Weltwirtschaftsforum

In Davos werden die Gefahren der Digitalisierung diskutiert

Gut beschützt: Soldaten sichern das 49. Weltwirtschaftstreffen der Topmanager und Staats- und Regierungschefs im Schweizer Bergort Davos.

Gut beschützt: Soldaten sichern das 49. Weltwirtschaftstreffen der Topmanager und Staats- und Regierungschefs im Schweizer Bergort Davos.

Foto: ARND WIEGMANN / REUTERS

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren Topmanager die Folgen von künstlicher Intelligenz, Robotern und dem Sammeln von Daten.

Davos.  Zuerst die gute Nachricht. Rajeev Suri, der Chef des Telekommunikationskonzerns Nokia, gibt Entwarnung. Intelligente Roboter und Computer „ersetzen die Arbeiter in den Fabriken nicht“, sagt Suri. Der wesentliche Effekt der künstlichen Intelligenz in Unternehmen bestehe darin, die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu verändern, nicht aber wegzurationalisieren.

Für viele Menschen, die täglich zur Arbeit gehen, mag das eine beruhigende Nachricht sein. Doch nicht alle der Topmanager sind sich bei der Podiumsdiskussion über die Zukunft der digitalen Ökonomie am Eröffnungstag des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos so sicher.

Beim WEF, dem alljährlichen Kongress der Wirtschafts- und Politikelite in den Schweizer Alpen, sind die Folgen der Digitalisierung ein zentrales Thema. Es geht um neue Branchen, etwa digitale Medizin. Maschinen spielen schon heute eine wichtige Rolle am Operationstisch. Und zunehmend ermöglicht die Kommunikationstechnologie Behandlungen, bei denen die Patienten nicht mehr in die Arztpraxis oder ins Krankenhaus kommen müssen, sondern zu Hause bleiben können.

Schutz der Privatsphäre von Konsumenten und Bürgern

Oder im Verkehr: Manche Experten erklären, sowohl der öffentliche als auch der individuelle Autoverkehr würden in einigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören. Stattdessen könnten elektrische, fahrerlose Gefährte, die privaten Konzernen gehören, alle Transporte übernehmen.

Bei solchen Visionen stellen sich regelmäßig ein paar Fragen: Was passiert beispielsweise mit den Ärzten, Bus- und Taxifahrern, verschwinden deren Stellen? Wenn ja, wovon sollen die Menschen dann leben? Wem gehören die Daten, die die digitale Ökonomie massenweise produziert? Wie lässt sich sicherstellen, dass die Privatsphäre der Konsumenten und Bürger geschützt bleibt, obwohl immer mehr Informationen über sie vorhanden sind?

Rationalisierung und Automatisierung haben Produktivität erhöht

Was die Beschäftigung betrifft, will Nokia-Chef Suri einfach Optimismus verbreiten. Natürlich weiß auch er, dass beispielsweise in modernen Autofabriken viel weniger Monteure und Schlosser arbeiten als vor 50 Jahren. Rationalisierung und Automatisierung haben die Produktivität erhöht, bestimmte Arbeiten erledigen heute Industrieroboter. Was Suri aber wohl meint: Wenn Arbeitsplätze der Digitalisierung zum Opfer fallen, entstehen anderswo neue Stellen.

Das kann man glauben oder nicht, entspricht aber auch der kürzlich erschienenen WEF-Studie „Zukunft der Arbeit 2018“, die allerdings nur den kurzen Zeitraum von fünf Jahren überblickt. Ergebnis: Durch die Digitalisierung entstehen viel mehr neue Jobs, als alte wegfallen.

Smartphones mit superschnellem Mobilfunks 5G ab 2020 im Handel

Und, so meint Suri, die Gesellschaften der reichen Länder haben noch etwa zehn Jahre Zeit, bis die Folgen der Digitalisierung so richtig durchschlagen. Den Kipppunkt sieht er 2028. Ab dann steige die Produktivität der modernen Ökonomie deutlich, weil sich die Entwicklungen in verschiedenen Bereichen gegenseitig verstärkten.

Ob das so kommt, bleibt abzuwarten. Heute jedenfalls herrscht das sogenannte Produktivitätsparadox: Die Unternehmen setzen jede Menge Kommunikationstechnik ein, doch die Produktion wird kaum effektiver.

Neben der Veränderung der Arbeitswelt – was bringe die digitale Transformation sonst Neues hervor?, fragt Moderatorin Victoria Espinel, eine ehemalige Mitarbeiterin von Barack Obama. Ken Hu, Vizechef des chinesischen Kommunikationstechnik-Konzerns Huawei, fällt die Antwort leicht.

Er betont die Vorteile für die Konsumenten, etwa des superschnellen Mobilfunks 5G: „Dank der Technik kann man Fußballspiele künftig aus dem Blickwinkel der Spieler verfolgen.“ Smartphones, die ein solches Erlebnis wegen ihrer hohen Datenverarbeitungskapazität ermöglichten, seien schon von 2020 an zu kaufen.

Mobilfunkmasten mit neuer Technik bis in letzten Winkel

Der Huawei-Vize ist in Davos in spezieller Mission unterwegs: Er wirbt für die 5G-Infrastruktur aus seinem Hause und muss erklären, dass sein Unternehmen keine Daten der Kunden abzieht. Das werfen die USA dem Konzern vor und haben die Chinesen bereits ausgeschlossen. Ähnlich gehen die Briten vor. In Deutschland läuft die Diskussion. Auch hier sollen Mobilfunkmasten mit der neuen Technik superschnelles Internet in den letzten Winkel bringen. Neben Huawei bieten Nokia und Ericsson diese Technik an.

Eileen Donahoe von der kalifornischen Universität Stanford ist die Einzige auf dem Podium, die deutlich Nachteile der Entwicklung anspricht. Sie beklagt die „Erosion des Vertrauens“ breiter Bevölkerungsschichten in Unternehmen und Regierungen.

Diese Ablehnung der modernen Ökonomie führt sie darauf zurück, dass sich die Gewinne in zu wenigen Händen sammelten, die Daten nicht sicher seien und demokratische Wahlen durch Internet-Attacken unterminiert würden. Was sich dagegen tun lasse? „Wir brauchen neue Formen von staatlicher Steuerung“, sagt Donahoe, also auch eine bessere Regulierung für Unternehmen. Konkreter wird sie nicht.

Entflechtung des Ölkonzerns Standard Oil

Zur Regulierung passt die Frage, ob Digitalkonzerne wie Google, Facebook und Amazon nicht schon zu groß, zu machtvoll sind? Raghuram Rajan von der Universität Chicago wies darauf hin, dass US-Regierungen zu große Unternehmen zerschlagen können. Ein bekannter Fall ist die Entflechtung des Ölkonzerns Standard Oil zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Sind Daten also das neue Öl? „Nein“, sagt Ruth Porat, Finanzvorstand von Google. Diese Analogie sei falsch. „Daten sind wie Sonnenlicht“ – und unbegrenzt vorhanden. Deshalb könnten Datenkonzerne nicht zu groß werden. Und regulieren müsse man sie deshalb schon lange nicht.