Hamburg

Kampfschiffe: Blohm + Voss ringt um Milliardenauftrag

Die Fregatte "Baden Würtemberg" liegt im Dock der Werft Blohm und Voss. Hier könnten die Mehrzweckkampfschiffe gebaut werden

Die Fregatte "Baden Würtemberg" liegt im Dock der Werft Blohm und Voss. Hier könnten die Mehrzweckkampfschiffe gebaut werden

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Scholz / picture alliance / dpa

Hamburger Werft könnte durch den Auftrag bis zu 200 zusätzliche Stellen schaffen. Doch das Projekt birgt viel Zündstoff.

Hamburg.  Das Bundesverteidigungsministerium hat an Norddeutschlands Küste einen industriepolitischen Machtkampf ausgelöst. Es geht um 3,5 Milliarden Euro, die aus dem Verteidigungsetat für einen Auftrag zum Bau von vier Mehrzweck-Kampfschiffen (MKS 180) bereitgestellt werden. Es handelt sich dabei um eine völlige Neuentwicklung und um technologische Kompetenzen, die alle deutschen Schiffbauer erwerben wollen.

Doch das Projekt birgt viel Zündstoff, nachdem das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr die zwei bedeutendsten deutschen Unternehmen im Marineschiffbau, Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) mit Sitz in Kiel und die Lürssen-Gruppe mit Sitz in Bremen, vor zwei Wochen aus dem Vergabeverfahren ausgeschlossen hat.

Seitdem sind mit der niederländischen Werft Damen Schelde Naval Shipbuilding und den German Naval Yards, die einem libanesischen Geschäftsmann gehören, nur noch Firmen mit ausländischem Hintergrund im Rennen. Zumindest fast. Denn in Hamburg verhält es sich anders.

Blohm + Voss ist Partner von Damen-Werft

An der Elbe ist nämlich die Heimat der traditionsreichen Werft Blohm + Voss, und deren Chancen auf den Milliardenauftrag von der Bundeswehr sind nach dem Rauswurf von Lürssen aus dem Vergabeverfahren sogar gestiegen. Zwar ist Blohm + Voss seit Ende 2016 ein Tochterunternehmen der Lürssen-Gruppe. Aber die Werft hat bereits 2015, also lange vor der Übernahme, mit der niederländischen Werft Damen eine Partnerschaft zum Bau der MKS 180 geschlossen und das Gebot gemeinsam abgegeben.

Während andernorts also der Ausverkauf der deutschen Marine-Schiffbaukompetenz beklagt wird, kämpfen die Hamburger dafür, dass Damen den Zuschlag bekommt – sie würden davon erheblich profitieren.

In welchem Maße, das geht aus einem Brief hervor, den der Geschäftsführer der Hamburger Werft, Dieter Dehlke, zusammen mit dem Damen-Chef Hein van Ameijden an die Bundestagsfraktionen geschrieben hat. Demnach werden die vier Schiffe nicht in Holland, sondern in der Hansestadt gebaut. Sollte die Bundeswehr die Option für zwei weitere MKS 180 ziehen, würden auch diese in Hamburg gebaut.

Damit würden Hunderte Arbeitsplätze am Standort für viele Jahre gesichert. Zudem würden für das Projekt 150 bis 200 weitere Ingenieure benötigt. Damen übernimmt das grundsätzliche Design der neuen Schiffe. Die detaillierte Ausgestaltung soll aber wiederum in Hamburg erfolgen. „Damit würden alle strategischen Schlüsselkompetenzen für den Überwasserschiffbau in Deutschland wiederhergestellt werden – wie im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD beschlossen“, heißt es in dem Schreiben.

IG Metall Küste fordert AG deutscher Werften

Völlig anders beurteilt das die IG Metall Küste, die die deutschen Werften durch den Ausschluss von TKMS und Lürssen in Gefahr sieht und schnelle Maßnahmen von der Bundesregierung fordert. „Die Regierung muss den Bau von Überwasser-Marineschiffen als Schlüsseltechnologie einstufen, wie es die Parteien in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart haben“, forderte der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Meinhard Geiken, am Mittwoch nach einer Konferenz mit Betriebsräten aus der Branche in Hamburg. Das würde die Möglichkeit eröffnen, auf ein europäisches Vergabeverfahren zu verzichten und die Wertschöpfungskette von der Konstruktion über den Bau bis zur Wartung in Deutschland zu erhalten.

Geiken plädiert also dafür, dass die Bundesregierung das Vergabeverfahren der Bundeswehr aushebelt und durch eine Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Werften ersetzt. „Es geht nicht um einen einzelnen Standort, der jetzt vielleicht einen Auftrag bekommt oder nicht“, betonte Geiken. Es würden auch viele Zulieferfirmen an den deutschen Aufträgen hängen.

Die Zulieferbetriebe sieht Dehlke bei seiner Partnerschaft mit Damen hingegen berücksichtigt. Sollten sie den Zuschlag bekommen, würden mehr als 100 deutsche Zulieferfirmen aus verschiedenen Bundesländern durch zahlreiche Unteraufträge einbezogen. „Die Partnerschaft würde den deutschen Mittelstand massiv am Projekt beteiligen. Wir würden auf die im Schiffbau bewährten Wertschöpfungsketten in Deutschland zurückgreifen“, heißt es in dem Brief an die Fraktionen.

Chinesische Mauer soll Konflikte vermeiden

Dass es innerhalb der Lürssen-Gruppe zu einem Konflikt kommt, wenn Blohm + Voss die neuen Schiffe mit Damen baut, denkt Dehlke nicht. „Wenn wir mit Damen den Zuschlag erhalten, würde uns Lürssen völlig unterstützen“, sagte er dem Abendblatt. Um Beeinflussungen zu vermeiden, hat das Unternehmen eine „Chinese Wall“ (chinesische Mauer), wie es in der Wirtschaftswelt heißt, zwischen den beiden Arbeitsfeldern hochgezogen. Die Mitarbeiter, die mit Damen verhandeln, sind von Lürssen abgetrennt.

Wie sehr der Vergabestreit die Schiffbauer spaltet – auch das zeigt sich in Hamburg. Während Blohm + Voss hofft, sind auf dem gleichen Gelände rund 500 Konstrukteure von TKMS beschäftigt, die das neue Kampfschiff entwickeln wollten und nun um ihre Jobs bangen. Die Gründe für den Auftragsausschluss hat die Bundeswehr übrigens nicht öffentlich gemacht. Gerüchten zufolge geht es – wie so häufig – mal wieder ums Geld: TKMS und Lürssen wollten mehr als 3,5 Milliarden Euro haben.

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