Dieselskandal

Diese Spitzenmanager haben die Abgasfahnder jetzt im Visier

Erdbeben bei der VW-Tochter Audi: Vorstandschef Rupert Stadler sitzt als erster Manager aus der obersten Führungsriege im Dieselskandal in Untersuchungshaft.

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Die Aufklärung des Dieselskandals im Volkswagen-Konzern tritt in entscheidende Phase. Ermittler haben mehrere Manager im Blick.

Berlin.  Mit einem Haftbefehl klingelten Ermittler der Staatsanwaltschaft München II Montagfrüh an der Villa von Audi-Chef Rupert Stadler in Ingolstadt. Der Grund: Verdunkelungsgefahr bei der Aufklärung des Skandals um die Manipulation von Millionen Dieselautos des VW-Konzerns. Mit Stadler sitzt in dem Fall erstmals ein aktiver Vorstandschef in Untersuchungshaft. Die Aufarbeitung geht in die entscheidende Phase, an den Kern der Affäre: die handelnden Personen.

Die Verhaftung Stadlers, heißt es in der Branche am Tag nach seiner Festnahme, könne auch als Signal an Volkswagen verstanden werden. Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Dieselbetrugs soll der Konzern endlich kooperieren, offenlegen, wie es zu dem gigantischen Betrug kam. Das sollte etwa die US-Kanzlei Jones Day intern für VW aufklären. Der Bericht hat es nie an die Öffentlichkeit geschafft. Staatsanwälte beschlagnahmten ihn – dürfen die Expertise aber wegen eines Rechtsstreits nicht auswerten. Nun machen die Strafverfolger Druck.

Bislang ging es vor allem um viel Geld

Nur wenige Personen sind bisher für den Betrug zur Rechenschaft gezogen worden, vor allem in den USA, aber niemand, der wirklich verantwortlich ist. Es ging meist um Geld: Strafen und Bußgeld summieren sich in den USA auf 4,3 Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Euro). In Deutschland erging vor einer Woche wegen der Verletzung von Aufsichtspflichten eine Geldbuße über eine Milliarde Euro an VW.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt in vier Verfahren – Manipulation von Stickoxidwerten, falschen Kohlendioxidangaben, Marktmanipulation und Urkundenunterschlagung – gegen 49 Personen, darunter drei VW-Topmanager. In den wichtigsten Verfahren, Stickoxide und Marktmanipulation, gibt es große Fortschritte. Die Beteiligten sollten in diesem Sommer Akteneinsicht erhalten, sagte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe. Ähnliche Verfahren laufen bei der Staatsanwaltschaft München II gegen 20 Personen sowie in Stuttgart gegen einzelne.

Ob Spitzenmanager die Manipulationen angeordnet haben, ist offen. Jedenfalls besteht der Verdacht, dass sie Monate vor dem Auffliegen des Dieselbetrugs informiert gewesen sein sollen und den Verkauf betroffener Autos nicht stoppten. Das etwa wird Stadler angelastet. Die zentralen Personen:

Rupert Stadler: Die Staatsanwaltschaft München wirft dem inzwischen beurlaubten Audi-Chef im Zusammenhang mit dem Dieselskandal Betrug und geplante Beeinflussung von Zeugen oder Mitbeschuldigten vor. Vor einer Woche hatten Staatsanwälte sein Haus durchsucht. Seit Montag sitzt der 55-Jährige in der JVA Augsburg in Untersuchungshaft – diese kann ein halbes Jahr oder auch länger dauern. Stadler will den Ermittlern gegenüber aussagen. Von seinen Aufgaben als Audi-Chef und Vorstandsmitglied des VW-Konzerns ist er entbunden. Stadler habe selbst darum gebeten, berichtete Audi. An seine Stelle tritt zunächst Audi-Vertriebschef Bram Schot.

Martin Winterkorn: Der 71-Jährige war von 2007 bis zum Bekanntwerden des Dieselbetrugs im Herbst 2015 Chef des VW-Konzerns und steht damit im Zentrum des Abgasskandals. Hierzulande ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen Marktmanipulation und der Stickoxid-Thematik gegen ihn. Nach einer Strafanzeige der Finanzaufsicht Bafin ist auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen möglicher Marktmanipulation auf den Plan getreten – Winterkorn war dort für den VW-Mehrheitseigner Porsche SE tätig. In den USA liegt ein Haftbefehl vor.

Hans Dieter Pötsch: Der Chefkontrolleur des Volkswagen-Konzerns war bis Herbst 2015 Finanzvorstand der Wolfsburger und bei der Porsche SE. In Braunschweig und Stuttgart wird wegen möglicher Marktmanipulation gegen den 67-Jährigen ermittelt.

Herbert Diess: Auch gegen den amtierenden VW-Vorstandschef besteht der Verdacht der Marktmanipulation, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Diess (59) war erst im Juli 2015 vom Konkurrenten BMW als Markenchef zu VW gewechselt, im September kam der Dieselskandal ans Licht.

Matthias Müller: Der ehemalige Porsche-Chef löste im September 2015, mitten in der Krise, Martin Winterkorn an der Konzernspitze ab. Er sollte den Neuanfang bringen. Tatsächlich glänzte Müller (64) mit guten Bilanzzahlen – doch intern konnte er sich wegen umstrittener Alleingänge nicht halten. Im April musste er gehen, verschwand völlig aus der Öffentlichkeit. Wegen seiner früheren Tätigkeit für die Porsche SE hat ihn die Staatsanwaltschaft Stuttgart seit Mai 2017 im Visier. Der Verdacht auch hier: Marktmanipulation. Die Ermittlungen liefen weiterhin, sagte Staatsanwalt Heiner Römhild, ohne einen Sachstand zu nennen.

Wolfgang Hatz: Der frühere Motorenchef bei Audi und Porsche-Forschungsvorstand sitzt seit September 2017 in Untersuchungshaft. Der 59-Jährige bestreitet, an den Abgasmanipulationen beteiligt gewesen zu sein.

Oliver S.: Der Manager war in den USA für VW für die Kontakte zu den Umweltbehörden zuständig. Dort sitzt er derzeit eine siebenjährige Haftstrafe ab – verurteilt in Detroit im vergangenen Dezember wegen Verschwörung zum Betrug und Verstoßes gegen Umweltgesetze. Wenig später entließ der Konzern S.

Giovanni P.: Der ehemalige Audi-Motorenentwickler gilt inzwischen als eine Art Kronzeuge im Dieselskandal. Von Juli bis November 2017 saß er als erster in Untersuchungshaft. Er schilderte den Ermittlern im Detail, wie es zu den Manipulationen kam, er soll hochrangige Manager schwer belastet haben.