Flughafen Hamburg

Jeden Tag fallen zwei Flüge ab Hamburg aus

Nicht immer sind Streiks oder Gewitter die Ursache für Flugausfälle. Manchmal werden Starts auch wegen unbesetzter Plätze gestrichen.

Nicht immer sind Streiks oder Gewitter die Ursache für Flugausfälle. Manchmal werden Starts auch wegen unbesetzter Plätze gestrichen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Charisius / picture alliance / dpa

Die offiziellen Gründe sind vielfältig. Experten: Auch bei schwacher Buchung streichen Airlines Verbindungen kurzfristig.

Hamburg.  Auf ihre Reise nach Venedig hatte sich die Hamburgerin Caroline Roth *) schon lange gefreut. Sie hatte für einen Sonntagmorgen um 7.30 Uhr einen Flug mit Ryanair nach Treviso in der Nähe der Lagunenstadt gebucht. Doch nach dem Aufstehen in aller Frühe wartete eine böse Überraschung auf sie: Die irische Billigfluglinie hatte ihr gegen 4 Uhr per E-Mail mitgeteilt, dass der Flug ab Hamburg gestrichen wurde. Eine Erklärung dafür gab es nicht. Schlimmer noch: Stundenlang konnte Roth keinen Kontakt zu Ryanair herstellen, um über eine Umbuchung auf eine andere Fluggesellschaft zu sprechen. Schließlich musste die Hamburgerin noch an diesem Tag nach Venedig reisen, weil dort gleich am Montagmorgen ein Sprachkurs begann. Der Ryanair-Konkurrent EasyJet hatte noch einen Platz frei, aber zu einem deutlich höheren Ticketpreis.

So wie Roth ging es mehreren Millionen Passagieren in diesem Jahr. Allein in Hamburg wurden in den zurückliegenden drei Monaten nach Angaben des Portals Flightright.de im Schnitt gut zwei Abflüge pro Tag gestrichen. Im Sommer waren häufig Fluglotsenstreiks oder Gewitter die Ursache für die Ausfälle. Beides sind Faktoren, auf die die jeweilige Fluggesellschaft keinen Einfluss hat. Doch immer wieder einmal haben die Betroffenen – so wie auch Roth – den Verdacht, dass der Airline die Auslastung des Fluges zu gering war und er deshalb kurzerhand abgesagt wurde. Verständlicherweise tun sich Unternehmen wie die Lufthansa, Ryanair oder EasyJet schwer, das zuzugeben. Branchenkenner wie Lars Watermann sagen aber: „Selbstverständlich kommt das vor. Es lässt sich nur von Außenstehenden kaum nachweisen.“ Watermann ist Geschäftsführer des Hamburger Fluggastrechteportals EUflight.de, das Passagieren ihre Entschädigungsansprüche wegen verspäteter oder gestrichener Flüge abkauft und abzüglich einer Provision sofort auszahlt.

Erhöhtes Risiko für Flugausfälle auf innerdeutschen Verbindungen

Auch nach Erkenntnissen des Hamburger Luftfahrtexperten Cord Schellenberg lassen Airlines Starts wegen mangelnder Profitabilität ausfallen: „Ein erhöhtes Risiko für Streichungen aus diesem Grund besteht rund um Feiertage wie Weihnachten und Ostern, weil dann der Geschäftsreiseverkehr stark abnimmt.“ Eine solche Praxis sei „in der Branche durchaus üblich“.

Auf innerdeutschen Verbindungen sei die Versuchung besonders groß, so Schellenberg: „Wenn man die Passagiere auf einen direkt nachfolgenden Flug umbucht, können sie mit weniger als drei Stunden Verspätung am Ziel ankommen, so dass keine Entschädigungsansprüche entstehen.“

18.000 gestrichene Flüge bei Lufthansa

Doch aus welchem Grund auch immer – Streichungen und Verspätungen haben in diesem Jahr deutlich zugenommen, wie Zahlen der Europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocon­trol belegen (siehe Grafik). Dabei musste allein die Lufthansa-Gruppe zwischen Anfang Januar und Ende August bereits rund 18.000 Flüge streichen. „In diesem Sommer gab es vermehrte Belastungsfaktoren, die unsere gesamte Branche betreffen“, sagt dazu ein Lufthansa-Sprecher. „Insbesondere handelt es sich dabei um signifikante Personalengpässe bei Europas Flugsicherungen, Fluglotsen-Streiks im europäischen Ausland und die vielen Unwetter im Frühsommer.“

Zu niedrige Passagierzahlen jedoch sind nach den Worten des Firmensprechers kein Grund, eine Maschine außerplanmäßig auf dem Boden zu lassen: „Uns sind keine Flüge bekannt, die aufgrund von geringer Auslastung gecancelt wurden – zumal unsere Flüge gut gebucht sind.“ Ganz ähnlich äußert sich Ryanair: Bei einem Sitzladefaktor von durchschnittlich 97 Prozent komme das Thema nicht auf.

