Abgasaffäre

US-Aufseher: Der Volkswagen-Konzern hat noch viel zu tun

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US-Aufseher Larry Thompson sieht Volkswagen bei der Aufarbeitung des Abgasbetrugs noch lange nicht am Ziel. Er stößt auf Widerstand.

Wolfsburg/Berlin.  Geschwärzte Dokumente, verzögert bereitgestellte Informationen und Verstöße gegen Auflagen der US-Behörden: Larry Thomp­son wacht im Volkswagen-Konzern für die amerikanische Justiz seit einem Jahr über die Aufarbeitung des Dieselskandals und stößt immer wieder auf Hürden. Am Montag hat er seinen ersten von drei geplanten Jahresberichten vorgelegt und Verbesserungen gefordert. Er erwarte, dass VW sämtliche Informationen, die er für notwendig erachte, zeitnah zur Verfügung stelle.

Volkswagen musste im September 2015 Manipulationen bei der Abgasreinigung von insgesamt elf Millionen Dieselfahrzeugen eingestehen – und damit den massenhaften Betrug an Kunden und Behörden. Bislang hat der Skandal den Wolfsburger Konzern über 27 Milliarden Euro gekostet. Den Großteil musste der Hersteller für Vergleiche und Wiedergutmachungen in den USA zahlen.

Schwärzungen in Dokumenten

Bei der Aufarbeitung hapert es offenbar an einigen Stellen, wie Thom­p­son in seinem Bericht beklagt. So habe der Autobauer unter Berufung auf das Anwaltsgeheimnis und den Datenschutz Schwärzungen in Dokumenten vorgenommen. Volkswagen habe aber Besserung versprochen.

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Aufgabe des 72-jährigen ehemaligen Vize-Generalstaatsanwalts der USA und seines 60-köpfigen Teams ist es, Volkswagen drei Jahre lang auf die Finger zu schauen, damit sich kriminelles Verhalten nicht wiederholt. Thompson überwacht, ob der Autobauer den mit den US-Behörden geschlossenen Milliardenvergleich einhält. Der Konzern muss auf Verlangen alle erforderlichen Unterlagen zugänglich machen.

Kürzlich hatte Thompson bereits fehlende personelle Konsequenzen bei der Aufarbeitung des Abgasbetrugs kritisiert. Allerdings kündigte VW inzwischen an, sich von involvierten Mitarbeitern trennen zu wollen. Der neue VW-Personalvorstand Gunnar Kilian sagte dazu der „Braunschweiger Zeitung“, generell ahnde das Unternehmen Regelverstöße „konsequent und der jeweiligen Verantwortlichkeit oder Pflichtverletzung angemessen“.

„Eine Reihe von positiven Prozessen“

Thompsons Zwischenbericht legt zwei konkrete Verstöße bei Volkswagen offen. Hiltrud Werner, die vom Konzern nach dem Dieselskandal als Integritäts- und Rechtsvorstand eingesetzt wurde, bezeichnet diese als weniger gravierend. In einem Fall gehe es um einen Katalog von Compliance-Fragen in Handbüchern, die das Management bei der Beachtung von US-Umweltgesetzen unterstützen sollten. Diese seien „aus Versehen“ nicht aufgenommen worden.

Der andere Fall beziehe sich auf Mitteilungen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums vor Beginn von Abgasmessungen an die kalifornische Umweltbehörde CARB gesendet werden müssten. Dies sei „schlichtweg übersehen“ worden. Im Grunde seien dies Dinge, „die wir hätten umsetzen können, wenn wir achtsamer gewesen wären“, sagt Werner.

Zugleich betont Thompson, dass Volkswagen seine Bedenken ernst nehme. „Es sind eine Reihe von positiven Prozessen angestoßen worden.“ Bis der Konzern alle Verpflichtungen gegenüber der US-Justiz hinsichtlich Integrität, Compliance und Kultur erfüllt habe, sei aber noch einiges zu tun. „Dort sind wir noch nicht angekommen.“

Kulturwandel wird VW noch jahrelang beschäftigen

Der Aufseher überprüft neben der Marke Volkswagen und den sogenannten Konzernfunktionen auch die Tochter Audi, Volkswagen Chattanooga und die Volkswagen Group of America. Thompson hat für den Konzern auch Handlungsempfehlungen parat. Dabei geht es etwa um Analysen, ob umgesetzte Maßnahmen tatsächlich greifen, aber auch um Dokumentationspflichten.

Der Aufseher schlägt vor, Ungenauigkeiten in Schulungsstatistiken abzustellen. Volkswagen habe zudem eine Reihe von Gremien und Prozessen eingerichtet, um Abgas- und CO2-Ziele für einzelne Fahrzeuge festzulegen, um damit die Einhaltung in der gesamten Flotte sicherzustellen.

Vor allem Veränderungen in der Unternehmenskultur werden den Konzern noch über Jahre hinweg beschäftigen, sagt VW-Vorstand Werner: „Für den weiteren Kulturwandel rechne ich mit einem Dekaden-Horizont.“

Ursachenforschung ist nicht Thompsons Sache

Bis ins Jahr 2020 werde das Integritäts-Programm auf alle Marken ausgedehnt und so gut 70 Prozent der Belegschaft erreichen. „Wir haben einen Marathon vor uns“, erklärt Werner. Fünf Jahre später sollten weltweit alle Tochtergesellschaften und damit alle rund 650.000 Mitarbeiter erreicht werden.

Nicht zuständig ist der US-Aufseher Thompson unterdessen für die Aufklärung, wie es überhaupt zum Dieselskandal bei VW kommen konnte. Bei diesem Thema verweist er auf die laufenden Untersuchungen in den USA und Deutschland. „Das ist nicht auf meiner Verantwortungsliste“, sagt er. Er habe jedoch festgestellt, dass Volkswagen den Wandel ernst nehme.

Thompson verweist auf Aussagen des amtierenden Vorstandschefs von VW, Herbert Diess. Dieser will den Konzern „anständiger“ machen. Volkswagen müsse ehrlicher, offener und wahrhaftiger werden, hatte Diess im Mai vor den Aktionären des Konzerns angekündigt.