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Wenn der Lack ab ist: Kleb dir ein neues Fahrrad

Cordula Holzmann (l.) und Bettina Wiedner haben auch ihre eigenen Fahrräder bereits beklebt.

Cordula Holzmann (l.) und Bettina Wiedner haben auch ihre eigenen Fahrräder bereits beklebt.

Foto: Michael Rauhe

Hochwertige Folien für ein neues Outfit. Hamburger Unternehmen Mooxi-Bike will die Innovation nun in Baumärkten verkaufen.

Hamburg.  Manchmal entsteht eine Geschäftsidee scheinbar aus dem Nichts. Wenn man selbst ein Problem hat und eine Lösung sucht. Wenn man nichts Passendes findet und dann selbst etwas entwickelt. Und wenn man plötzlich merkt, dass diese Idee nicht nur ein Hirngespinst ist, sondern das Zeug zu mehr hat. Zu einem neuen Produkt, einem eigenen Unternehmen.

So erging es Bettina Wiedner (52) vor vier Jahren. Als Kommunikationsdesignerin, die unter anderem neue Muster für Bikinis von Otto entwarf, ärgerte sie sich ein bisschen über ihr altes, schäbiges Fahrrad. Ein neues zu kaufen, kam für die Nachhaltigkeitsaktivistin aber nicht infrage. „Schließlich fuhr das Rad noch astrein – und außerdem machte es in einer Stadt wie Hamburg mit derart vielen Diebstählen einfach keinen Sinn, ein neues Modell zu fahren“, sagt Bettina Wiedner. Trotzdem – oder gerade deswegen: Ihr altes Rad brauchte dringend ein neues Aussehen. Da sie wusste, dass es Klebefolien für Autos gibt, suchte sie nach einer ähnlichen Beklebung für Räder – fand sie aber nicht.

Also entwickelte sie diese kurzerhand selbst. Sie kreierte ein Muster, ließ bei einer Online-Druckerei aus Hamburg eine Folie herstellen und beklebte damit ihr Hollandrad. Und danach das ihrer Tochter. Und dann das einer Freundin. Die Reaktionen auf ihr ungewöhnliches Fahrrad waren so positiv, dass sie kurzerhand eine Reihe von Folien designte und diese auf Kreativ-Märkten verkaufte. Es war der Beginn ihres Unternehmens Mooxi-Bike. Es ist ein Kunstwort. Die beiden O im Namen sollen an zwei Räder erinnern.

Folien sind auch bei Amazon und Ebay erhältlich

Heute, knapp vier Jahre später, sitzt Bettina Wiedner mit ihrer Geschäftspartnerin Cordula Holzmann (50) in einem Atelier auf St. Pauli und tütet Rakel ein. Rakel sind kleine, dicke Filzstückchen, mit denen man kleine Luftbläschen unter der Folie herausschiebt. In ein paar Stunden fahren sie zu einer Messe nach Köln, dafür muss alles fertig sein. Seit Anfang des Jahres sind sie zu zweit, alleine war die Arbeit nicht mehr zu schaffen. Bettina Wiedner ist für den kreativen Part zuständig, Cordula Holzmann für den Vertrieb. Nachdem es die Folien bisher vorwiegend im eigenen Onlineshop sowie einigen Läden gab, sind sie neuerdings auch bei Amazon und Ebay erhältlich.

Als nächstes soll der stationäre Handel ausgebaut werden. Doch der Weg ist steinig. „Wenn das Produkt in den Regalen liegt, versteht man es auf den ersten Blick nicht“, sagt Bettina Wiedner. Online gibt es Filme, die die Handhabung und das Ergebnis zeigen. Im Geschäft nicht. Ein weiteres Problem: „Viele Händler wollen ihren Kunden lieber ein neues Rad verkaufen. Daran verdienen sie viel mehr als am Verkauf unserer Folien“, so die Erfahrung der beiden Mooxi-Bikerinnen.

Es gibt rund 50 unterschiedliche Designs

Vor ein paar Monaten waren sie auf Promotiontour in Holland und haben mit etlichen Händlern gesprochen. „Dabei haben wir gemerkt, dass der Handel eine ganz andere Intention hat als wir. Hat jemand ein altes Rad, soll er ein neues kaufen – und es nicht mit einer Folie bekleben“, sagt Bettina Wiedner. Sie ärgert sich über diese Verschwendung. „Es gibt so viele Räder, die nicht mehr gefahren werden, nur weil der Lack ab ist. Dabei könnte man die alle ohne Probleme wieder neu stylen.“

Von 14,50 bis 49 Euro kosten die Fahrradfolien je nach Muster. Dafür gibt es zwei Streifen à 1,5 Meter. Drei Meter braucht man in der Regel für die Beklebung eines kompletten Rads. Rund 50 verschiedene Designs gibt es derzeit – etwa die Hälfte davon sind unifarben matt oder glänzend, die andere Hälfte hat Muster wie Zacken, Punkte oder Wellen. Aber auch Flamingos, Orangen oder ein Maschen-Muster gibt es. Außerdem findet man sogenannte Panels im Sortiment, etwa 30 Zentimeter breite Streifen, mit denen man nur einen Teil des Rahmens beklebt. Regelmäßig kommen neue Motive hinzu. Anregungen holt sich Bettina Wiedner aus der Mode und von aktuellen Trends sowie aus Gesprächen mit ihren Kunden.

Die Gründerin träumt von einem eigenen Laden

Die Gründerin träumt davon, selbst einen Laden anzumieten und eine Fahrradboutique zu eröffnen, wo es schöne und praktische Fahrrad-Accessoires gibt – für Männer und Frauen. „Die meisten Fahrradgeschäfte sind ja sehr männerlastig. Wir würden da gern mal die weibliche Sicht auf die Dinge mit einbringen“, sagt Cordula Holzmann. Ideen, um den Laden zu bestücken, haben die Frauen reichlich. Neu in ihrem Sortiment sind Reflex-Sticker für Fahrradhelme, Gummistiefel, Rucksäcke oder für Kinderwagen sowie reflektierende Aufkleber für Lastenräder. Das Besondere: „Die Sticker sind tagsüber nahezu unsichtbar und leuchten nur nachts, wenn sie angestrahlt werden. Schließlich will niemand, der ein Rad für 2000 bis 3000 Euro gekauft hat, das mit Stickern verschandeln“, sagt Bettina Wiedner.

Sie brennt für ihr Produkt, ist davon überzeugt, dass der Markt dafür vorhanden ist. Inzwischen hat sie Stammkunden, die regelmäßig Folien bestellen, um ihr Rad immer wieder umzustylen. Das merke man auch am Umsatz, der 2018 um 30 Prozent höher als im Vorjahr und im fünfstelligen Bereich lag. 2019 wollen Wiedner und Holzmann den Umsatz verdoppeln. Schließlich gibt es nicht nur Fahrradgeschäfte, auch in Baumärkten könnte ihr Produkt funktionieren, glauben sie. Und dann gibt es da noch eine „große Sache“, die sie planen. Doch darüber wollen sie noch nicht reden.