Millionenbauprojekt

Chinesen bauen eigene Batteriezellenfabrik in Thüringen

In das Werk in Erfurt sollen 240 Millionen Euro investiert werden und bis 2022 rund 600 Arbeitsplätze entsteheneis.

In das Werk in Erfurt sollen 240 Millionen Euro investiert werden und bis 2022 rund 600 Arbeitsplätze entsteheneis.

Foto: dpa Picture-Alliance / Duan Changzheng / picture alliance / Duan Changzhe

In das Werk im thüringischen Erfurt sollen 240 Millionen Euro investiert werden und bis zum Jahr 2022 rund 600 Arbeitsplätze entstehen.

Berlin.  Welche Tragweite eine Investition für den Standort Deutschland hat, das lässt sich meist daran erkennen, dass auch die Bundesregierung etwas dazu zu sagen hat – die sich ansonsten aus dem Marktgeschehen raushält. Zur Elektromobilität jedenfalls hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zuletzt einiges zu verkünden. Er wünsche sich mehr Tempo, betonte er vielfach. Und: Deutschland müsse den Anspruch haben, auch eine Batteriezellenproduktion anzusiedeln.

Bislang beziehen die deutschen Autobauer die Zellen für Autobatterien von asiatischen Zulieferern. Eine Abhängigkeit, die der Bundesregierung missfällt. Am Montag nun kündigte einer der weltweit führenden Hersteller für Batteriezellen, der chinesische Konzern CATL, eine erste Produktionsanlage in Europa an – sie soll im thüringischen Erfurt entstehen.

Gedämpfte Freude bei der Kanzlerin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang unterzeichneten in Berlin eine gemeinsame Erklärung. Bis zum Jahr 2022 wollen die Chinesen rund 240 Millionen Euro in das Werk investieren, 600 Arbeitsplätze sollen zunächst entstehen. Auch Forschung, Entwicklung und Logistik sind dort angesiedelt.

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach bei der Vorstellung des Projektes in Berlin von einer „Mega-Investition“, deren Bedeutung man gar nicht unterschätzen könne. Bei der Kanzlerin hingegen gedämpfte Freude. Die Batteriezellentechnologie werde von deutschen Anbietern bisher nicht angeboten, bemerkte sie, sodass die deutsche Autobranche auch chinesische Produkte kaufen dürfte. Aber: „Wenn wir es selbst könnten, wäre ich auch nicht traurig.“

BMW beteiligt sich an Kosten

Angeschoben wurde das Projekt durch einen Großauftrag von BMW. Der Münchner Autobauer will in den nächsten Jahren Zellen im Wert von vier Milliarden Euro von CATL beziehen. BMW-Einkaufschef Markus Duesmann bestätigte am Montag einen Vertrag für eine Kooperation über zehn Jahre. CATL werde ab 2021 aus Erfurt Zellen für das elektrisch und autonom fahrende Modell „iNext“ liefern. An den Kosten für die Fabrik in Thüringen habe sich BMW beteiligt, hieß es.Dass ein asiatischer Batteriezellenhersteller früher oder später auch in Europa produzieren würde, überrascht nicht.

Die hohen Logistikkosten sind ein wichtiger Posten in der Kalkulation der Unternehmen. Die Zellen haben ein hohes Gewicht und sind gefährlich zu transportieren. Es ergibt daher Sinn, die Produktion dorthin zu verlagern, wo die großen Autobauer sitzen. BMW etwa wird künftig die Zellen von Erfurt ins nur 400 Kilometer entfernte BMW-Werk Dingolfing fahren, wo diese zu Modulen zusammengebaut werden. CATL-Chef Robin Zeng kündigte bereits an, man werde die Präsenz in Europa weiter ausbauen.

Asiatische Hersteller beherrschen den Markt

An die asiatisch-deutsche Arbeitsteilung jedenfalls wird sich das Autoland Deutschland künftig wohl gewöhnen müssen. Einst war die Motorenentwicklung der Stolz der deutschen Autobauer. Für das Herzstück der Elektroautos, die Batteriezelle, gilt das nicht mehr. Längst teilen sich die Asiaten – darunter die Hersteller Panasonic/Sanyo und Sony aus Japan, LG Chem und Samsung SDI aus Südkorea sowie einige chinesische Zellfabrikanten – etwa 90 Prozent des Marktes.

Volkswagen ist derzeit der einzige deutsche Autobauer, der sich an die Fertigung der Zellen herantastet. Im Motorenwerk Salzgitter werden Vorbereitungen getroffen, damit die Produktion von Batteriezellen erprobt werden kann. Autoexperte Stefan Bratzel schätzt, dass die europäischen Unternehmen fünf bis zehn Jahre benötigen werden, um auf den Stand der asiatischen Hersteller zu kommen.

7,5 Millionen Euro Fördergelder sollen fließen

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Zum einen haben die deutschen Autobauer lange die Bedeutung der E-Mobilität unterschätzt. Die Hersteller argumentieren zudem mit hohen Kosten für die Zellenproduktion hierzulande. Das liegt auch an der Ökostrom-Umlage, die Strom vergleichsweise teuer macht. Wegen der Energiepreise sei eine Zellfertigung in Deutschland „nur denkbar, wenn die Fabrik von der EEG-Umlage befreit und subventioniert würde“, sagt etwa der Branchenexperte Jörn Neuhausen von der Beratung PwC.

Die Thüringer Landesregierung hat dem Konzern eine ganze Reihe von Angeboten zur finanziellen Unterstützung gemacht. 7,5 Millionen Euro Fördergelder sollen gemäß den EU-Regeln zur regionalen Wirtschaftsförderung fließen.

Bratzel fordert eine Art „Airbus für die Elektromobilität“

Noch stellt die Abhängigkeit von den Zulieferern kein Problem dar. Es gibt ausreichend Wettbewerber und Überkapazitäten. Doch schon Anfang 2020, wenn zahlreiche Hersteller E-Modelle auf den Markt bringen, dürfte sich das ändern. „Zölle oder eine unsichere politische Lage könnten zum Problem werden“, sagt Bratzel dieser Zeitung. Was, wenn die chinesischen Hersteller entschieden, bei Engpässen erst einmal die Autobauer im eigenen Land zu beliefern? Bratzel fordert daher eine Art „Airbus für die Elektromobilität“. Es müsse eine konzertierte Aktion in Europa geben.