Studie

Abgabenlast in Deutschland liegt weit über dem Durchschnitt

Nur in Belgien ist die Steuerlast höher als in Deutschland.

Nur in Belgien ist die Steuerlast höher als in Deutschland.

Foto: Tobias Hase / dpa

In Deutschland zahlen Arbeitnehmer mehr Steuern als in anderen Industriestaaten. Eine OECD-Studie kritisiert das deutsche Steuerrecht.

Berlin.  In kaum einem anderen Industrieland ist die Belastung der Einkommen durch Steuern und Abgaben so hoch wie in Deutschland. 2017 musste ein durchschnittlich gut verdienender Arbeitnehmer 39,9 Prozent seines Lohnes für Einkommensteuern und Sozialabgaben aufwenden. Rechnet man den Anteil, den Arbeitgeber leisten müssen, hinzu, liegen die Abgaben hierzulande bei fast 50 Prozent.

Das zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Nur in Belgien war demnach die Belastung der Einkommen höher. Im Durchschnitt der 35 untersuchten Länder lag die finanzielle Last bei lediglich 35,9 Prozent. Auch sind die Abgaben 2017 im Schnitt leicht gesunken – in Deutschland aber stiegen sie um 0,2 Punkte an.

Experten fordern Verzicht auf Solidaritätszuschlag

Angesichts dieser hohen Werte fordert der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, die Bundesregierung zum Handeln auf: Die Tatenlosigkeit führe dazu, „dass die gute Lohnentwicklung nicht in den Taschen der Arbeitnehmer ankam, sondern zu einem großen Teil beim Staat landete“, sagte er unserer Redaktion.

Hüther schlägt daher die Abschaffung des Solidaritätszuschlags vor. Zudem gebe es bei den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung Entlastungsspielräume. Auf diese beiden Posten verweist auch der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel. Tatsächlich würde eine Absenkung der Sozialbeiträge Abhilfe schaffen.

Denn es ist nicht in erster Linie die Steuerlast, die das Einkommen der Bürger schröpft. Dieser Anteil an den Abgaben ist im OECD-Vergleich nicht der höchste. Grund sind vielmehr die vergleichsweise hohen Beiträge für die Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung.

OECD kritisiert Ehegattensplitting

An diesen leisten – das kommt erschwerend hinzu – die Arbeitgeber in Deutschland einen sehr geringen Anteil. Die OECD sieht darin eine Benachteiligung vor allem von Geringverdienern und Alleinerziehenden. Diese seien besonders stark belastet, betont die Organisation.

Hingegen stark bevorzugt werden hierzulande noch immer Arbeitnehmer, die das traditionelle Familienmodell pflegen. Die finanzielle Last einer Modellfamilie mit zwei Kindern, in der nur einer der Partner arbeitet, lag 2017 bei kapp über 20 Prozent – und damit deutlich unter dem, was ein Alleinstehender leisten muss. Das liegt vor allem am Ehegattensplitting – einer Spezialität des deutschen Steuersystems.

Die OECD kritisiert das Modell, weil es einen Partner – zumeist die Frau – davon abhält zu arbeiten. Sie plädiert für eine Steuerpolitik mit Arbeitsanreizen für Geringverdiener und Bezieher mittleren Einkommens. So sei es mehr Menschen möglich, am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben.