Plastikmüll

Wie Hamburgs Supermärkte Plastikmüll vermeiden wollen

Von Plastik umhüllt oder lose: Christoph Schreiber arrangiert Obst und Gemüse bei Edeka Niemerszein in der Langen Reihe.

Von Plastik umhüllt oder lose: Christoph Schreiber arrangiert Obst und Gemüse bei Edeka Niemerszein in der Langen Reihe.

Foto: Marcelo Hernandez

Einkaufen ohne Kunststoffverpackung – das wollen immer mehr Kunden. Doch wie sieht das Angebot der Lebensmittelhändler aus?

Hamburg. Kaufen, aufreißen, wegwerfen: Wer häufig im Supermarkt oder Discounter einkauft, kennt das. Gurken in Plastikfolie, in Plastik eingeschweißte Käse- und Wurstscheiben, Kaffeepakete mit Dosierhilfen, Getränke in Einwegflaschen aus Plastik, Klopapier in der Plastiktüte. Kaum sind zu Hause die Taschen ausgepackt, quillt der Abfalleimer über. Statistisch ist jeder private Verbraucher in Deutschland für knapp 25 Kilogramm Plastik-Verpackungsmüll pro Jahr verantwortlich, hat das Umweltbundesamt ausgerechnet. Legt man den gesamten Verpackungsverbrauch zugrunde, sind es 220 Kilo pro Person. Umweltverbände geißeln den Verpackungswahnsinn, Händler und Hersteller betonen die Schutzfunktion bei Transportwegen und Hygienevorschriften – immer mehr Kunden sind genervt. Es gibt im Moment im Lebensmittelhandel kaum ein Thema, über das so viel geredet wird, wie über Verpackungsmüll.

Bald auch frischer Orangensaft in Mehrwegflaschen?

In der Obst- und Gemüseabteilung von Edeka Niemerszein an der Langen Reihe sind Äpfel, Bananen, Paprika und Salatköpfe appetitlich arrangiert. Zum Reinbeißen. „Wir bemühen uns, möglichst viel unverpackt anzubieten“, sagt Mitarbeiter Christoph Schreiber. Immer klappt das nicht: Mini-Tomaten gibt es im Plastikbecher, Himbeeren in der Plastikschale, Blattspinat im Plastikbeutel. „Das sind Produkte, die sonst zu schnell verderben würden“, sagt der Einhandelskaufmann. In den vergangenen Jahren hat sich bei dem Hamburger Lebensmittelhändler mit acht Filialen schon vieles geändert. „Wir arbeiten daran, die Verpackungsflut einzudämmen“, sagt Geschäftsführer Frank Ebrecht. Es gibt eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema beschäftigt – nicht nur in der Obst- und Gemüse-Abteilung. Unter anderem gebe es Überlegungen, beim frisch gepressten Orangensaft von Plastik- auf Mehrwegflaschen umzusteigen. Kleine Schritte.

EU verbietet Trinkhalme und Einweggeschirr

Dass sich langsam etwas bewegt, hat auch mit politschem Druck zu tun. Gerade hat die EU ein Verbot von Plastiktellern, Trinkhalmen, Wattestäbchen mit Plastik und andere Einwegartikel ab 2021 beschlossen. Prompt haben quasi alle Handelsketten angekündigt, die Artikel bereits im Laufe des Jahres auszulisten. Auch das Ende der Gratis-Plastiktüte war nicht ganz freiwillig. Fakt ist: In nur zwei Jahren ist der Verbrauch um mehr als die Hälfte gesunken, seitdem die Einweg-Beutel etwas kosten. Mit dem neuen Verpackungsgesetz will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) die Recyclingquoten erhöhen. Im Februar hat sie Handel und Hersteller dazu ermahnt, bis zum Herbst konkrete Lösungen zur Reduzierung von Plastikverpackungen vorzulegen – zunächst freiwillig. Das Abendblatt hat bei den vier größten Lebensmittelhändlern der Stadt nachgehakt, welche Maßnahmen zur Plastikvermeidung sie umsetzen und planen:

Edeka (130 Filialen in Hamburg; 3800 bundesweit)

Edeka Nord setzt seit Herbst 2018 sogenanntes Smart-Branding bei Süßkartoffeln, Mango, Ingwer, Kokosnuss und zwei Kürbissorten in Bio-Qualität ein. Auch andere Obst- und Gemüsesorten werden – abhängig von der Auswahl der selbstständigen Edeka-Kaufleute – lose angeboten. Äpfel gibt es im Netz statt im Plastikbeutel. Die Zahl der so genannten Knotenbeutel aus sehr dünnem Plastik wurde nach Unternehmensangaben in den vergangenen drei Jahren um etwa 95 Millionen Stück reduziert. Stattdessen gibt es in vielen Märkten Papiertüten und Mehrwegbeutel im Fünferpack für 4,99 Euro. Im Test ist auch ein System mit Mehrweg-Behältern, die die Kunden kaufen oder mitbringen können und sich darin Käse, Wurst, Fleisch, Fisch oder fertige Salate einpacken lassen können.

Abhängig von den Hygienevorschriften bieten einige Märkte Lösungen mit Tabletts an, auf die die Kunden ihre mitgebrachten Behälter stellen und die über die Theke gereicht werden. Edeka arbeitet nach eigenen Angaben bei den Verpackungen der 3600 Eigenmarkenartikel daran, den Materialeinsatz zu verringern etwa bei PET-Wasserflaschen. Ersparnis bislang: 80.000 Tonnen Plastik. Parallel werden Rohstoffanteile ausgebaut, die aus Recyclingmaterial oder nachwachsenden Rohstoffen bestehen. „Bezogen auf unsere Eigenmarkenverpackungen hat Plastik nur einen Anteil von rund einem Viertel“, sagte ein Sprecher. Seit Frühjahr führt der Lebensmittelhändler schrittweise den Entsorgungsratgeber „Trennen für die Umwelt“ ein, der auf die Verpackungen von Edeka-Produkten gedruckt wird.

Aldi (80 Filialen in Hamburg; 4200 bundesweit)

Mit der Ankündigung, Salatgurken ab April ohne Plastikfolie zu verkaufen, hat Deutschlands größter Discounter für Schlagzeilen gesorgt. Gurken sind nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung das drittbeliebteste Gemüse der Deutschen. Das soll 120 Tonnen Plastik im Jahr sparen. Der Entscheidung war ein Test in einigen Filialen vorausgegangen. Prozesse seien so angepasst worden, dass Qualität und Frische auch unverpackt erhalten würden, so ein Aldi-Sprecher. Gab es bei der Kette früher kaum frische Produkte ohne Verpackung, werden seit längerem unter anderem Fairtrade-Bananen, Kohlrabi, Mangos, Avocados, Paprika und einige Kohlsorten lose angeboten. Aktuell testet Aldi als Alternative zu den Knotenbeuteln Mehrweg-Taschen für Obst- und Gemüse, die entweder gekauft (blaue Henkel) oder nach dem Bezahlen an der Kasse zurückgegeben (gelbe Henkel) werden können. Dafür wurden bundesweit Filialen ausgesucht, allerdings nicht in Hamburg. Insgesamt will der Discounter bis 2025 den Materialeinsatz bei Verpackungen von Eigenmarken um 30 Prozent senken. Parallel soll die Verwendung von recyclingfähigem Kunststoff erhöht werden. Seit diesem Frühjahr werden sukzessive „Tipps für die Tonne“ auf die Verpackungen von Aldi-Produkten integriert, die Käufern eine Anleitung zur Mülltrennung geben.

Rewe (80 Filialen in Hamburg; 3300 bundesweit)

Rewe war die erste große Supermarktkette, die ihre Kunden von den Vorteilen von Mehrweg-Frischenetzen zu überzeugen versuchte. Nach einem Test gibt es die waschbaren Beutel, deren Gewicht über einen Barcode an der Waage abgezogen wird, bundesweit in den Märkten. Das Doppelpack kostet 1,49 Euro. Das Unternehmen bietet ähnlich wie Edeka diverse Sorten Saisongemüse, darunter auch Gurken und Bananen, sowie zahlreiche Artikel in Bio-Qualität unverpackt an. Die Produkte haben Klebeetiketten oder -banderolen. Süßkartoffeln und Avocados werden mit Laserlogos versehen. Mit einem Modellversuch will der Lebensmittelhändler den Plastikverzicht bei insgesamt 107 Bio-Obstsorten und Gemüse testen. In 630 Rewe- und Nahkauf-Märkten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland soll ab April „weitestgehend“ auf Plastikverpackungen verzichtet oder es sollen umweltfreundlichere Verpackungen eingesetzt werden. So könne man 55.000 Tonnen Plastik einsparen, heißt es. Das Unternehmen hat sich zudem verpflichtet bis 2030, sämtliche Eigenmarkenverpackungen umweltfreundlicher zu gestalten. Gearbeitet wird auch an der Reduzierung von Folienstärken bei Frühstücks- und Müllbeuteln, Verpackungen von Küchentüchern und Toilettenpapier oder dem Einsatz von Recyclat bei Tragetaschen und Plastikflaschen für Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln. Insgesamt wurden 1122 Verpackungen umweltfreundlicher gestaltet.

