Buchmarkt

Wie das gedruckte Buch neuen Formaten weichen muss

Bücher vor einem Antiquariat in Berlin.

Bücher vor einem Antiquariat in Berlin.

Foto: imago stock / imago/Seeliger

Die Zahl der Buchkäufer geht weiter zurück. Das Leseverhalten hat sich zuletzt gravierend verändert. Der Büchermarkt ist im Umbruch.

Berlin.  Seit Monaten dominieren seine Sachbücher die Bestsellerlisten Deutschlands. Mehr als 150.000-mal hat sich „Das geheime Leben der Bäume“ bereits verkauft. Peter Wohlleben, Förster in der Eifel, schreibt darüber, wie Bäume miteinander sprechen, und trifft damit den Nerv der Zeit. Es geht um den Verlust der Natur, um die Sehnsucht nach Ruhe, um Einfachheit.

Wohlleben ist ein Starautor – einer von wenigen in Deutschland. Denn die Zahl der Käufer geht zurück, das Leseverhalten hat sich gravierend verändert, der Markt ist im Umbruch. Gut verdienende Autoren sind selten geworden, das Medium Buch ist schwer unter Druck. „Das bedrohte Leben der Bücher“, könnte ein Sachbuch über den Verfall der Absatzzahlen lauten.

In Buchbranche herrscht Angst vor der Zukunft

In nur fünf Jahren reduzierte sich der Umsatz gedruckter Bücher um dreizehn Prozent auf etwa acht Milliarden Euro im Jahr 2016. In der Branche herrscht kurz vor der Buchmesse in Frankfurt am Main eine Stimmung aus Resignation und Furcht vor der Zukunft. Denn der Trend zeigt weiter nach unten. Laut Börsenverein des deutschen Buchhandels haben im vergangenen Jahr rund 30 Millionen Menschen Bücher gekauft – im Vorjahr waren es noch über zwei Millionen mehr.

Auch bei den E-Books reduzierte sich die Zahl der Käufer. Zwar legte die Branche bei den Umsätzen um rund einen Prozent zu und kam auf rund 9,2 Milliarden Euro Umsatz. Doch im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren sind die Einnahmen rückläufig. Auch die Zahl neuer Titel ist gesunken. Etwa 72.000 Sachbücher, Romane, Krimis, Thriller, Kinder- und Jugendbücher in Erstauflage kamen auf den Markt – fast fünf Prozent weniger als 2015.

Menschen nehmen sich weniger Zeit zum Lesen

Manche Buchhändler versuchen, mit Merchandising-Produkten wie Stofftieren, Schreibwaren oder bedrucktem Geschirr über die Runden zu kommen. Doch von Untergangsstimmung will Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, nichts hören. „Der Buchmarkt ist der wichtigste Kulturmarkt Deutschlands“, sagt der Branchenexperte. Ein Zeichen für die Lesebegeisterung ist für Zimmermann die hohe Anzahl an Büchern, die neu auf den Markt kommen. „Die Verlage produzieren keine Bücher, von denen sie nicht glauben, dass man sie verkaufen kann“, sagt er.

Klar ist aber auch: Der Markt ist im Umbruch. Das Leseverhalten hat sich gravierend verändert. Jugendliche und junge Erwachsene lesen heutzutage viel weniger, nehmen sich ohnehin weniger Zeit für Bücher. Gelesen wird über E-Reader, auf dem Tablet, in Häppchen. Langes Lesen, die Konzentration auf ein Buch fallen vielen schwer. Spotify, YouTube, Snapchat – die unterschiedlichsten Medien werden parallel genutzt.

Digitalisierung stößt gedrucktes Buch „vom Thron“

Eine Entwicklung, die die Literaturagentin Rebekka Göpfert ernst nimmt, aber nicht beunruhigt. Neue Formate und die Digitalisierung hätten das Buch „vom Thron“ gestoßen, sagt sie. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es in zehn bis 15 Jahren immer noch gedruckte Bücher gibt.“ Seit rund 30 Jahren ist sie in der Branche. Einbrüche bei den Buchumsätzen, Veränderungen am Markt hat sie mehr als einmal erlebt.

Sie rechnet damit, dass der Buchmarkt schrumpfen wird. Und vermutet auch, dass einige Verlage am Markt nicht überleben werden. „Wir haben eine Überproduktion an Büchern, und die wird gedrosselt werden“, sagt sie. Zugleich wird es etliche Verlagsneugründungen geben, vermutet sie. Mit speziellen inhaltlichen Ausrichtungen werden diese Verlage bestimmte Zielgruppen in den Blick nehmen. Eltern beispielsweise. Oder Senioren, Hobbygärtner, Menschen die sich für Homöopathie interessieren, für Tiere, Musik.

Vor allem die Preise für Romane sind gesunken

„Der Buchmarkt ist keineswegs am Ende“, sagt Petra Hermanns. Ihr Geschäft ist es, Autoren und Schriftsteller zu unterstützen, um mit ihren Werken auf den Buchmarkt zu kommen. Die Umsatzeinbrüche führt Hermanns vor allem auf die gesunkenen Buchpreise zurück. Tatsächlich sind laut Börsenverein vor allem die Preise für Romane gesunken. Auch Kinder- und Jugendbücher wurden billiger.

Rund zehn Euro für ein Taschenbuch halten viele bereits für zu teuer. Schließlich sind für das gleiche Geld mehrere E-Books zu haben. Und überhaupt. Bei Netflix kann man sogar für wenige Euro Hunderte Filme anschauen. „Mit den Flatrates und preiswerten Buchangeboten im Selbstverlag verändert sich zusätzlich das Preisgefühl für ein Produkt“, sagt Hermanns.

Vermarktung der Schriftsteller wird wichtiger

Sie spricht von einem tiefen Einschnitt in den Buchmarkt. Die Vermarktung der Schriftsteller bekommt einen immer größeren Stellenwert. Wer ein Buch veröffentlicht und sich von der Konkurrenz abheben will, braucht eine Geschichte zu seiner Person, muss auf vielen Kanälen präsent sein.

„Ein Rezept für einen Bestseller gibt es nicht“, sagt Hermanns. Manchmal geht es schlicht darum, mit dem passenden Thema zur richtigen Zeit am Markt zu erscheinen. Das hat Wohlleben mit seinen Waldbüchern geschafft. Oder auch Giulia Enders mit ihrem Bestseller „Darm mit Charme“.

Selbst gefeierte Bücher verkaufen sich eher schlecht

„Der Büchermarkt wird noch ein wenig in der Delle verharren“, meint Hermanns. „Aber sich dann wieder erholen.“ Sie hofft, dass der Buchmarkt nicht das gleiche Schicksal erfährt wie die Musikbranche. Längst kaufen Musikliebhaber ihre Lieblingstitel nicht mehr auf CD, sondern online. Der Buchmarkt solle davon ausgehen, dass die Menschen Bücher lieben, sagt Hermanns. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Selbst Bücher, die von der Branche gefeiert und mit Auszeichnungen überhäuft werden, verkaufen sich oft nur ein paar Tausend Mal.