Flugausfälle: Auch mangelnde Planung ist ein Grund

Allerdings könnten Airlines dennoch eine Mitschuld an etlichen der Annullierungen tragen, erklärt Watermann: „Zu den Hauptgründen für sie gehört neben technischen Defekten auch eine mangelhafte Planung des Flugbetriebs“ – etwa wenn nicht genug Ersatzpersonal für krankheitsbedingt fehlende Crew-Mitglieder zur Verfügung steht.

Auch wenn ein Flug nicht direkt wegen einer zu geringen Passagierzahl annulliert werde, könne die Buchungssituation dafür eine Rolle spielen, sagt Schellenberg: „Stellt sich heraus, dass eine Airline wegen fehlender Besatzungen oder eines Mangels an Ersatzflugzeugen einen Flug ausfallen lassen muss, dann wird sie im Zweifel einen mit niedriger Auslastung wählen.“ Der Hamburger Branchenexperte nennt noch eine weitere Kategorie von Startabsagen, die von der Fluggesellschaft bewusst gesteuert werden: „Wenn sich Verspätungen über den Tag immer weiter aufbauen, kann die Airline einen Flug streichen und ist dann bei den nachfolgenden Starts wieder pünktlich. So etwas hat Methode.“

Lufthansa will mehr Mitarbeiter bereitstellen

Nach Einschätzung von Eurocon­trol dürfte die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Konstellationen längerfristig noch deutlich zunehmen. Denn Prognosen der Organisation zufolge wird die Anzahl der Flüge an den europäischen Airports bis zum Jahr 2040 voraussichtlich um 53 Prozent auf 16,2 Millionen zunehmen; im gleichen Zeitraum würden die Flughäfen ihre Kapazitäten aber nur um 16 Prozent ausbauen. Weil künftig deutlich mehr Flughäfen als heute bis an ihre Kapazitätsgrenzen ausgelastet seien, werde sich die Zahl der um mehr als eine Stunde verspäteten Flüge bis 2040 versiebenfachen.

Als Konsequenz aus den bitteren Erfahrungen des vergangenen Sommers hat die Lufthansa nach eigenen Angaben ihre Wachstumspläne reduziert. Vor wenigen Tagen hat die Kranich-Airline ein Programm gestartet, in dem sie unter anderem die Flugpläne mit zusätzlichen Puffern ausstatten, 600 weitere Mitarbeiter für die Stabilisierung des Betriebs einsetzen und mehr Reserve-Jets bereitstellen will.

Airlines zahlen häufig nur unwillig Entschädigungen

All dies zielt darauf ab, mit einer steigenden Nachfrage besser umgehen zu können. Etablierte Fluggesellschaften wie die Lufthansa sind nach Auffassung von Schellenberg aber in einer schlechteren Position als Niedrigpreis-Spezialisten, wenn es darum geht, mit unerwarteten Buchungsschwächen fertigzuwerden: „Billigflieger können darauf reagieren, indem sie den Ticketpreis bis auf weniger als 30 Euro und im Fall von Ryanair bis auf weniger als 10 Euro herunterschrauben.“ Selbst wenn ein Flug dann nicht mehr profitabel sei, bestehe immer noch die Chance auf Zusatzerträge etwa durch Mietwagenbuchungen über die Internetseite der Airline.

Angesichts der erheblichen Unregelmäßigkeiten im Flugbetrieb in diesem Jahr haben die Ansprüche von Passagieren auf Entschädigungszahlungen für Stornierungen und Verspätungen kräftig zugenommen. Von Januar bis Ende September betrugen die Aufwendungen für Flugausfälle und Verspätungen in der Lufthansa-Gruppe rund 350 Millionen Euro; darin enthalten sind Kosten für die Unterbringung und Verpflegung sowie Entschädigungen. Für 2018 rechnet der Konzern mit einem Anstieg dieser Aufwendungen um etwa 250 Millionen Euro gegenüber 2017.

Allerdings zeigen sich Airlines häufig unwillig, Entschädigungsansprüche ohne juristischen Nachdruck auch zu erfüllen. So wurden nach Angaben der britischen Flugrechte-Schlichtungsstelle AviationADR im vorigen Jahr mehr als 3600 entsprechende Forderungen von Fluggästen bei Ryanair eingereicht, doch nur in knapp 500 Fällen sei es zu einer Auszahlung gekommen.

Viele Passagiere kennen ihre Rechte nicht

„Man setzt darauf, dass nicht so viele Passagiere hartnäckig bleiben“, sagt Watermann über die Gepflogenheiten in der Airline-Branche. Dies hat dazu beigetragen, dass schon gut 30 Fluggastrechte-Portale in Deutschland aktiv sind. Nur: „Zwei Drittel der Fluggäste setzen keinen Anspruch auf eine Entschädigung durch, weil sie der Meinung sind, dass sie damit keinen Erfolg haben werden, oder weil sie ihre Rechte gar nicht vollständig kennen“, sagt Christian Nielsen, Präsident des europäischen Branchenverbands dieser Agenturen (APRA).

Für Caroline Roth gilt das nicht. Sie hat ihren Anspruch an eine der Agenturen abgetreten.

*) Name geändert