Lidl (59 Filialen in Hamburg; 3200 bundesweit)

Lidl will den Kunststoffeinsatz bis 2025 um mindestens 25 Prozent reduzieren und die Recyclingfähigkeit bei Verpackungen der Eigenmarken auf 100 Prozent steigern. Unter anderem hat der Discounter angekündigt, ab Sommer in seinen Filialen „Dein Vitaminnetz“ als Alternative zum Knotenbeutel einzuführen. Mit dem waschbaren Mehrwegnetz können Kunden loses Obst und Gemüse verpacken und transportieren. Das Netz fasst sieben Liter, trägt bis zu fünf Kilogramm und wiegt acht Gramm. Im Zweierpack kostet es 49 Cent. Lidl will damit den Verbrauch von so genannten Knotenbeuteln reduzieren, der 2017 bei 39 Stück pro Kunde lag.

Unverpackt angeboten werden konventionelle und Fairtrade-Bio-Bananen, sowie Paprika, Zucchini, Auberginen, Süßkartoffeln, Strauchtomaten, Mangos, Kiwis, Avocados, Äpfel und Birnen. Der Anteil der unverpackten Obst- und Gemüseartikel soll weiter ausgebaut werden. Nach Angaben einer Sprecherin wurde in den vergangenen Jahren durch Veränderungen der Verpackungen von Lidl-Eigenmarken der Plastikverbrauch deutlich gesenkt. So wurde jüngst die Foliendicke der Toastbrotverpackungen um 25 Prozent reduziert. Im Nuss- und Trockenfrucht-Sortiment werden bei den Verpackungen von zehn Sorten etwa 20 Prozent und damit 150 Tonnen Kunststoff pro Jahr eingespart.


Andere Handelsketten haben ebenfalls Maßnahmen für die Plastikreduzierung angekündigt. So will auch Real bis 2020 die Plastikbeutel in der Frischeabteilung abschaffen. Ersparnis laut Real: 70 Millionen Beutel im Jahr. Ersetzt werden sollen sie durch kostenlose Tüten aus recyceltem Papier und durch Mehrwegnetze, die gekauft werden müssen.


Aus Sicht vom Umweltschützern
reichen die Pläne der Händler nicht aus. „Was die Erhöhung der Recyclingfähigkeit von Verpackungsmaterial angeht, sind die Ankündigungen teilweise ambitioniert“, sagt Michael Jedelhauser vom Nabu. Bei der Vermeidung von überflüssigem Plastik sieht er die Gefahr, dass „nur kleine Lösungen präsentiert werden“. BUND-Experte Rolf Buschmann wird deutlicher: „Das ist purer Aktionismus.“ Unnötiger Plastikeinsatz habe inzwischen ein Negativimage, dem soll mit den kleinen, lautstark verkündeten Einsparungen entgegengetreten werden. „Davon, dass sich die Handelsketten zusammensetzen und tragfähige Lösungen entwickeln, ist das weit entfernt“, so der Referent. „Da erwarten wir mehr.“ Einig sind sich die Umweltorganisationen in der Forderung, das Mehrwegsystem zu stärken. Buschmann plädiert für Spendersysteme etwa für Nudeln, Reis oder Müsli und Befüllsysteme für Reinigungsmittel, ähnlich wie Unverpackt-Läden sie anbieten. Und er setzt auf politischen Druck. „Wenn es nicht freiwillig geht, muss man über Maßnahmen wie etwa zusätzliche Abgaben für Einweg-Plastikverpackungen nachdenken.“