalerweise eher zurückhaltende Handelsverband Deutschland mischt sich ein. „Uns allen muss klar sein, das die Zukunft des europäischen Projekts auf dem Spiel steht“, heißt es in einem Wahlaufruf, den der Branchenverband mit neun führenden Handelsketten gestartet hat. Mit dabei: Ikea, Edeka, Zara, Rewe, Galeria Kaufhof Karstadt, Douglas, Butlers, Markant und der MediamarktSaturn-Mutterkonzern Ceconomy.

Ziel ist es, möglichst viele Beschäftigte zu mobilisieren. „Das Engagement für Europa und für eine hohe Wahlbeteiligung setzt ein deutliches Zeichen. Das ist sowohl in der Politik als auch in der öffentlichen Meinung sehr gut angekommen“, sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. Einige Unternehmen hätten sich darüber hinaus entschieden, den Schritt auch an eine breitere Öffentlichkeit zu gehen. Das zeige, „wie wichtig der Binnenmarkt und Europa für die Branche sind.“

Mitarbeiter von Mediamarkt und Saturn zur Wahl aufgerufen

So wird inzwischen in den Filialen der Unterhaltungselektronik-Ketten Mediamarkt und Saturn gleich hundertfach zur Teilnahme an der Europawahl aufgerufen. Auf den aufgestellten Bildschirmen in den TV-Abteilungen der Märkte, auf denen für gewöhnlich Werbespots, und Trailer laufen, wird regelmäßig als Standbild die Botschaft „Wählen Sie am 26. Mai Europa“ eingeblendet. „Etwa einmal pro Stunde“, sagt Unternehmenssprecherin Eva Simmelbauer.

Der Mutterkonzern Ceconomy ruft seine Mitarbeiter zudem im firmeninternen Intranet zur Teilnahme an der Wahl auf. In den Märkten gebe es Mitarbeiter aus mehr als 100 Nationen, „und auch unsere Kunden stammen aus sehr vielen Ländern. Deshalb finden wir es passend, dieses wichtige Thema auch den Besuchern in den Filialen zu kommunizieren.“

Dass nicht nur Parteien, Gewerkschaften und Verbände öffentlich eine Haltung einnehmen, ist kein neues Phänomen. „Wir beobachten seit längerem, dass Firmen bei gesellschaftspolitischen Themen stärker Präsenz zeigen“, sagt Bendix Hügelmann. Allerdings, so der Politologe, der gerade an der Universität Hamburg zu digitaler politischer Kommunikation promoviert, sei die Sichtbarkeit durch die Sozialen Medien immens gestiegen. Dabei sieht er auch kritische Aspekte.

Zwischen noblem Ziel und bewusster Einflussnahme

„Grundsätzlich ist es natürlich erstmal gut, Aufmerksamkeit für eine Wahl zu schaffen“, so der Wissenschaftler. Aber man müsse sich natürlich fragen, ob die große Verantwortung, die damit verbunden ist, in der Privatwirtschaft richtig aufgehoben sei. „Die Grenze zwischen dem noblen Ziel und bewusster Einflussnahme ist fließend. Entscheidend ist, das die Botschaften richtig eingeordnet werden können.“

About-You-Chef Tarek Müller geht sogar noch weiter. „Wir erreichen über unsere Kanäle Millionen Menschen.“ Kritik an der Aufmerksamkeit heischenden Verbindung von politischer Botschaft und Marketingmaßnahme weist er zurück. Es gehe nicht darum das Image aufzupolieren. „Wir sind überzeugte Europäer.“ Und wer wollte, konnte übrigens auch am Dienstag wie immer alle Produkte aus dem Sortiment einkaufen. Der Button war nur etwas versteckt oben rechts auf der Seite.