Bauarbeiten

Niemand will die Rethebrücke im Hamburger Hafen demontieren

Lukas Zebulka ist Praktikant bei der HPA. Im Rahmen seines Studiums arbeitet er am Abbau der Rethebrücke mit: "Ich habe mich in das Projekt verliebt"

Lukas Zebulka ist Praktikant bei der HPA. Im Rahmen seines Studiums arbeitet er am Abbau der Rethebrücke mit: "Ich habe mich in das Projekt verliebt"

Foto: Klaus Bodig / HA

Hafenbehörde startet Ausschreibung – doch wegen des Baubooms gibt es kein seriöses Angebot. HPA übernimmt Abriss nun selbst.

Hamburg.  Ein Bauarbeiter macht sich mit einer Flex im Funkenflug an die Zerkleinerung eines Stahlstücks. Ein anderer fräst mit einem motorisierten Hobel den Fahrbahnbelag vom Boden. Demontage eines Monstrums. Die alte Reth­ehubbrücke im Hamburger Hafen wird demontiert. Nach 84 Jahren hat sie ausgedient. Nebenan spannt sich eine neue Klappbrücke über die Rethe. Es wird schnell gearbeitet. Schon heute Abend soll das Herzstück der alten Brücke, der 600 Tonnen schwere bewegliche Mittelteil mit dem Fahrweg ausgehängt werden. Dann wird der Stahlrahmen abgebaut. Im April 2019 soll von der einst größten Hubbrücke Europas nichts mehr zu sehen sein.

Auffallend ist dabei, dass alle Bauarbeiter den gleichen Schriftzug auf ihren orangefarbenen Warnwesten tragen: HPA. Das überrascht: zwar ist die Hamburg Port Authority als Hafenverwaltung für Wartung und Pflege aller Brücken im Hamburger Hafen verantwortlich. Baumaßnahmen dieser Art werden von der Behörde aber immer an externe Baufirmen vergeben.

Der anhaltende Bauboom lässt die Preise steigen

Dazu muss man aber erst einmal andere Anbieter finden. Und das ist ein Pro­blem. Eine europaweite Ausschreibung hatte zu keinem Ergebnis geführt. Für die freie Vergabe im Anschluss interessierte sich nur eine externe Baufirma. „Deren Preisangebot lag weit über unseren Kalkulationen“, erinnert sich der Projektleiter der Rethebrücke, Jörg Kapusta.

Der allgemeine Bauboom führt nicht nur dazu, dass Privatpersonen lange Wartezeiten bei Handwerksleistungen einplanen müssen, sondern dass auch öffentliche Unternehmungen wie die HPA keine Auftragnehmer finden. Wenn sich aber doch jemand meldet, dann nur mit Fantasiepreisen. „Die Auftragsbücher sind voll, und Auftraggeber können nicht mehr aus einem großen Topf von Firmen schöpfen, die realistische Preise anbieten“, sagt Matthias Grabe, Geschäftsführer der Hamburg Port Authority. „Als Anstalt öffentlichen Rechts sind wir aber verpflichtet, wirtschaftlich zu handeln. Nachdem wir nur wenige und vor allem unwirtschaftliche Angebote zum Abbau der alten Rethebrücke erhalten hatten, mussten wir aktiv werden.“

Mitarbeiter aus mehreren technischen Bereichen der HPA

Die Antwort war: „Do it yourself.“ Die HPA besann sich auf die Expertise der eigenen Ingenieure und Bauleute. „Mit Unterstützung unserer technischen Experten und Logistiker nehmen wir den Rückbau der Rethehubbrücke nun in die eigenen Hände“, sagt Grabe. Verlassen konnte sich die Hafenverwaltung dabei vor allem auf das Wissen ihrer eigenen Maschinenbauspezialisten, die die Brücke jahrzehntelang gewartet haben. „Die kennen ihre Brücke in- und auswendig“, so Projektleiter Kapusta. Aus den verschiedenen technischen Bereichen der HPA seien weitere Freiwillige hinzugekommen. Schlosser, Metallbauer, Zimmerleute, Maurer.

Dabei ist auch der HPA-Praktikant Lukas Zebulka. Er ist angehender Ingenieur der Mechatronik und schreibt gerade seine Bachelor-Arbeit. Für ihn ist die Mitarbeit am Abbau der Brücke ein Glücksfall. „So ein spannendes Projekt findet man selten. Besser geht es nicht“, sagt der 28-Jährige. Zebulka trägt eine Absturzsicherung, weil er gerade in luftiger Höhe mitgeholfen hat, das Hubteil der Brücke aus der Halterung zu lösen.

Das Verfahren, dass sich Projektleiter Kapusta und seine Kollegen zum Abbau des schweren Mittelstücks ausgedacht haben, ist raffiniert. Bei Niedrigwasser wird ein Ponton unter die Brücke gelegt. Mit dem Hochwasser am Abend hebt sich der Ponton und drückt das Brückenteil schließlich aus seiner Verankerung. „Schlepper ziehen den Ponton dann mit der ausgehängten Brücke zum Roßkai, wo der Stahlbau dann zerkleinert wird.“

Eigenarbeit ist bis zu 40 Prozent günstiger

Das geschieht zu deutlich geringeren Kosten, als der externe Anbieter veranschlagt hatte: „Der wollte zwischen vier und fünf Millionen Euro für die Arbeiten haben. „Wir liegen bis zu 40 Prozent darunter“, sagt Kapusta stolz.

Und sein Chef ist nicht minder erfreut. „Dies ist ein erstes Beispiel dafür, dass wir auch in Zukunft wieder mehr Leistungen im eigenen Hause ausführen wollen – die nächsten Projekte sind schon in Planung“, sagt HPA-Geschäftsführer Grabe. Welche das sind, will er allerdings noch nicht verraten.

Dass überzogene Baupreise Projekte stark verteuern, ist auch bei der für die HPA verantwortliche Wirtschaftsbehörde angekommen. „Wir nehmen derzeit eine uneinheitliche Entwicklung bei den Baupreisen wahr“, sagt ein Behördensprecher. „Während der Baupreisindex des Statistischen Bundesamtes zum Beispiel für die vergangenen fünf Jahre eine Kostensteigerung von rund 14 Prozent ausweist, werden bei uns zunehmend auch Angebote abgegeben, mit denen deutlich überhöhte Preise verlangt werden.“

Ein Beispiel für die Problematik ist die Elbvertiefung. Die Behörde hat die Rücklagen in ihrer Finanzplanung wegen Kostensteigerungen noch einmal um 30 Prozent gesteigert. War man zuletzt von 219 Millionen Euro Kosten ausgegangen, sind es inzwischen 286 Millionen Euro. Derzeit werden die Bauarbeiten ausgeschrieben. Nun hofft man auf Anbieter. Denn es kommt wegen der vollen Auftragsbücher in der Bauindustrie sogar schon vor, dass Unternehmen auf Ausschreibungen gar keine Angebote mehr abgeben.