Nahrungsergänzungsmittel

Das Geschäft mit den Vitamin-Kapseln boomt

Claudia Seehusen
(l.) und
Suse Leifer mit
ihren Nahrungsergänzungsmitteln
von
Ogaenics

Claudia Seehusen (l.) und Suse Leifer mit ihren Nahrungsergänzungsmitteln von Ogaenics

Foto: Andreas Laible / HA

Hamburger Unternehmen Ogaenics mischt in dem schnell wachsenden Markt mit und setzt auf Natur. Wissenschaftler bleibt skeptisch.

Hamburg. Suse Leifer war vor wenigen Monaten Mutter geworden, als sich ihr Leben dramatisch änderte. Bei einer Nachuntersuchung stellte der Frauenarzt die Diagnose: Gebärmutterhalskrebs. Suse Leifer weinte drei Tage lang, stillte ab und fuhr ins UKE. Die 13. Patientin, die mit dem DaVinci-Roboter operiert werden sollte. Die Zahl trug nicht zur Entspannung der jungen Mama bei, doch eine Alternative gab es nicht.

Heute sitzt die 49 Jahre alte Hamburgerin fit und gesund vor einem, seit der gefährlichen Krankheit vor sechs Jahren hat sie sich selbst ihre Alternativen geschaffen. „Der Startschuss für mein Unternehmen war kein schöner, doch sonst hätte ich diese Marktlücke nie entdeckt“, sagt Leifer. Ärzte und Heilpraktiker hatten Leifer hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel, also Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente empfohlen, um nach dem Krebs wieder auf die Beine zu kommen.

Umsatz soll in den nächsten Jahren steigen

Sie fing an, sich mit dem Thema zu beschäftigen, und stellte fest, dass die meisten Produkte synthetischen Ursprungs sind. „Es bringt ja nichts, wenn ich immer schön artig Biogemüse esse, mir dann aber Nahrungsergänzungsmittel kaufe, die in Wirklichkeit echte Chemiekeulen sind“, sagt Leifer und geht die Zutatenliste einiger Produkte durch: „Hier haben Sie Fließstoffe, da Süßungsmittel, da Erdöl, da Wollwachs und da Magnesiumoxid, eine ganz schlechte Magnesiumkopie.“ Eine Kopie eines Mineralstoffs?

„Tja, kannte ich vorher auch nicht, aber nun weiß ich: Je schlechter die Kopie, desto sinnloser das Produkt. Wenn sie 96 Prozent der Pille wieder ausscheiden, weil der Körper den Inhalt gar nicht als etwas erkannt hat, was er braucht, weil er so unnatürlich ist, dann bleiben nur vier Prozent hängen, und das nenne ich Geldverschwendung.“

„Teurer Urin“

Lebensmittelchemiker Professor Sascha Rohn von der Uni Hamburg spricht vom „teuren Urin.“ Es sei die Hauptfragestellung bei Nahrungsergänzungsmitteln, ob die Wirkstoffe vom Darm ins Blut gelangen. „Synthetisch bedeutet nicht gleich toxisch, es handelt sich dabei nur um eine andere Art der Zufuhr“, so der Experte für Ernährungswissenschaft. „Doch Studien haben erwiesen, dass Vitamine und Mineralstoffe aus natürlichen Substanzen besser vom Körper aufgenommen werden.“

Leifer recherchierte bis in die USA, wie sie an natürliche Inhaltsstoffe rankommen könnte. Ohne Erfolg. Eine Bekannte, Claudia Seehusen, wurde durch einen Burn-out ebenfalls gerade zum Umdenken gezwungen: „Ich war überdreht und gleichzeitig schlapp, fühlte mich immer kurz vor einer Erkältung. So konnte es nicht weitergehen.“ Leifer und Seehusen taten sich 2015 zusammen. Lass uns eine Firma gründen, die natürliche und wirksame Nahrungsergänzungsmittel herstellt, frei von Füll- und Zusatzstoffen, ohne synthetische Inhaltsstoffe, sagten sich die beiden Hamburgerinnen, und so entstand Ogaenics.

Der Markt wächst

Aus Zutaten wie Amla-Früchten, Rote Kalkalgen, Guaven, Königsbasilikum, Lichen, Zitronen, Curryblättern oder Bambussprossen (alle in Bioqualität) entwickelten sie neun Nahrungsergänzungsmittel, darunter ein „Immun-Komplex“, ein „Skin Glow-Komplex“ und „Hello Sunshine“ (mit Vitamin D, was vor allem Norddeutsche im Winter benötigen). „Alle enthalten Natur hochkonzentriert – wie Astronautennahrung“, sagt Seehusen. Und das hat seinen Preis. So kosten zum Beispiel 30 Kapseln „Multivitamin-Komplex Women“ 34,90 Euro im Onlineshop.

Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst. So stieg die Nachfrage im vergangenen Jahr, bezogen auf die Packungszahl, um 4,2 Prozent auf 172 Millionen. Der Gesamtumsatz legte auf rund 1,2 Milliarden Euro zu. Ogaenics­ konnte auf diesen Trend aufspringen: 2017 hatte das Unternehmen einen Netto-Erlös von 360.000 Euro, für 2018 sind es wahrscheinlich rund 750.000 Euro, und im Jahr darauf sieht der Plan 1,8 Millionen Euro vor.

Großauftrag aus China

Der Aufbau des Unternehmens von Leifer und Seehusen verlief holprig. Die Partnerinnen bekennen, in der Startphase des Unternehmens ein lästiger Kunde gewesen zu sein: „Wir stellten zu viele Fragen, wir wollten alles ganz genau wissen von den Produzenten und Lieferanten. Wo kommt das her, wie wird es angepflanzt, woraus besteht die Verpackung und so weiter.“ Es dauerte sehr lange, bis sie an die richtigen Rohstoffe gelangten und einen deutschen Hersteller, der bereit war, ihre „Mickymaus-Mengen“ herzustellen.

Doch dann kam ihnen unverhofft jemand zu Hilfe, der ihre Absatzmengen quasi über Nacht in die Höhe schnellen ließ. Beyorg, eine der größten asiatischen Parfümerie-Ketten mit Sitz in Hongkong, hatte weltweit mit Scouts nach organischen Nahrungsergänzungsmitteln gesucht, um seine Produktlinie zu erweitern. Nachdem die Besitzerin von Beyorg Ogaenics getestet hatte, bestellte sie so viel, dass Leifer und Seehusen beim Lesen der Auftragsmail „heulten und kreischten vor Freude“. Ohne den chinesischen Markt hätte Ogaenics eine erfolgreiche Markteinführung vielleicht gar nicht geschafft. „Aber so brauchten wir kein fremdes Geld“, sagt Leifer.

Auch wenn die beiden Gründerinnen von ihrem Produkt und dessen positiven Wirkungen überzeugt sind, treten Experten auf die Euphoriebremse. Wer sich fit fühle, brauche keine zusätzlichen Pillen oder Kapseln, sagt Lebensmittelchemiker Professor Rohn: „Ein Bluttest beim Arzt kann klären, ob und welche Vitamine und Nährstoffe fehlen. Wenn ein Mangel herrscht, dann muss gehandelt werden, aber von Selbstmedikationen rate ich ab.“